Kategorie: Schularbeiten
Eingesendet: 07.02.2010
Wörter: 14053
Autor: BesnaiErwed
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Gesamtinterpretation von Peter Weiss´ Erzählung "Abschied von den Eltern" Besnai Erwed S 4 Gesamtinterpretation von Peter Weiss´ Erzählung "Abschied von den Eltern" Der Autor und Maler wurde am 8. November 1916 in eine bürgerliche jüdische Familie geboren

Der Autor und Maler wurde am 8. November 1916 in eine bürgerliche jüdische Familie geboren, mit der er 1934 Deutschland verließ. Am 10. Mai 1982 starb er als anerkannter Künstler in Stockholm.

Anlässlich des kurz aufeinander folgenden Todes beider Eltern beschreibt der Protagonist sein Aufwachsen in einer Eltern-Kind-Beziehung in der er ebenso, wie in seiner Beziehung zur Außenwelt, Ohnmacht, Bedrohung, Abhängigkeit und Verwirrung erlebt. Als Heranwachsender und zunehmend als junger Erwachsener, beginnt er zu erkennen, dass das Ausleben seines Bedürfnisses Kunst zu schaffen, sowie einer Sexualität "auf Augenhöhe" für ihn der Weg zu sich selbst ist.
Peter Weiss lässt den auktorialen Erzähler vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte seine Suche nach innerer und äußerer Selbstbefreiung - und Verwirklichung in der Vergangenheitsform schildern. Dabei hält er sich, soweit ein Abgleich mit den veröffentlichten Eckdaten seines Lebens diesen Rückschluss erlaubt, oft so nah an die Realität, dass die autobiografischen Züge überwiegen.
Assoziationen sowie Träume und Fiktionen unterstreichen dazu noch den Eindruck einer inneren Wahrhaftigkeit.
Mit der Gestaltung der Erzählung als untrennbarer absatzloser Block verweist der Schriftsteller auf den ebenso von sich selbst untrennbaren Zusammenhang seines Lebens. Distanzlos, wie die gewährten Einblicke in die Erlebnis- und Gefühlswelt, ist damit auch der interne Textaufbau.
Detailgenaue Beschreibungen von Situationen und Gefühlen sowie der Wechsel zu inneren Dialogen, nehmen Einfluss auf die Gewichtung des Erzählten.

