Auf Zugfahrt mit dem Regenmacher

Thu, 10 Mar 2016 13:17:00 GMT von

Hoffnung, Mut, Glück und neues Leben. Starke Begriffe - kraftvoll vertont. Das breite Talent von Megaloh kommt auf dessen neuem Album richtig zur Geltung. Vor nicht ganz einer Woche nahm der "Regenmacher" seine Arbeit auf. 

Am 04. März veröffentlichte Uchenna Van Capelleveen aka Megaloh sein drittes Soloalbum, das zweite auf Max Herres Label Nesola aufgenommene Werk. Die Symbolik des Regenmachers kommt nicht von ungefähr. Zum einen spiegeln sich in den Tracks von Megaloh weitere Einblicke in seine private Historie, zu der auch Niederländisch-Nigerianische Wurzeln zählen, andererseits verdeutlicht er an der Rolle des Regenmachers die Bedeutung von Hoffnung. Megalohs künstlerische Laufbahn stand mehrere Mal kurz vor der Wand, doch in letzter Instanz fand der Berliner Rapper immer einen Weg, weiter machen zu können. Wie ein Urinstinkt verhalf ihm sein Glaube an den eigenen Erfolg dazu, niemals hinzuschmeißen.

Regenmacher

Vielseitigkeit bis hin zu beinahe unüberschaubarer Komplexität bietet der "Regenmacher". Der 35-Jährige bringt die volle Breitseite seiner Talente zum Einsatz. Klar, kann Megaloh aggressiven Battle-Rap, aber oh Wunder, in der nächsten Sekunde überrascht der Moabiter mit reflektierten Themen, die so gut wie alle Bereiche seiner Vita umfassen. Sein Pathos in der Wortwahl wirkt kein bisschen daneben oder fürs Genre unpassend, egal ob es gerade um Migration, Familie oder Neider im beruflichen Umfeld geht.

Und ebenjene Vielseitigkeit streckt ihre Fühler auch bis in die letzte Note der Songs aus. Warum nur Rap in Reinkultur, wenn es doch weitere Möglichkeiten der Vertonung gibt. Seit letztem Freitag zeigt sich die wahre Stärke des Megaloh 2015: Er versteht es perfekt seine Geschichten in mitreißende Musik zu übersetzen. Und um daraus ein unvergessliches Erlebnis zu machen, räumte Megaloh sehr unterschiedlichen Featuregästen (Patrice, Jan Delay, Grace, Trettmann oder Joy Denalane und Max Herre) Platz auf seiner Platte ein. 

Was ihr seht

Man könnte es sich nun ganz einfach machen, würde es nur darauf ankommen, die Botschaft des Regenmachers auf seine Essenz herunter zu brechen. Van Capelleveen zählt den Großteil seiner beruflichen Laufbahn in einem einzigen Track auf. Es ist der sechste Song "Was ihr seht", der von der Erfolgsgeschichte Megalohs berichtet. Aber es gibt nicht nur die "eine" Botschaft. In "Ernte Dank" macht der Rapper sich Gedanken über unsere Welt, und was da alles falsch läuft. Oftmals geht es ihm um den Zwiespalt eines Status zwischen normalem Alltag und dem Leben als Star. Im Titeltrack schneidet Megaloh diese Thematik ebenso an, wie im geradezu himmlischen "Himmel berühren".

Nicht alle Tage glänzen

Auch wenn Megaloh durch steten Kampf und Beharrlichkeit mittlerweile an der Spitze des Musikgeschäfts angekommen ist, sind nicht alle Tage voller eitel Sonnenschein. Jeder Mensch, auch wenn er im Erfolg badet, hat gute und schlechte Phasen. Von der Dunkelheit zwischen manchen Tagen handeln Titel wie "Graulila" und "Schlechter Schlaf". Letzterer bewegt durch einen Text, wie ihn viele durch ein rotierendes Gedankenkarussell vom Schlaf Abgehaltene, nachvollziehen können: "Schlechter Schlaf, Knete in Matratzen...Bete für die Familie...Ein System, das auf der Schwelle zum Verfall ist...Ein Tag hört auf und fängt von vorne an".

Politik gehört zum Leben

Wer mit einem Migrationshintergrund aufgewachsen ist, kann vermutlich kein unpolitischer Mensch sein. Megaloh öffnet sich auf "Regenmacher" nicht nur privat, denn in dem Song "Wohin" geht es um das sehr aktuelle Thema Flüchtlinge. Er beleuchtet es aus seiner eigenen Perspektive als Migrant. Dabei verzichtet der Rapper auf das Erheben eines Zeigefingers mit dem man anprangern könnte und er doziert auch nicht. Erzählt wird vielmehr die Geschichte einer fiktiven Person, welche vor den Schrecken des Krieges floh, um anderswo neu anfangen zu können.

