Peter Criss: Die ungeschminkte Wahrheit über Catman

Fri, 31 May 2013 10:12:00 GMT von

Autobiografien sind für manchen Prominenten erste Wahl, um das Handeln in der Vergangenheit zu erklären. Manche lesen sich leicht trocken, andere rufen sogar Lachanfälle hervor. Peter Criss bietet mit "Ungeschminkt" wahrhaft unterhaltsame Lektüre.

Peter Criss ist ein echtes Straßenkind, das in den 1950er Jahren unter ärmlichen Verhältnissen in Brooklyn aufwuchs. Er hatte sich gegenüber gefrusteten Nonnen, einer lieblosen Großmutter und den Gangs des Viertels zu behaupten. Der Umgang mit Fäusten und Waffen gehörte für ihn ebenso zum Überleben, wie der Glaube an Gott. Schon sehr früh wusste das spätere Gründungsmitglied der Heavy-Metal-Band KISS, dass Musik sein Lebenselixier sein würde. Waren es zu Anfang noch die Töpfe und Pfannen der mütterlichen Küche, so trommelte er als jugendlicher endlich auf ein echtes Schlagzeug ein. Das war und ist bis zum heutigen Tag seine Leidenschaft. Der Unterschied besteht höchstens darin, dass Peter heute weniger aggressiv mit den Sticks auf die Felle einschlägt, was unter anderem der Folge von körperlichem Verschleiss geschuldet ist.

Mäßiger Start

Peter Criss kann nicht unbedingt auf einen guten Start ins Leben zurückblicken. Er war als Kind eher kränklich und verdankt es neben einer Armee von Ärzten auch seinem unglaublichen Kampfgeist, dass er 2013 noch unter den Lebenden weilt. Dünn und zart besaitet war der kleine Peter George John Criscuola. Seine Mutter quälte sich bei der Geburt am 20. Dezenber 1945 derart, dass Peter jahrelang Einzelkind blieb, ehe sie sich überzeugen liess, weitere Babys in die Welt zu setzen. Später bekam der Junge noch drei Geschwister. Die einzelnen Stationen seines inzwischen 67 Jahre währenden Daseins zu verfolgen, bietet die soeben erschienene Autobiografie. "Ungeschminkt" eignet sich durchaus als Lektüre für die anstehende Urlaubszeit.

Erste musikalische Erfahrungen

Im Buch erzählt der Catman auf spannende und fesselnde Art wie er mit der Musikszene der sechziger Jahre in Kontakt geriet. Alles von den Anfängen als Schüler des damals legendären Gene Krupa, über die Zeit mit der Band Chelsea, bis zum ersten Treffen mit Gene Simmons und Paul Stanley wird berichtet. Peters Drang nach Erfolg und Selbstverwirklichung liess ihn im August 1972 eine Anzeige im Rolling-Stone-Magazin schalten, weil er Mitglieder für eine Band suchte. Es meldete sich Gene Simmons und stellte zunächst am Telefon seltsame Fragen. Es folgte ein Treffen, bei dem auch Paul Stanley bereits dabei war, später gesellte sich nach einer weiteren Zeitungsannonce noch Ace Frehley hinzu. Nachdem man ein bisschen zusammen herum experimentierte, wurde der Bandnahme gesucht und mit KISS gefunden. Im Februar 1974 veröffentlichte die Gruppe ihr erstes Album.

Aus dem Keller in den Madison Square Garden

Der Erfolg liess auf sich warten und brachte so manche gefährliche Situation mit sich. Peter Criss beschreibt ausführlich wie es ist, wenn man sich als Musiker in die Hände der falschen Promoter und Manager begibt. Er gibt zu, jahrzehntelang keinen Schimmer von der finanziellen Seite des Musikbusiness gehabt zu haben. Proben, auftreten und wilde Partys feiern, das war der Inhalt seines Daseins. Wie viel er verdiente, wo überschüssiges Geld möglicherweise investiert wurde und wie die rechtlichen Hintergründe der Verträge aussahen, interessierte ihn damals nicht. Erst nach vielen Jahren wurde ihm bewusst, dass man ihn wie eine Weihnachtsgans behandelte, da war es jedoch schon zu spät. Zu den Stationen der Band gehörten in all der Zeit Auftritte von den finstersten Löchern bis hin zu Konzerten im Madison Square Garden. Wollte anfangs niemand etwas von KISS wissen, löste die Band später einen Hype nach dem nächsten aus. Eine maskierte Gruppe mit Fantasiekostümen hatte es vorher so nie gegeben und ist bis heute eine Besonderheit geblieben.

