Grandios in Szene gesetzt

Fri, 17 Jun 2016 10:33:00 GMT von

Beinahe über Nacht wurde Tom Odell 2013 mit seinem Erstlingswerk "Long Way Down" und dem enthaltenen späteren Hit "Another Love" berühmt. Es folgte eine lange, kräftezehrende Promotour, die den Briten Anfang 2014 zu einer Auszeit bewegte.

Freud und und Leid begegnen sich irgendwann, wenn man als Newcomer dermaßen großen Erfolg hat, wie bei Tom Odell geschehen. In seiner Heimat Großbritannien ist der Songwriter längst ein Superstar, allerdings nicht nur dort. Aber in den UK-Charts hat der 25-Jährige quasi ein Abo für den Spitzenplatz. "Long Way Down" verkaufte sich dort mehr als eine Million Mal und erreichte längst Platinstatus. Aber ein Leben führte der Musiker in der Folgezeit gewissermaßen nur zwischen Bühne und Hotelbett. Ihm blieb nicht mal Zeit, um neues Songmaterial zu schreiben. Die einzig sinnvolle Handlung bestand für Tom Odell im Frühling vor zwei Jahren darin, die Notbremse zu ziehen und aus dem Medienkarussell auszusteigen.

Flucht in die Ferne

Tom buchte sich einen Flug nach New York und mietete sich in einem kleinen Apartment im East Village ein. Er suchte ein Leben als Fremder in der Fremde um endlich mal wieder allein sein zu können. In diesem Zufluchtsort, der lediglich einen Konzertflügel zu bieten hatte, machte sich der Musiker auf die Suche nach sich selbst. Ein Dasein zwischen Spaziergängen in den Straßen Manhattans und nächtelangen Filmsessions, ermöglichte irgendwann eine inhaltliche Neuausrichtung. Unterbrochen wurde sein selbstgewähltes Eremitentum lediglich durch gelegentliche Support-Auftritte für Billy Joel im Madison Square Garden. Gewissermaßen lag darin eine leicht schizophrene Note, die jedoch Toms Gleichgewicht wieder herstellte, so dass schließlich neue Songs aus ihm heraus sprudelten.

Wrong Crowd

Im Frühling 2015 kehrte Tom Odell für eine Konzertreise nach Europa zurück und wurde mit dem begehrten Ivor Novello Preis ausgezeichnet. Im September packte er jedoch erneut seine Koffer und flog nach Los Angeles, wo ein Apartment im Echo Park sein vorübergehendes Zuhause sein sollte. An einem derart kreativ geprägten Ort, der anderen legendären Singer/Songwritern zuvor als Heimat diente, nahm "Wrong Crowd" langsam Formen an. Nachdem Jim Abbiss (Arctic Monkeys, Kasabian) als Produktionspartner mit ins Boot gestiegen war, entwickelte sich Stück für Stück der opulente Sound des neuen Albums. Thematisch drehen sich die 11 Tracks (bzw. 15 auf der Deluxe-Version) wie auch beim Vorgänger um Liebe. Und zwar in ihrer dramatischen Form, der gescheiterten Liebe, dem Verlust und der Sehnsucht nach Vergangenem. Akustisch sind sie, kurz gesagt einfach "Whow".

Aus dem vollen geschöpft

Große Streicherarrangements und viele wunderbare Überraschungseffekte lassen sich auf "Wrong Crowd" vernehmen. Hier ein Pfeifen, da ein Chor, Harfe und Harmonika und dazu Tom Odells Stimme in allen denkbaren Nuancen. Von tief und beinah nur fühl- statt hörbar bis hin zu Falsett ähnlichem Gesang, ist alles vertreten. Auffällig ist zudem seine spezielle Betonung von harten Konsonanten in der Wortendung. Es ging Tom in erster Linie darum eine betonte Dramatik, um ausgelebte Gefühle ohne Begrenzung. Etwas Dunkles und Aufregendes trug zudem das Schlagzeugspiel von Toms Freund Andy Burrows bei, dessen unglaubliches Gespür den Liedern einen zusätzlichen Kick verlieh.

