Die Schöne und der böse Bube: Tom Waits im Glamourlook

Mon, 05 May 2014 13:06:00 GMT von

Die norwegische Kosmopolitin Rebekka Bakken veröffentlicht diesen Monat ihr neues Album "Little Drop Of Poison“, auf dem sie Songs von Tom Waits neu interpretiert.

Von Rebekka Bakken zu Tom Waits ist es ein weiter Weg, sehr weit, astronomische Dimension. Hier die weit gereiste norwegische Sängerin, strahlend blond und mitreißend, die mit ihrer kristallreinen Artikulation eine einzigartige Intensität erzeugt, um die engeren Kampfzonen zwischen Individuen und Geschlechtern auszuleuchten. Eine Heroine von Klarheit und Melancholie, Trennungsschmerz und zwischenmenschlichem Scheitern, der sie in der Präsenz ihrer Gesangsstimme Trotz und Lebenslust einschreibt.

Verruchter Poet

Dort der Poet des Straßenstaubs, der seine Songs mit verruchten und gebrochenen Personen bevölkert, mit Verlierern und Verdammten, deren Unbehaustheit er in einen musikalischen Flickenteppich aus Fundstücken der Popgeschichte des vergangenen Jahrhunderts einwebt. Viel weiter entfernt geht kaum.

Spannende Herausforderung

Fast so groß wie ihre angenommene Entfernung zu Waits war Rebekka Bakkens Staunen, als sie gefragt wurde, ob sich nicht an einem Tom-Waits-Projekt teilhaben wolle. Der Anstoß kam von der hr-Bigband, seit Jahren eine der feinsten Adressen für orchestralen Jazz in Deutschland und Initiator ausgefallener Programmideen. Für Rebekka Bakken war das ein Impuls zur rechten Zeit: "Mein erster Gedanke war", erinnert sie sich heute, "was kann ich dazu beisteuern?" Aber dann öffneten sich Räume.

Kontrolle aus - Impulse an

"Als Musikerin brauche ich Impulse, die mich dazu bringen, neue Räume in meinem musikalischen Körper zu öffnen. Es geht darum, etwas zuzulassen und für einen Moment die Kontrolle aufzugeben. Das Ergebnis ist eine enorme Freiheit und das Gefühl, mich weiter als Mensch und Musikerin zu entwickeln." Zunächst stellten Bakken und Arrangeur Jörg Achim Keller das Programm zusammen, dann schrieb Keller die exquisiten orchestralen Arrangements zu den Waits-Songs.

Arrangiert mit brillanten Facetten

Bei "Please Call Me Baby" und "San Diego Serenade" übertrug er Bob Alcivars originale Streicher-Arrangements in die hörnerlastige Sprache einer Bigband, bei "What’s He Building" vergrößerte er die damalige Bandversion ins Breitwandformat. Als Rebekka Bakken schließlich dazu kam, um die Songs zu singen, hatten Kellers Arrangements Facetten des Materials frei gesetzt, die zuvor kaum zu hören waren. Die Arrangements sind so brillant und authentisch geschrieben, dass man das Gefühl hat, diese Songs sind für Bigband geschrieben. Einen optisch-akustischen Eindruck vermittelt dieser Clip.

Raum für eigene Ideen

Schließlich ging es nicht darum, eine Tom Waits-Platte zu machen, und entsprechend hat die Sängerin auch Wert darauf gelegt, nicht zu tief in die Originale abzutauchen, um sich den Raum zu lassen, sich diese Songs selbst anzueignen. Und Jörg Achim Keller baute eine Brücke "zwischen der Rauheit und der Lüsternheit und den wilden Dingen in der Musik und der Sängerin, die ich bin. Einfach genial. Sehr schön und elegant. Und es klingt so natürlich."

Glamour and Swing with a drop of poison

Das Zusammenspiel der hr-Bigband mit Rebekka Bakken ruft Bilder aus der Frühzeit der Popmusik hervor. Während die Band diszipliniert die Konturen der Songs ausspielt, schlüpft Rebekka Bakken in die Rolle der glamourösen Sängerin und beansprucht das Zentrum der Bühne – eine entfernte Verwandte von Sängerinnen wie Ma Rainey oder Bessie Smith, die in der Blütezeit des City-Blues die Bühnen verzauberten. Ganz offenkundig fühlt sich Rebekka Bakken wohl in diesem ungewohnten Zusammenhang.