Inhalt

Mit dem Tod der Eltern und der Auflösung von deren Heimstatt wird dem Sohn bewusst, dass er selbst in seiner Familie nie eine emotionale Heimat besessen hat. Seine Trauer gilt der Beziehung, nicht den Personen. Die autoritäre Schule erlebt er als brutale Repression, die sogenannte Freundschaft zu Friederle und seiner Clique als Opfer physisch und psychisch ausgeübter Gewalt. Bei den Pfadfindern macht er ansatzweise homosexuelle Erfahrungen, wird dort selbst zum Unterdrücker.
Das Verhalten der Mutter, zu der er sich zugleich sexuell hingezogen, wie auch von ihr abgestoßen fühlt, bei der Waschung seines Gliedes und deren Gleichsetzung von Sexualität mit Schmutz, führen zu Schuldgefühlen, gepaart mit Wollust.
Ein Gefühl von Freiheit erlebt er zurückgezogen fantasierend auf dem Dachboden, wo sich ihm aus Briefen, Bildern und Kofferfunden die Vergangenheit der Eltern und die Exklusivität von deren Beziehung erschließt. Die Mutter, eine einstmals gefeierte Schauspielerin, verzichtet, um der Heirat mit dem Kämpfer aus dem ersten Weltkrieg Willen, auf ihre Karriere. Der Vater verlangt von ihr, in einem Schreiben aus dem Felde, im Falle seines Todes den Rest ihres Lebens allein zu verbringen.
Beim Lesen von Abenteuerbüchern erahnt der Protagonist eine Freiheit, die er noch nicht kennen gelernt hat.
Als Pubertierender treibt er ein inzestuöses nächtliches Spiel mit seiner Schwester Margit.
Nach deren Unfalltod beginnt er ernsthaft zu Malen, während er vor dem Hintergrund des sich in Deutschland weiter ausbreitenden Nationalsozialismus den Beginn des Auseinanderbrechens seiner Familie wahrnimmt. Er merkt an, dass er ohne des Vaters jüdische Herkunft Gefahr gelaufen wäre, sich von den Nazis begeistern zu lassen.
Die Familie emigriert zunächst nach London.
Widerwillig nimmt er im Umfeld seines Vaters kaufmännische Tätigkeiten auf, während der er von einem Leben als Künstler träumt. Durch die kurze Freundschaft mit Jacques verfestigt sich seine Selbstwahrnehmung als Kreativer.
Die Familie zieht nach Böhmen, wo der Erzähler zunächst erneut einen ungeliebten Broterwerb in der Textilfabrik , in der sein Vaters arbeitet, ausübt. Später geht er um eine Lehre in diesem Beruf zu machen nach Prag. Dort gelingt ihm, mit Unterstützung durch den berühmten Schriftsteller Haller und dessen Freund Max, endlich der Sprung an die Kunstakademie.
Während eines vom Vater finanzierten Probejahres dort, verfällt er in einen depressiven Schaffenszwang, dem er sich jedoch nicht gewachsen fühlt. Zutiefst unglücklich durchlebt er eine Phase künstlerischer und sexueller Impotenz, verbunden mit menschlicher Missachtung gegenüber den jedes Mal wechselnden Frauen, die ihm als sexuelle Übungsobjekte dienen.
Nach Ablauf der Jahresfrist verlässt er die Stadt, über die das Inferno des 2. Weltkriegs hereingebrochen ist und zieht sich in eine idyllische dörfliche Landschaft mit einem Bergsee zurück.
Hier erlebt der Künstler erstmals das Glück einer Liebesbeziehung und gleichsam nebenbei, gelingen auch Zeichnen und Schreiben in dem Maße, in dem sie unwichtig werden.
Seine Familie ist inzwischen nach Schweden umgezogen und von ihr noch immer finanziell abhängig, muss er folgen. Erneut arbeitet er beim Vater, diesmal in dem von ihm aufgebauten eigenen Betrieb. Er fühlt seine Gefangenschaft und die seiner Kollegen in dem Produktionsprozess. Da wächst in ihm die Erkenntnis, dass nicht äußere Umstände, sondern seine eigene Unfähigkeit sich aus den Fesseln der Abhängigkeit von der Familie zu lösen, ihn bisher daran gehindert haben, seinen eigenen Weg zu gehen.

Personal

Der Erzähler erscheint als ein von Selbstzweifeln und tatsächlicher, wie eingebildeter Ohnmacht, geplagter Mensch, bis er sich endlich von seinen bürgerlichen Eltern zu lösen wagt. Er ist sensibel und voller Fantasie, seine Träume sind das Beste in seinem Leben. Doch neigt er dazu, seine Selbstwahrnehmung durch ´den Genuss von Leiden` zu intensivieren. In der Kindheit ist er auf Unterwerfung trainiert, die Auflehnung wird für seine
Unterdrücker nach außen kaum sichtbar. Ihm kommt erst spät die Idee, seine persönliche und künstlerische Selbstverwirklichung, unabhängig von der elterlichen Akzeptanz und finanziellen Unterstützung, in die eigenen Hände zu nehmen.

Für die Eltern steht im Vordergrund die Aufrecherhaltung ihres Heims. Seine formale Existenz ersetzt für sie die emotionale Geborgenheit eines funktionierenden Familienlebens. Den Kindern gegenüber scheint ihre Beziehung desinteressiert und abgeschottet.
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Die dominante Mutter legt nach Beendigung ihrer schauspielerischen Karriere das Gefühl ihrer Wichtigkeit nur teilweise ab und bleibt in der Familie die mächtigste Person. Ob es um das persönliche Ausführen oder Anordnen körperlicher Übergriffe durch den Vater oder die Rettung des Sohnes von der Verschickung geht, Wohl und Wehe liegen in ihren Händen.

Der im Allgemeinen eher zurückhaltende Vater tritt überwiegend als Ernährer und ausführendes Organ der mütterlichen Gesinnung in Erscheinung. Seine Besitz ergreifende Liebe und Eifersucht jedoch gehen noch über die Vorstellung des Todes hinaus, als er von seiner Frau verlangt, einen Ring von ihm, selbst in diesem Falle, niemals an einen anderen Mann weiterzugeben.

