Peter Gabriel: "And I'll Scratch Yours" schenkt neue Eindrücke

Fri, 13 Sep 2013 13:29:00 GMT von

Ende nächster Woche, am 20. September 2013 veröffentlicht Peter Gabriel das Komplementäralbum "And I’ll Scratch Yours" zu seinem vor drei Jahren umjubelten Meisterwerk "Scratch My Back". Darauf revangieren sich die damals von Gabriel interpretierten Künstler mit ihrer Ausführung seiner Songs.

"Eine Hand wäscht die andere" lautet die Übersetzung von "Scratch my back and I'll scratch yours". Getreu diesem Motto wird Peter Gariel am 20. September das Gegenstück seiner Platte "Scratch My Back" aus dem Jahr 2010 veröffentlichen. Damals interpretierte er die Stücke befreundeter Musiker neu, im Gegenzug durften diese sich jetzt revangieren. Für dieses neue Album haben Künstler und Bands wie Arcade Fire, Lou Reed, Elbow, David Byrne, Bon Iver und Paul Simon Songs aus der Feder von Peter Gabriel interpretiert.

Kommunikation und Austausch

Die Idee hinter dieser Arbeit beschreibt Peter Gabriel mit den Worten:"Anstatt ein traditionelles Album mit Coverversionen zu machen, dachte ich mir, dass es sehr viel unterhaltsamer sein würde, ein neuartiges Projekt anzustoßen, bei dem Künstler miteinander kommunizieren und Songs austauschen. Nach dem Motto: Ich interpretiere einen deiner Songs und du im Gegenzug einen von meinen". So entwickelten sich dann gemäß der gängigen Redewendung, die Namen der Werke "Scratch My Back" und "And I'll Scratch Yours". Bis auf Neil Young und Radiohead sind auf dem Komplementärwerk sämtliche Künstler vertreten, deren Songs Peter Gabriel 2010 auf seine Weise vertont hatte. Bei den zwei genannten ließ es der Terminkalender nicht zu mitzuspielen. Dafür konnten jedoch Joseph Arthur und Feist feat. Timber Timbre als Ersatz gewonnen werden.

Aus sechs Alben gewählt

Die auf "And I'll Scratch Yours" überarbeiteten Tracks stammen aus den ersten sechs Alben von Peter Gabriel. Auf diese Weise wurde ein akustischer Bogen aus 15 Jahren Musikgeschichte geschlagen. Seine ersten Alben betitelte Peter Gabriel schlicht mit dem eigenen Namen, sie wurden inoffiziell jedoch mit den Bezeichnungen "Car" (1977), "Scratch" (1978), "Melt" (1980) und "Security" (1982) versehen. Danach ging er, wie allgemein üblich, dazu über seinen Werken passende Namen zu geben. Platte Nummer fünf heißt "So" und das sechste Album, welches ebenfalls mit zwei Songs auf "And I'll Scratch Yours" vertreten ist, nennt sich "Us".

Individuell bearbeitet

Die einzelnen Künstler auf dem neuen Werk, gingen sehr unterschiedlich an die von ihnen ausgewählten Stücke heran. Je nachdem zu welchem Genre sie selber zählen, oder möglicherweise auch wie groß die Ehrfurcht vor dem Original war, kamen mehr oder weniger veränderte Lieder dabei heraus. Einige der Musiker wagten eine radikale Neuinterpretation, andere orientierten sich streng am Ursprung. Mitunter führte dies zu hochinteressanten Ergebnissen, wobei einige Songs kaum wiederzuerkennen sind.

Ein lohnenswertes Experiment

Analysieren wir das Album nicht in der Reihenfolge der Trackliste, sondern nach historischen Gesichtspunkten, stellt sich die Beschreibung folgendermaßen dar: "Solsbury Hill" stammt vom ersten Soloalbum. Dieser Song wurde von Peter Gabriel 2011 nochmals instrumental auf "New Blood" veröffentlicht, bevor sich aktuell Lou Reed daran machte, ihn nach seinem Gusto zu interpretieren. Die neue Variante besitzt im Gegensatz zum Original eine wunderbare akustische Tiefe.