Megalohs eigene Mutter flüchtete Ender der sechziger Jahre im Biafra-Krieg auch in eine bessere Welt. Über "Wohin" sagt Megaloh: Es war mir wichtig, Position zu beziehen. Es hat mittlerweile ja jeder eine Meinung in dieser Frage. Aber die wenigsten beschäftigen sich ernsthaft damit. Ich bin überzeugt, dass noch viel mehr Leute insgeheim eine "Das Boot ist voll"-Einstellung mit sich herumtragen. Wenn sie aber wüssten, dass ihre Handys ohne afrikanisches Erz nicht klarkämen oder was mit all den Hühnerabfällen passiert, nachdem wir die Brust und die Schenkel für uns reserviert haben, würden sie sicher anders über viele Dinge denken und nicht zu leichtfertig abfällig über "Wirtschaftsflüchtlinge" reden. Ich meine, wie weit muss man sein, um freiwillig seine Familie zu verlassen und sich dem auszusetzen, was an den Grenzen Europas passiert? Wir investieren Milliarden in die Abschottung. Wenn wir diese Milliarden in andere Dinge investieren würden, müssten viele Menschen wahrscheinlich gar nicht erst von zu Hause weggehen."

African Vibes

Megaloh versucht gar nicht erst seine afrikanischen Wurzeln unter den Teppich zu kehren. Musikalisch lässt er den spirituellen Bezug zu Afrika aufleben. Neben dem, was Rap und HipHop akustisch ausmacht, mischt er Versatzstücke aus Jazz und Funk. Zu harten Drums und warmen Basslinien gesellen sich neben eleganten Orchestrierungen immer wieder Samples aus Nigeria und Ghana. "Der afrikanische Einfluss war mir sehr wichtig", so Megaloh. "Die Identitätsfrage hat schon meine Jugend sehr geprägt. Und als ich 2012 in Nigeria war, habe ich wieder eine sehr starke Verbundenheit gefühlt und viel Vertrautes wahrgenommen: Gerüche, Klänge, Stimmungen, aber auch Gefühle und Haltungen. Es hat sich mir plötzlich sehr viel erschlossen, obwohl ich nur so kurz da war. Deswegen wollte ich den Gedanken der Diaspora auf dem Album auch musikalisch umsetzen."

Liebe zum Hip-Hop

Wer es nicht ganz so hintergründig mag, wird die auf "Regenmacher" enthaltenen HipHop-Liebeserklärungen feiern. Eine von Megalohs musikalischen Visionen lädt zur Fahrt mit dem "Zug" ein. "Alle stehen bereit, wenn wir einfahren...Es macht Tuuut tuuut, wir überrollen alles...bist du dabei oder schaust du nur zu..." In diese Kategorie fallen auch die Stücke "Wer hat die Hitze" und "Zapp Brannigan". Oberflächlich betrachtet sind sie Fingerübungen eines überdurchschnittlich Begabten. Schaut man hinter den Vorhang, erschließen sich Kontext, Verbindung und Ausblick. Immerhin handelt es sich bei Megaloh um einen Moabiter Volkstribun mit globaler Perspektive.

Man kann "Regenmacher" als das Werk eines Künstlers sehen, der seine Identität lange daraus zog, dass ihm niemand eine geben wollte. Und als Release von jemandem, der keinen Hehl aus der Möglichkeit des Scheiterns macht, genau daraus aber Hoffnung in die Welt seiner Mitmenschen trägt. Oder man packt sich den "Regenmacher" auf die Ohren und saugt die positive Energie analoger Oldschool-Beats und moderner Synthie-Kracher im Wechsel mit afrikanischen Experimental-Sounds ("Oyoyo") in sich auf. Megaloh paarte seine ruhige, tiefe Stimme mit einer passenden Dosis Pop, so dass der Tiefgang seiner teils messerscharfen Texte den Hörer nicht überfordert. Fakt ist: "Regenmacher" wird sich kaum im ersten Durchlauf erschließen, aber das Album wurde ja auch nicht an einem Tag geschrieben. 

Megaloh - Regenmacher - Tracklist:  
01. Regenmacher
02. Zug
03. Zapp Brannigan
04. Wer hat die Hitze (feat. Trettmann)
05. Ernte Dank (feat. MoTrip & Maxim)
06. Was ihr seht
07. Er ist / Voodoo Interlude
08. Wohin (feat. Musa)
09. Himmel berühren
10. Schlechter Schlaf (feat. Joy Denalane)
11. Oyoyo (feat. Musa & Patrice)
12. Alles anders (feat. Max Herre)
13. Graulila (feat. Tua)
14. Geradeaus (feat. Jan Delay)

 



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