Die früh gestorbene Schwester Margit, mit der der Erzähler inzestuöse Erfahrungen durchlebt, wird allenfalls durch ihre sexuelle Neugier charakterisiert. Ansonsten ist sie das Objekt erinnernden Begehrens, das zwischen dem Protagonisten und der Wirklichkeit steht. Ihr Tod löst, einer Krankheit gleich, den ersten künstlerischen Schub aus.

Friederle erweist sich bereits bei der ersten Begegnung als heimlicher sadistischer Unterdrücker, der nach außen als Freund auftritt. Als Erwachsener macht er bei den Nazis eine militärische Karriere, die ganz den anfangs geweckten Erwartungen entspricht.

Das ungebildete alte Hausmädchen Auguste gibt dem Kind die Anteilnahme an seiner Abenteuerlust und die emotionale Zuwendung, die ihm seitens der Eltern versagt bleiben.

Die Spielgefährtin Tamina küsst den kleinen unsicheren Ich-Erzähler und nicht den starken
selbstsicheren Friederle. Durch diese Bevorzugung legt sie einen Grundstein für dessen Hoffnung auf Liebe und Anerkennung.

Fritz W. zeigt dem Protagonisten dass das Zusammenleben innerhalb einer Familie ohne Unterdrückung und Verklemmtheit gelingen kann. Nicht Leistung, sondern der Wert eines Menschen an sich, steht für ihn im Vordergrund.

Die naiv-fröhliche Elfriede ermöglicht dem Erzähler während ihrer Turnstunden spielerische sexuelle Erfahrungen mit einer beinahe erwachsenen Frau. Angst hat er hierbei nur vor Entdeckung.

Seine älteren Halbbrüder, der jüngere Bruder und seine Schwester Irene bleiben Statisten.

Der selbstständige und exotische Künstler Jacques ermöglicht dem Protagonisten durch seine Freundschaft einen Blick in ein Leben in Freiheit. Als dieser ihn nach kurzer Zeit verlässt, kann er es sowenig ertragen, dass er ihn, als er mit dem Zug abfährt, pantomimisch erschießt.

Der Schriftsteller Haller ist als Künstler ein hoch verehrtes Vorbild und stärkt mit seiner Reaktion auf das Schreiben das Selbstbewusstsein des Erzählers. Mit dem Verweisen an seinen Freund Max verhilft er ihm indirekt zum Eintritt in die Prager Kunstakademie und direkt zu einer lebenslangen Freundschaft mit diesem.

Die Frau am See verhilft dem Künstler endlich zu einer erfüllten Sexualität.

Zu erwähnen bleibt noch die Traumfigur des Jägers. Bei ihrem erstmaligen Erscheinen
hat sie nur eine aufrüttelnde, doch folgenlose Wirkung auf den Künstler. Beim zweiten Mal erscheint sie als ein zwischen Traum und Wirklichkeit sowie Erinnerung und Fantasie changierendes Symbol seiner Metamorphose.