Eine kräftige E-Gitarre plus intensivem Bass, dazu die raue Stimme von Lou Reed haben eine intensive Wirkung auf die Ohren zur Folge. Die Luft knistert beinahe und man könnte fast endlos zuhören. Lou Reed hat seinen Songwriter-Stil diesmal weit in den Hintergrund gestellt und den Rocker hervorgekramt, das steht ihm und "Solsbury Hill" außerordentlich gut. Zeitlich betrachtet kommen wir damit zum zweiten Album "Scratch", aus dem sich Brian Eno "Mother Of Violence" aussuchte. Seine Interpretation ist, da tritt er in die gleichen Fußstapfen wie Lou Reed, weit vom Original enfernt. Der Song klingt sehr futuristisch und man bekommt flimmernde Häärchen bei dieser Version. Sie basiert auf unglaublich tiefen Vibrationen und wirkt dadurch schlicht genial.

"Melt" Inspirationen

Von der dritten Platte "Melt" bedienten sich David Byrne, Stephin Merrit, Arcade Fire und Paul Simon. "I Don't Remember" mit David Byrne, orientiert sich hier stark an der Zeit, zu der das Lied ursprünglich entstand (1980). Der Musiker vermittelt ein modernes, mit elektronischen Elementen versehenes 80er Jahre Feeling. Man fühlt sich wie mitten auf dem Dancefloor, was daran liegen mag, dass der Song von einem ehemaligen Talking Heads-Mitglied vorgetragen wird. Im Gegensatz zum eher rockig gelagerten Original, spürt man hier deutlichen New-Wave Einfluss.

Weniger spektakulär, wenn nicht sogar ein bisschen uninspiriert, wirkt allerdings "Not One Of Us" in der Version von Stephin Merrit. Das ehemalige Mitglied von The Magnetic Fields hat sich nicht sehr weit von der Vorlage entfernt. Im Grunde wurde hauptsächlich der Staub weggeblasen und die Beats ein bisschen synthetisiert. Arcade Fire bieten mit ihrem "Games Without Frontiers" eine genussvolle Ausarbeitung an. Ganz ihrem Genre entsprechend, gaben sie dem Lied einen Indie-Rock Anstrich und verliehen ihm dadurch mehr akustische Tiefe. Wohklingende Akzente liefert zudem die Stimme von Sängerin Régine Chassagne. Last but not least, nahm sich auch Paul Simon eines Stückes vom "Melt"-Album an. Er reduzierte "Biko" mit akustischer Gitarre und seiner Stimme auf das Wesentliche, wodurch der Song eine völlig neue Qualität erhielt. Der typische Songwriter-Stil mit er hier arbeitete, anstelle der eher elektronischen Variante von Peter Gabriel, hat durchaus Charme.

Auf Nummer sicher

Joseph Arthur entschied sich für das Lied "Shock The Monkey" vom vierten Peter Gabriel Solowerk, das man in den USA "Security" nannte. Arthur traute sich als einer von Wenigen weit vom Original abzuweichen. Es sei dahin gestellt, ob er dem Lied damit einen Gefallen erwiesen hat. Sein "Affensong" klingt sehr sphärisch und ruhig. Ein bisschen kommt er einem Schlaflied gleich, wenn man den Vergleich mit dem recht energiegeladenen Original antritt. Eine ganz andere Qualität bringt hingegen die Interpretation von Feist feat. Timber Timbres "Don't Give Up" mit sich. Diese Ausführung aus dem fünften Album "So" von Peter Gabriel, kann durchaus als Mantra in schweren Stunden verwendet werden. Der Gesang von Leslie Feist zusammen mit deep Vibrations, sind per se eine gelungene Kombination. Verwendet man dazu noch die sonore Stimme von Taylor Kirk, dem Sänger von Timber Timbre, dürften wohl fast alle Knie weich werden. Was dieses Featuring ergab, klingt wie ein inniges Gebet.

