Sound mit Inhalt - Das Beste

Tue, 04 Oct 2016 09:26:00 GMT von

Am 28. September trat der gebürtige Reutlinger Matteo Capreoli (mit italienischen Wurzeln) im Münchner Milla auf. Den zweiten Teil dieses Doppelkonzerts übernahm der Australier Hein Cooper, welcher unseren Konzertscout ziemlich an Justin Bieber erinnerte. Aber Jasmins Hauptanliegen war es Matteo ein paar Fragen zu stellen.

Im Frühjahr haben wir in unserem Konzertbericht über Joris auch dessen Support Matteo Caprioli kurz erwähnt. Am Donnerstag teilte er sich mit Songs seines Ende Juli 2015 veröffentlichten Albums "Zuhause" die Bühne mit dem jungen Künstler Hein Cooper from down under. Nun überlassen wir Jasmin Roder das Wort, denn unsere Konzertscoutin durfte Matteo mit einigen spannenden Fragen auf den Pelz rücken.

Jasmin: Dein Album "Zuhause" ist ja nun schon eine Weile veröffentlicht (31.07.2015). Bist du froh darüber wie es bis jetzt angekommen ist?

Matteo: Mit dem Album an sich bin ich zufrieden, aber das Jahr ging so schnell vorbei. Die Konzerte, die ich jetzt auf dieser Tour gebe, werden glaube ich, wirklich die letzten sein, bei denen ich die Songs so spiele. Ich glaube es gibt noch ein paar, die dann übrig bleiben, wie "Frag mich", "Das Beste" und "Heute nur bis morgen", "L.A.", aber der Rest ist für mich jetzt schon so weit weg, weil die neuen Songs vom nächsten Album ein neues Bild zeigen. Deswegen weiß ich noch nicht genau, ob die zusammen passen. Oder ob es dann ähnlich wie bei einer Blume gut ist, sie hat einfach die Jahre gehalten hat und ist dann irgendwann ein bisschen verwelkt. So ist mein Gefühl. 

J: Ich habe gelesen, dass du sehr hoffst, dass die Tour ausverkauft ist. Wie schaut‘s denn aus? 

M: Gut! Bis auf Osnabrück, da habe ich auch noch nie gespielt. Aber ansonsten sieht es relativ gut aus. Hier in München wird es richtig voll. Und auch in Freiburg wird es sehr voll. Hamburg und Kassel steht kurz vorm Ausverkauf. Von daher läuft es gut. 

J: Hast du jetzt schon Dinge im Kopf die du beim nächsten Album anders machen willst? 

M: Zu viele! Ich glaube ich würde mir auf jeden Fall weniger Input von anderen Leuten holen und wieder mehr auf mich hören. Da habe ich so einige Entscheidungen getroffen, die anders gefallen wären, wenn ich auf mein Bauchgefühl gehört hätte. Lag vielleicht daran, dass ich zum ersten Mal mit einer Plattenfirma zusammengearbeitet habe, so richtig! Da gab es dann Bauchgefühle, die ich habe übertönen lassen von Kopfgefühlen anderer Leute oder von Kopfentscheidungen. Im Nachhinein bereue ich die jedenfalls. Das heißt, ich muss wieder ein bisschen mehr auf mich selbst hören. Weil das eigentlich gut war. 

J: Hast du das Album komplett selbst eingespielt? 

M: Ja. Die Streicher nicht und die Bläser nicht. Aber sonst alles selbst. 

J: Fragst du dich manchmal, wieso du eigentlich eine Wohnung hast? Wenn man doch nie da ist. 

M: Ich frage mich oft wieso ich die habe, ja. Ich bin immer glücklich, wenn ich dort bin. Dann freue ich mich auch, dass ich sie habe. Und vor allem dass ich die für mich habe! Ich wohne alleine. Und das ist auch gut so. Beziehungsweise es ist jetzt gerade gut so. Wenn man viel unterwegs ist, ist man sehr gerne auch mal zu Hause alleine. Wenn ich weg bin, frage ich mich natürlich oft wieso ich sie habe, aber es ist schon so ein Rückzugsort. Selbst wenn ich z.B. Hamburg verlassen würde, sprich wegziehen, dann würde ich die Wohnung am liebsten trotzdem nicht aufgeben. Weil es schon schön ist dort hin zu kommen. 

J: Oder hast du dir schon mal überlegt dir einen Wohnwagen anzuschaffen? 

M: Hatte ich, ja. Ich besaß mal einen Bus. Der hat den Geist aufgegeben und danach habe ich mir ein Auto gekauft. Damit sind wir jetzt auch auf Tour. 

J: Deine Musik ist anders. Gott sei Dank. Es ist eigentlich zum größten Teil, bis auf "Leid" so Gute-Laune-Mukke. Was glaubst du? Wieso machen das so wenige?