Interpretatorischer Teil

Die starke Emotionalität dieser bildreichen Sprache vermittelt eine Nähe zu Ereignissen und Gefühlen, die den Lesenden mit dessen eigener innerer Welt sowohl konfrontieren kann, als auch verbinden.
Die inzwischen vergangene Zeit, der damit verbundene punktuelle Wandel gesellschaftlicher Anschauungen und Werte und die vom Schreibenden selbst mit voran getriebene kritische Sicht auf das Verhalten und Erleben des Protagonisten, erschweren es jedoch gelegentlich, in dieser Nähe zu verharren.
Ein lückenhaftes undatiertes Tagebuch, ein Brief an sich selbst, der der Aufarbeitung erlittener Traumata dient, ist "Abschied von den Eltern" ebenso, wie das Angebot des Autors, den Protagonisten auf die Reise an den Beginn seiner Emanzipation zu begleiten.
Dabei handelt es sich sowohl um eine Reise durch die geschichtsträchtige Zeit vom Aufkeimen des Nationalsozialismus bis weit hinein in den 2. Weltkrieg, als auch in die parallel dazu verlaufende Kindheit und Jugendzeit des Erzählers.
Die beim Durchschreiten seiner Lebenssituationen entstehenden Träume, Gedanken und Gefühle werden augenblicklich und übergangslos mitgeteilt, und auf diese Weise die Leser in das innere Erleben ebenso mit einbezogen, wie bei der Beschreibung des äußerlich Sichtbaren.
Die entstehende Nähe ist manchmal so eng, als befände man sich in ´Kopf und Herz` des Protagonisten. Nicht immer jedoch ist eine solche Nähe angenehm.
So wie die zwanziger Jahre in Deutschland politisch bereits den im Dunkeln allmählich aufgehenden Samen der braunen Ära in sich trugen, keimte auch, als Peter Weiss seinen Text schrieb, schon heimlich unter dem Wirtschaftswunderasphalt das Pflänzchen der "Sexuellen Revolution", die sich in den sechziger Jahren in der Gesellschaft anbahnte.
Mit den expliziten Erörterungen seiner sexuellen Erlebnisse, inklusive inzestuöser Handlungen an seiner Schwester, hatte er, als Kind seiner Zeit, Anteil an der Idee auch das Privateste ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen.
Der Protagonist nutzt bei der Ausleuchtung der finsteren Winkel seiner Seele, wobei es ihm um deren dauerhafte Beseitigung geht, den Hintergrund der geschichtlichen Situation während seines Erlebens,
der Autor den der gesellschaftlichen Situation während seines Schreibens. Er geht damit auf den gerade öffentlich aufkommenden Wunsch der jüngeren Generation ein, der am deutschen Desaster beteiligten autoritären Elterngeneration das Deckmäntelchen des Schweigens aus den Händen zu ringen.
Ostermärsche, die Wiederbewaffnung Deutschlands, seine Eingliederung in die westliche Allianz, Kalter Krieg und Mauerbau schaffen das gesellschaftliche Klima, in das Peter Weiss direkt hineingeschrieben hat.
Dieser Hintergrund macht deutlich, dass die manchmal schwer zu ertragende Distanzlosigkeit gegenüber Dritten als bewusste Abgrenzung, sowohl gegenüber den Eltern in der Erzählung, als auch gegenüber dem Unter-den-Tisch-Kehren in der Gesellschaft dient.
Mit der bereits in der Form einer öffentlichen Beichte enthaltenen Selbstkritik hofft der Erzähler auf Absolution, vor allem durch sich selbst.
Dies wird besonders deutlich, wenn er sich beim "Durchreichen" erlittener, auch sexueller Gewalt an einen Schwächeren bei den Pfadfindern mit dem verhassten Friederle vergleicht. Ebenso unterstreicht er diese These mit der Beschreibung des Missbrauchs der Frauen als sexuelle Übungsobjekte in seiner Prager Zeit, wie mit dem geäußerten Wunsch sich anders zu verhalten.
Ein positives sexuelles Erregungsgefühl kann er nur bei der Erinnerung an seine Schwester
Margit empfinden. Zum einen, weil er sie tatsächlich geliebt hat, zum anderen, weil er gegenüber einer Toten nicht versagen kann.
Künstlerisch wirklich kreativ sein kann er in dieser Phase ebenfalls nicht, er muss erfahren, dass seine künstlerische Impotenz nicht an das Zusammensein mit den Eltern und die Ausübung eines bürgerlichen Berufs gebunden ist. Die Erkenntnis, dass die Mauer, die zwischen ihm und seiner Selbstverwirklichung als Künstler sowie einem Menschen mit geglückter Sexualität steht, sich in seinem Kopf befindet, erwächst ihm zu dieser Zeit noch nicht.
Trotz mehrmaliger Versuche einer wenigstens räumlichen Loslösung von seinen Eltern kehrt er immer wieder zu ihnen zurück. Die Chance, sich von ihnen zu emanzipieren sieht er erst, als es ihm gelingt, an dem Bergsee mit einer Frau zu schlafen und sich vom künstlerischen Leistungsdruck zu befreien. Er kann dort einen Blick in das gelobte Land werfen, in dem es ihm gelingt die Spaltungen und Brüche in seinem Inneren zu heilen.
Sexualität und Kreativität hängen für ihn untrennbar zusammen.

Anmerkung des Einsenders: Der Text wurde von mir für S 3 erstellt.

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