Aufstieg und Fall

Die Biografie berichtet vom Anfang der einzigartigen Rocktruppe bis zu deren Ende. Natürlich ist auch die Reunion und der verzweifelte Versuch Peters, zu den Wurzeln zurück zu finden, Teil seiner Geschichte. Dabei spart er nicht mit Spott und Häme, was man ihm bei allem was er durchleben musste, teilweise auch nachsehen mag. Der Kater, so nannte Ace ihn liebevoll, wollte eigentlich nie etwas anderes als Musik machen. Sein Paradies befand sich hinter dem Schlagzeug. Für das was er aus den Fellen heraus trommelte wollte er geliebt und natürlich verehrt werden. Leider verfolgten seine Bandkumpels nicht alle die gleiche Ideologie. Paul und Gene galten als knallharte Geschäftsmänner, die darauf bedacht waren ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen und den Reichtum ins Unermessliche zu steigern. Ace hingegen war der Typ vom anderen Stern - ziemlich durchgeknallt, aber er hängte sein Fähnchen gerne einfach in den Wind. Peter, der zu lange vertraut und geträumt hatte, musste in der Mitte seines Lebens die ganz harte Tour überstehen.

Ausstieg und Neubeginn

Von der weiblichen Schönheit geblendet, fiel der Catman immer wieder auf berechnende Frauen herein. Peter Criss hatte bis zu seiner Midlifecrisis bereits zwei gescheiterte Ehen hinter sich, sowie unzählbare Affären, beziehungsweise One-Night-Stands. Seine Ex-Frauen kamen ihn teuer zu stehen, aber noch schlimmer war für ihn seine damalige Drogenabhängigkeit. Diese hätte ihn fast das Leben gekostet. Criss entschied sich gerade noch rechtzeitig im Jahr 1982 eine Entziehungsklinik aufzusuchen und zog die Therapie dort erfolgreich durch. Sein Leben war zu dieser Zeit ein Scherbenhaufen. Scheidung Nummer zwei war gerade durch, seine Tochter aus dieser Beziehung sah er selten, seine innig geliebte Mutter war an Krebs gestorben, die Karriere stagnierte und dann wurde ihm durch ein Erdbeben in Hollywood noch sein Apartement zerstört.

Der Gedanke an Suizid war zum Greifen nahe, dass er ihn nicht vollzog lag an der Liebe zu seinem einzigen Kind. Derart dramatische Vorkommnisse prägen das Leben des Peter Criscuola bis heute. Zum Glück ist er der Kater und hat neun Leben. Seine beste Phase begann wohl 1989 mit der Hochzeit seiner Ehefrau Nummer drei, die wie er selber sagt, die Liebe seines Lebens sei. Mit ihr ist der Musiker noch immer glücklich, obwohl auch diese Beziehung viele dunkle Zeiten auszuhalten hatte. Tiefpunkt dabei dürfte im Jahr 2007 die Diagnose Krebs gewesen sein. Zuerst erfuhr seine Frau davon, dass sie ein aggressives Sarkom im Unterleib habe, das Dank frühzeitiger Diagnose erfolgreich operiert werden konnte und beinahe zeitgleich fand man bei Peter einen Tumor in der Brust. Beide kämpften sich durch die Therapie und Peter Criss widmet seither Teile seiner Zeit der Aufklärungsarbeit zum Thema Brustkrebs bei Männern.

Doppeldeutigkeit

Der Titel "Ungeschminkt" darf durchaus doppeldeutig verstanden werden. Viele, der im Innenteil des Buchs enthaltenen Fotos, zeigen den heute 67-jährigen Drummer ohne Make-up. Gleichzeitig nimmt er in seiner Autobiografie kein Blatt vor den Mund. Das betrifft auch die amourösen Teile des Bandlebens. Wer dieses Werk liest, sollte besser nicht zur Gattung Moralapostel gehören, denn das was dort über das Leben vor, hinter und neben der Bühne berichtet wird, zeigt eindeutig was jeder auch so schon weiss: Rockstars sind keine Chorknaben! In diesem Buch kann Mann/Frau Dinge lernen, die durchaus im Bereich der erotischen Literatur anzusiedeln sind. Ganz zu schweigen von der doch recht deftigen Wortwahl.

