Gereift und Charaktervoll - Pretend

Thu, 29 Oct 2015 10:51:00 GMT von

Schon Ende Mai diesen Jahres brachte es The Fader mit vier Worten auf den Punkt: "This woman has power". Diese Aussage kann Jedermann seit dem 23. Oktober auf "Pretend", dem Debütalbum von Seinabo Sey überprüfen.

Diese Stimme entlockt einem ein "Whow", so kraftvoll - zugleich sanft und sehr mystisch. Ihr brandneues Video zum Song "Poetic" lässt Vergleiche mit der ebenfalls stimmgewaltigen Adele aufkommen. Immerhin sind beide Künstlerinnen 25 Jahre jung, vermitteln starke Emotionalität und beindrucken durch einzigartigen Gesang. Doch Seinabo Sey unterscheidet sich trotzdem stark von ihrer Britischen Kollegin: in ihrer Präsenz liegt mehr Ernsthaftigkeit, Ehrfurcht und ihr Soul-Pop flirtet mit Noir-Stimmungen. Sie ist wie eine heiße, dunkle Tasse Schokolade mit Chili - nicht so süß, aber mit viel Charakter.

Pretend

Vor ungefähr zwei Jahren eroberte Seinabo Sey mit ihrem Titel "Younger" die ersten Blogs. Darin singt die Tochter eines Gambiers und einer Schwedin von ihrem Wunsch Sängerin werden zu wollen. Das war nämlich nicht immer der Fall. Sie dachte lange Zeit, dass sie in die Fußstapfen ihres 2013 verstorbenen Vaters Maudo Sey treten und Rechtsanwältin werden würde. "Ich frage mich da, warum ich nicht einfach das gemacht habe, was ich den Leuten immer als meinen größten Traum verkauft habe. Schließlich gibt es, wenn man es zulässt, immer genug Dinge, die einen davon abhalten, wirklich an einer Sache zu arbeiten", sagt Seinabo über "Younger".

Wie ein roter Faden zieht sich dieses Thema auch durch den Albumtrack "Pretend". In dem es unter anderem heißt: "Things are going just as they should, knock on wood" und über den die Sängerin sagt: "Ich bin da schon einen Tick weiter, so à la Okay, immerhin habe ich schon einen Teil meines Weges zurückgelegt, aber all das könnte sich trotzdem immer noch von einem zum anderen Moment in Luft auflösen."

Bis die Zeit reif war

Nachdem Seinabo drei Jahre ihres Lebens in Gambia verbracht hatte, einer sehr fremdartigen Welt im Vergleich zur Schwedischen Heimat, kehrte sie mit ihrer Familie in die Küstenstadt Halmstad zurück. Ihre Eindrücke aus Afrika prägten die Musik der jungen Künstlerin nachhaltig. Etwas, das sich in ihren Texten wiederfindet ist die gambische Art, den Menschen Ratschläge zu erteilen. Nur, dass sie diese in erster Linie an sich selbst richtet. Seinabo Sey erklärt, wie sich Hürden aus dem Weg räumen und Gefühle verstehen lassen. In epischen Klavierstücken wie "Poetic" und "Still", wo derlei Hinweise durch eine zarte Melodie und die Worte "Tell ’em I’m no fool" zum Ausdruck kommt.

Obgleich Seinabo mit 15 Jahren beschloss, ganz allein nach Stockhholm zu gehen, um an der dortigen Fryshuset Schule Soul Music zu studieren und vier Jahre später anfing ihr Debütalbum fertig zustellen, brauchte sie lange, bis es so klang wie es das nun tut. Sie kam jedoch zu folgender Erkenntnis: "Es hätte schon früher passieren können, aber ich glaube nicht, dass es an einem früheren Zeitpunkt so geklungen hätte, wie ich das gewollt hätte. Ich habe gelernt, dass man die Dinge einfach organisch wachsen lassen muss."

Eine Stimme für das neue Jahrtausend

Ein typischer Popstar ist Seinabo Sey ganz sicher nicht, auch wenn ihre Liebe zur Musik aus Songs von Lauryn Hill und Destiny’s Child erwuchs. Ein breites Publikum erreicht sie trotzdem, denn ihre Single "Younger" wurde in Schweden schon dreimal mit Platin ausgezeichnet und allein bei Spotify mehr als 20 Mio. Mal gestreamt. Vermutlich ist es eine reine Zeitfrage bis ihr Ähnliches mit dem Albumtitel "Pretend" und der neuen Single "Poetic" widerfährt.

Ihre smarte Art fiel längst dem US-Rolling Stone auf, der ihren Sound als Mixtur aus "Nina Simone und Moby zu Zeiten von "Play"", sowie als "natürlichen Blues für das neue Jahrtausend definierte". Das Album "Pretend" hat einen langen Weg hinter sich, es handelt vom Leben einer einfühlsamen und sehr talentierten Künstlerin.

Nichts für Eilige

Die 14 Tracks sind gespickt mit Details, so dass man lange braucht bis man alle Botschaften entdeckt und verstanden hat. Und das ist auch beabsichtigt, denn diese ausgeglichene, ruhige, fast hymnische Platte soll bewirken, was Seinabo Sey am Herzen liegt: "Ich mag es, wenn man fühlt, wie einen die Musik wirklich durchdringt beim Zuhören, wenn einfach nichts überstürzt ist. Mir ist wichtig, dass die Leute genug Zeit haben, um die Songs auf sich wirken zu lassen". Es ist ein gut gemeinter Rat, sich einfach das Album zu bestellen, eine Tasse heiße Schokolade einzugießen und eine Dreiviertelstunde die Seele massieren zu lassen. Man kann Seinabo im kommenden Februar auch live genießen, denn es wurden erste Tourdaten bestätigt.

Seinabo Sey 2016:
26.02.2016    Hamburg – Übel & Gefährlich
27.02.2016    Berlin – Columbia Club
28.02.2016    München – Ampere

Seinabo Sey - Pretend - Tracklist:
01. Younger
02. Pretend
03. Poetic
04. Hard Time
05. Easy
06. Words
07. Sorry
08. Who
09. Still
10. You
11. Ruin
12. Burial
13. Pistols At Dawn
14. River

 



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