Ruhige Passagen

Bei den ersten Noten von "Mercy Street", ebenfalls vom fünften Album, fällt sofort die stimmliche Ähnlichkeit von Elbow-Sänger Guy Garvey und Peter Gabriel auf. Sie gleiche sanfte Rauheit, nur dass Elbow eine sehr schlichte Instrumtalisierung wählte. Rhytmus und Klavier plus Gesang, das wars. Dadurch kommt die Melancholie, die dem Songtext innewohnt, noch intensiver zur Geltung als bei der Ursprungsversion. Sehr schön, wenn auch weit entfernt vom einst komponierten Lied, ist Randy Newmans Ausführung von "Big Time". Peter Gabriel wählte 1986 eine poppig-rockige Variante, die von Randy Newman zu einer das Herz berührenden umfunktioniert wurde. Sie wirkt aber durchaus stimmig mit dem kräftigem Piano und einer ordentlichen Portion Soul und Blues.

Neue "Us" Interpretationen

Die noch verbleibenden zwei Songs stammen von Platte Nummer sechs, welche unter dem Titel "Us" firmiert. Bon Iver suchten sich "Come Talk To Me" aus, womit sie höchstwahscheinlich für Gesprächsstoff sorgen. Ihre Version gehört zu den auf "And I'll Scratch Yours" vorhandenen Überarbeitungen, die sich auf völlig neue Wege begeben. Bon Iver machen selber Folk und bedienen mit ihrer Musik Anhänger der Songwriter Schiene. Das ist bei ihrer Interpretation sehr deutlich zu hören, denn "Come Talk to Me" wurde stark reduziert.

Zu Beginn des Tracks glaubt man einen Cowboy bei seinem Ritt durch die Prärie zuzuhören. Ein bisschen Banjo, später sphärische Elemente, vom ursprünglich kräftigen Rhytmus des Originals ist nichts übrig geblieben. Diese Version folgte sicher einem hohen künstlerischen Anspruch, dürfte aber nicht jedermanns Geschmack treffen. Dagegen begeistert Regina Spektors Darbietung des Songs "Blood Of Eden" schon durch ihre wunderbar klare Stimme. Diese wurde mit Piano und Schlagzeug zu einer gefühlvollen Einheit kombiniert. Ihre Version klingt sehr rund und besitzt fast den Charakter einer Ballade. Im Grunde schmeichelt das Lied in dieser Ausführung dem Ohr intensiver, als in der von Peter Gabriel und Sinead O'Connor gesungenen Form. Manchmal ist "Neu" machen gar so nicht verkehrt.

Fazit

Das Komplemantäralbum darf als Liebeserklärung an einen großen Musiker verstanden werden. Wenn sich zuvor von Peter Gabriel bearbeitete Künstler revangieren und dabei derart wunderbare Neuvertonungen entstehen, zeugt das von großer gegenseitiger Anerkennung bis hin zur Verehrung. Dass sich einige der Beteiligten größerer künstlerischer Freiheiten bedienten, tat dem Ergebnis gut. Wer sich selber als Fan von Peter Gabriel betrachtet, kann am Freitag nächster Woche ein sehr hörenswertes Album kaufen. Musik kennt kein Alter und keine Grenzen, das wird auf "And I'll Scratch Yours" deutlich. Wichtig! Das Projekt kommt in zwei Versionen mit jeweils unterschiedlichen CD-Covern auf den Markt: 1xCD Standard Version "And I'll Scratch Yours" und 2xCD Deluxe Edition ("And I'll Scratch Yours" UND "Scratch My Back").

Track-Listing CD 1 “And I’ll Scratch Yours”:
David Byrne - I Don’t Remember
Bon Iver - Come Talk to Me
Regina Spektor - Blood of Eden
Stephin Merritt - Not One of Us
Joseph Arthur - Shock the Monkey
Randy Newman - Big Time
Arcade Fire - Games Without Frontiers
Elbow – Mercy Street
Brian Eno - Mother of Violence
Feist feat. Timber Timbre - Don’t Give Up
Lou Reed -  Solsbury Hill
Paul Simon – Biko

Track-Listing CD 2 des Digi-Pack “Scratch My Back”:
Heroes (Original von David Bowie & Brian Eno)
The Boy in the Bubble (Paul Simon)
Mirrorball (Elbow)
Flume (Bon Iver)
Listening Wind (Talking Heads)
The Power of the Heart (Lou Reed)
My Body is a Cage (Arcade Fire)
The Book of Love (The Magnetic Fields)
I Think It’s Going to Rain Today (Randy Newman)
Aprés Moi (Regina Spektor)
Philadelphia (Neil Young)
Street Spirit (Radiohead)
 



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