Der Horizontale Wissensstand dürfte bei so manchem Leser hinterher erweitert sein. Nicht zu empfehlen ist die Autobiografie daher für noch unerfahrene Jugendliche, die möglicherweise in nervöse Zuckungen verfallen könnten, nachdem sie die Schilderungen diverser Orgien gelesen haben. Die Rede ist natürlich auch von der Zerstörung etlicher Hotelzimmer. Darüber hinaus gehörte selbstverständlich ein ausschweifender Lebenswandel im Allgemeinen zum Dasein bei KISS. Das musste so sein, alles andere wäre uncool gewesen.

Fazit

Dieses Buch ist unterhaltsam bis zum letzten Buchstaben. Einen Rückblick auf das derbe Leben unter ärmlichen Verhältnissen über ein Dasein in Saus und Braus und den Zerfall eines Traums bis hin zum eher zurückgezogenen Teilzeitruhestand eines grandiosen Musikers bietet die Autobiografie des Drummers. Humor, Frust, Liebe, Unsicherheit und abertausende emotionale Facetten menschlichen Lebens finden sich auf den 352 Seiten dieses Buches. Leicht war es für Peter Criss selten, schwer gemacht hat er sich sich oft. Er behauptet von sich selber, dass er kein Superheld sei. Er sei in erster Linie ein Mensch und gläubiger Katholik. Fehler sind zu tolerieren und sogar lehrreich. Heute lebt er sein Leben reflektiert und beherrscht seine inneren Dämonen weitestgehend. Nur mit der Vergebung gegenüber Paul, Gene und Ace, da hapert es noch ein bisschen. Das wird der ewige Nörgler, wie ihn seine Kumpels in der Band immer nannten, vielleicht auch noch hinbekommen. Wer sich gerne königlich amüsiert und darüber hinaus Fan einer der legendärsten Musikgruppen der Welt ist, sollte sich unbedingt ein Exemplar von "Ungeschminkt" besorgen.
 



1 Kommentare

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31. Juli, 17:35 Uhr
von Heiko T

Peter Criss, oder: Wie ich mein Leben versaute.

Ich habe mir dieses Buch nach langem Zögern gekauft. Warum? Weil ich diesen Peter Criss nie wirklich mochte. Keine Ahnung warum? Ich kannte ihn ja nicht Persönlich. Es war einfach so ein Gefühl, dass sich bei lesen dieses Buches leider als Wahr erwies.
Ich hoffte, beim Kauf dieses Buches etwas über KISS zu erfahren. Pustekuchen! Das einzige, das man erfährt ist, dass Peter der Arme Unverstandene Gutmensch, nur von Gene und Paul verarscht wurde. „ Ich liebe euch doch alle so sehr! Wieso liebt ihr mich nicht?“ Nach einiger Zeit war ich das ewige Gejammer so leid, dass ich ganz einfach die Seiten in denen es nicht um die Band KISS ging, ganz einfach nicht gelesen habe.
Gene und Paul haben einfach das getan, was jeder vernünftig denkende Unternehmer getan hätte, um sein Unterhemen zu retten. Man trennt sich von ewig jammernden, ständig unter Drogen stehenden Mitarbeitern. In dem Buch erfährt man viel über Peters riesen Gemächt und das Gene und Paul nur kleine Dinger haben. Er der harte Kerl, der Gene und Paul am liebsten die Kehlen durgeschnitten hätte, aber noch nicht einmal seine Finanzen im Griff hat.
Schlimm fand ich, das er noch nicht einmal davor halt macht, Marc St John Post Morten als Pädophilen hinzustellen. Ach! Natürlich sind Gene und Paul auch daran schuld, das Marc nicht mehr Gitarre spielen konnte (sie ließen Ihm 12 Stunden am Stück Gitarre spielen, so dass er einen Knorpel Schaden erlitt)
An Tommy Thayer, Eric Singer und Co lässt er auch kein gutes Haar. Tja Peter, Finger weg von Drogen Junge.
Was war noch? Ach ja! Gegen Ende des Buches beschwert sich Peter, das Gene ihm bei der Farewell Tour der Presse gegenüber als Drogensüchtig darstellte (!!!) Das hat Gene eigentlich schon zu Beginn der 80er in 1000 Interviews gesagt. Zu zu gedröhnt, um den Knall zu hören Peter?