Lang, lang lebe der Tod

Fri, 08 Jul 2016 15:54:00 GMT von

Nichts für seichte Gemüter, aber dafür mit umso mehr Diskussionsgrundlage für Interessierte. Seit einigen Tagen existiert zu Caspers erster Single, aus dem am 23. September folgenden gleichnamigen Album "Lang lebe der Tod", ein düsteres Video.

Dass Casper kein Gute-Laune-Hampelmann ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Mit dem am 04. Juli veröffentlichten neuen Video zum Albumtrack "Lang lebe der Tod" hat sich Benjamin Griffey diesmal in Punkto Morbidität aber selbst übertroffen. Eine in schwarz-weiß gehaltene Geschichte in allerfeinster Hitchcock Erzählweise, mit ideologischer Verblendung verbrämt und das ganze auf einem Teppich grundverschiedener Musikstile, mit Tempowechseln und illustrer Gästeschar. Ganz schön viel Programm für rund vier Minuten. Was erwartet den hörenden Zuschauer? Kometen am nächtlichen Himmel, ein flüchtendes Paar bei Nacht, rituelle Handlungen und eine Menge Anspielungen auf biblische Plagen. Wut, Verzweiflung und überhaupt eine Menge emotionales Drama - Blut und ein herausgeschnittenes Herz nicht zu vergessen.

Liebe, Tod und Drama

Wenn der Clip zu Ende gelaufen ist, wird so mancher vielleicht kalten Schweiß auf der Stirn haben, aber möglicherweise dennoch die Wiederholung von "Lang lebe der Tod" anklicken. Schließlich möchte man irgendwie dahinter kommen, was Casper uns mit seinem morbiden Werk sagen will. Wenn man bedenkt, dass die Videos seines Vorgängers "Hinterland" aufeinander aufbauten, steigert sich die Neugier beinahe ins Unermessliche. Dürfen wir auf elf weitere epische Tracks bauen? Werden wir bei ihrer Betrachtung in die Tischkante beissen und nächtens von Insomnie geplagt?

Alles andere als Einheitsbrei

Soviel ist schon mal klar: "Lang lebe der Tod" hebt sich meilenweit vom gängigen Rap-Einheitsbrei ab. Nichts mit "Yo" und "Ey Bro, du bist der geilste". Die hohe und spannungsreich angelegte Messlatte lebt hier allerdings auch von den besonderen Gästen. So beteiligte Casper die Elektrop-Pop-Band Sizarr, ebenso wie (ja er betitelt sich wirklich so) den Schweizer Schnulzensänger Dagobert. Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen bildet allerdings der Sänger der Einstürzenden Neubauten, Punk-Urgestein Blixa Bargeld

Perfekte Formel

Schon im Jahr 2013 schrieb Spiegel Online über Casper mit den Worten: "Intelligent, poetisch, schwermütig, erdschwer - nie zuvor schürfte deutschsprachiger HipHop so nah am deutschen Grundgefühl." Ob das die jüngeren seiner Fans unterschreiben würden, sei dahingestellt - sie feiern ihn vermutlich nur ab. Allerdings zeigt der 33-jährige Extertaler mit seiner aktuellen Single, dass die Formel Rapper x Deutsch gleich Pop selten aufgeht, zumindest ist "Lang lebe der Tod" sehr weit entfernt von Caspers Kooperation mit Bosse in dessen Song "Krumme Symphonie".

Unser täglich Brot, der Tod

Rio Reiser oder Lyrik im Rammstein-Format, daran erinnert der Text spontan. Rap-Klischees werden vor der Tür abgestellt. Hier wird angeprangert: Sensationslust, Verblendung, Unfreiheit.  Man kann nicht im ersten Durchgang die Tiefe seines Textes ergründen, der mit Passagen aufwartet: wie Unser täglich Brot, alles schon geseh'n, alles schon gewohnt, alles schon erlebt, Unterhaltung, los! / Oh, so gelacht, aber bloß auf Distanz, Fotos gemacht, bei dem Monster so nah / Lass die Hunde los. Will sehen, wie die flehen, die sollen bluten, los... Dieses Lied mag man fast als ganz großes Kino betiteln.

Und es ist doch so: einen wirklich guten Film schaut man sich auch gerne mehrmals an und entdeckt dabei immer neue Facetten und vielleicht zunächst Unsichtbares. Wer "Lang lebe der Tod" hört, wird mit einem grandiosen neuen Musikstück konfrontiert, dass es sich zu ergründen und zu genießen lohnt - auch, oder gerade weil es im Nacken kribbelt, wenn die Haare senkrecht stehen.



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