Mal etwas anderes

"Ich war völlig frei, auf die Musik und meine eigenen Assoziationen und Gefühle zu reagieren", erklärt sie. "Es ist so weit entfernt von dem, was ich sonst mache und fühlte sich gleichzeitig so nah an, als wären es meine eigenen Songs." Und sehr zu ihrem eigenen Erstaunen waren es eher die Songs, die ihr bisher fremd gewesen waren, die ihr nun am meisten ans Herz gewachsen sind. "Ich konnte mich viel besser in diese harten Songs wie ‘Just The Right Bullets’ oder ‘Bad As Me’ einfühlen als in die schönen Songs und die Balladen. Aber die schönen Stücke, die brauchen diesen Little Drop of Poison", erklärt sie mit Bezug auf den Songtitel, der dem ganzen Album den Namen gibt und die Richtung weist, "sonst werden sie flach und fade."

Ungiftiger Genuss

Da muss sie sich keine Sorgen machen, dass ein kleiner Tropfen Gift im Spiel bleibt, dafür sorgt Rebekka Bakken neben den Kompositionen von Tom Waits und den Arrangements von Jörg Achim Keller schon selbst mit ihrem Gesang, der in dieser Produktion keinen Zweifel lässt, dass sie eine Sängerin ist, deren Gesang weit über den Horizont ihrer persönlichen Erfahrungen hinaus strahlt. Das Album "Little Drop Of Poison" wird am 23. Mai 2014 via Universal Music veröffentlicht und in drei Versionen vertrieben (Jewelcase mit 16 Tracks, limitiertes Digipak mit 18 Tracks, Doppel-LP mit Download-Code).
 

Rebekka Bakken "Little Drop Of Poison" - Tracklisting:
01. Broken Bicycles
02. Please Call Me, Baby
03. Little Drop Of Poison
04. Downtown
05. Hang On St. Christopher
06. Bad As Me
07. Christmas Card From A Hooker In Minneapolis
08. Just The Right Bullets
09. I Can’t Wait To Get Off Work
10. I Wish I Was In New Orleans
11. Time
12. San Diego Serenade
13. Yesterday Is Here
14. Saving All My Love For You
15. If I Have To Go
16. What’s He Building (Bonus track)
17. Everything Goes To Hell (Bonus track on Digipak)
18. New Coat Of Paint (Bonus track on Digipak)
 

Rebekka Bakken live 2014:
16.05.2014 Ludwigsburg, Schlossfestspiele (Till Brönner & Dieter Ilg & Rebekka Bakken)
23.05.2014 Hamburg, ElbJazz Festival
19.07.2014 Dreieich, Burggarten Dreieichenhain (mit hr Bigband)
20.07.2014 Nürnberg, Martim Hotel (mit hr Bigband)
25.07.2014 Rottenburg/Neckar, Marktplatz (mit hr Bigband)
20.10.2014 Graz (AT), Orpheum Graz (Rebekka Bakken spielt Tom Waits)
21.10.2014 Wien (AT), Wiener Konzerthaus (Rebekka Bakken spielt Tom Waits)
22.10.2014 Linz (AT), Posthof (Rebekka Bakken spielt Tom Waits)
05.11.2014 Lübeck, Musik- und Kongresshalle Lübeck (mit hr Bigband)
07.11.2014 Heidelberg, Stadthalle (mit hr Bigband)
08.11.2014 Freiburg, Theater (mit hr Bigband)
09.11.2014 Biberach an der Riß, Stadthalle (mit hr Bigband)
12.11.2014 Stuttgart, Theaterhaus (mit hr Bigband)
13.11.2014 Kaiserslautern, Kammgarn (mit hr Bigband)
14.11.2014 Kreuztal, Stadthalle (mit hr Bigband)
22.11.2014 Leipzig, Haus Auensee (mit hr Bigband)
23.11.2014 Essen, Philharmonie (mit hr Bigband)

 



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