Silhouhette

Der Titel "Silhouette" ist einer der besonders gelungenen auf "Wrong Crowd". Das Intro klingt mit seinen überbordenden Streichern wie einem alten Hollywood-Streifen entliehen. Und tatsächlich sagt Tom Odell, dass er sich für dieses Stück etwas Gershwin-artiges vorgestellt habe. Eingespielt wurde das außerordentlich tanzbare "Silhouette" in den Abbey Road Studios. In eine ähnliche Kategorie lassen sich klanglich auch die Songs "Constellations" (eine Ballade mit Piano, die auch einem Elton John gut stehen würde) und "Somehow" einordnen. Letzteres ist eine zärtliche Liebeserklärung, in der sich Tom Odell zaghaft am Falsettgesang versucht. Eine sehr romantische Nummer jedenfalls.

Gesamtkunstwerk

Das Album erzählt im Grunde die Geschichte eines Mannes, der mit sich nicht im Reinen ist. Er fühlt sich allein und unglücklich, trauert immer wieder gescheiterten Liebesbeziehungen und der Kindheit hinterher. Trotzdem hört man keine selbstmitleidige Musik. Pathos und ganz kurz auch Wut kommen hingegen vor. "Daddy" ist beispielsweise eine eher rockige Nummer mit wuchtigen Gitarrenriffs und derben Beats, die ihren Schmerz über den Weggang des Vaters zum Ausdruck bringt. Ein durch Trommel und Piano tragisch klingender Song ist "Sparrow" - ein versuchter Dialog mit einem Spatzen. Ganz anders dagegen "Magnetised", der mit seiner Wucht fast wie für Coldplay geschrieben klingt. Man hört "Wrong Crowd" an, dass Tom Odell sich in den unterschiedlichsten musikalischen Gewässern frei schwimmen wollte. Von laut und krachend bis tapsend leise und von verspielt bis abgeklärt gehen seine Kompositionen. Darüber hinaus gibt es zu einigen der Stücke kleine Kurzfilme, was Odells Leidenschaft fürs Cineastische geschuldet ist. Vielleicht werden diese eines Tages auch im Kino gezeigt.

Der Phantasie ihren Lauf lassen

Über die Musik auf "Wrong Crowd" sagt Tom Odell: "Die Songs, die ich schrieb, fingen an von Isolation, vom Erwachsenwerden und vom Versuch zu handeln, sich einzufügen. Ich begann, zurück und nach innen zu blicken. Ich nahm mich selbst als Ausgangspunkt, ließ meiner Phantasie aber innerhalb der Geschichte freien Lauf. Ich stellte mir die Musik als Soundtrack vor...das wunderbare Bild des Unkrauts, das um einen Baum herum wächst und ihn erstickt, aus Malliks "Thin Red Line", vom Menschen, der die Natur zerstört und dabei vergisst, dass er selbst ein Teil davon ist. Diese Gedanken machten sich in meinem Kopf breit."

Eine andere, vier Jahre alte Aussage des Briten lautet: "Ich würde wirklich gerne in einer Zeit leben, in der Musik den Menschen ein erhabenes Gefühl gegeben hat. Wenn meine Musik traurig ist, dann möchte ich, dass sie RICHTIG traurig ist. Wenn sie fröhlich ist, soll die Euphorie spürbar sein...ich denke, dass die Platte die überhöhten Gefühle und Emotionen zum Ausdruck bringt, die wir alle erleben." Wer sich das am 10.06.2016 erschienene Werk anhört, wird feststellen, dass Wunsch und Wirklichkeit deckungsgleich sind, wenn nicht sogar mehr. 

Tom Odell - Wrong Crowd - Tracklist:
01. Wrong Crowd
02. Magnetised
03. Concrete
04. Constellations
05. Sparrow
06. Still getting used to being on my own
07. Silhouette
08. Jealousy
09. Daddy
10. Here I am
11. Somehow
Bonustracks (nur Deluxe-Version)
12. She don’t belong to me
13. Mystery
14. Entertainment
15. I thought I knew what love is



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