M: Das hat mit dem Hörgefühl zutun. Das Hörgefühl ist nicht nur Sound, sondern auch Inhalt. Es gab auch für mich letztes Jahr viele Sachen mit einem ähnlichen Thema. Es war alles so ein bisschen willkürlich, ging nicht tief. Letztes Jahr hat die deutschsprachige Musik keine tiefgründige Reise gemacht. Nur als Vergleich: Joris veröffentlicht einen Song der "Herz über Kopf" heißt und Mark Forster macht ein Lied mit dem Titel "Bauch und Kopf". Identisches Thema. Das heißt es gibt immer einen Zeitgeist und ein Hörgefühl, dann denken immer alle sie müssen das jetzt machen. Ich will das alles gar nicht werten.

Die machen das ja vielleicht auch weil sie es fühlen. Aber da steckt schon eine gewisse Ausrechnung dahinter, glaube ich. Ich kann dir aber nicht genau erklären woran das liegt. Das ist echt ein langes Thema. Ich glaube, dass generell in Deutschland eine Kultur-Identitätskrise herrscht. Jeder will und kann Künstler sein. Jeder kann Musik machen. Früher war das anders! Früher hat man Musik gemacht und Songs geschrieben aus einer Emotion heraus.

J: Aber es behaupten trotzdem alle, dass sie es wegen der Musik machen und nicht um Geld zu verdienen. Würde sonst auch ein bisschen doof klingen.

M: Tim Bendzko hat mir das damals z.B. vor 10 Jahren gesagt, als ich mit ihm zusammen ab und zu geschrieben habe. Ich kenn ihn nicht gut, aber damals war er so: Ich will einfach erfolgreich werden. Ich will berühmt werden. Das Ziel hatte ich noch nie. 

J: Video zu "Frag mich" (ital. Version, deutsche von GEMA gesperrt)". Ich wollte mich auf das Video konzentrieren, wurde aber abgelenkt von diesem krass dünnen Mädchen!

M: Das sagen viele, ja. Es ist mir aufgefallen, aber was soll ich machen. Da steckte ich nicht so mit drin, weil die Regisseure entschieden haben und eigentlich sollte ein anderes Model beziehungsweise eine Schauspielerin kommen. Die konnte leider plötzlich nicht. Jedenfalls wurde dann kurzfristig Emma gebucht. Die eigentlich auch ein cooles Model ist und super nett. Auch sehr attraktiv. Aber trotzdem haben viele eben gesagt, dass sie sehr dünn ist. Was ich absolut nachvollziehen kann, aber am Ende des Tages wusste ich jetzt auch nicht genau, was ich hätte tun können. Es ist Geschmacksache. Aber: Sie hat das toll gemacht und sah gut aus im Clip. 

J: Du hast mal gesagt, dass in den 60er und 70er Jahren die Musik politische Entscheidungen beeinflusst hat. Ist das in der jetzigen Situation auch möglich?

M: Gestern habe ich zum Bespiel einen Song von Sarah Lesch gehört, eine Bekannte von mir. Sie ist Liedermacherin. Sie schreibt eher Protestsongs. Und sie hat gerade einen sehr guten rausgebracht über die ganze Situation hier in Deutschland. Damit hat sie auch viele Leute erreicht. Das Video geht gerade viral durch die Decke. Sonst ist glaube ich, ist politisch nicht so viel möglich gerade. Mit Musik politisch etwas verändern ist im Moment glaube ich nicht möglich hier in Deutschland. Fast keiner macht‘s und wenn es jemand versucht, dann findet man es meistens eher plump und auffällig. Ich-bezogen, weil es eben genau dann passiert, genau DANN bringt XY den Song raus, der sich mit dem Thema befasst, wenn etwas Schlimmes passiert und alle Welt darüber spricht.

Dann hat man das Gefühl, dass es aus Marketingzwecken auf Ich-bezogen gemacht wurde. Deswegen ist es gerade nicht so recht gefragt. Und deshalb machen es so wenige. Auch früher haben das die Leute nicht aus politischen Gründen getan, sondern auch einfach nur um Leute anzuregen. Bob Dylan hat bestimmt nicht gesagt: "Ich werde jetzt politischer-Protest-Schreiber!". Das ist halt so passiert und die Leute haben ihn später in diese Ecke gestellt. 

J: "Die Zeit"(erinnert mich am Kirchenklänge) und "Landstreicher" klingt ein wenig anders als der Rest. Andere Klänge. Anders. Wieso?

M: Das sind die Bläser. Das hat der Julian Maier-Hauff eingespielt. Das ist so ein Typ der alles spielt. Posaune, Trompete, Saxofon und Flügelhorn. Den habe ich angerufen und ihn gebeten das alles einzuspielen. Er sagte zu, nahm alles auf und hat es mir geschickt. 

J: Wie kamst du auf das Thema mit der Zeit? Bräuchtest du auch manchmal Tage mit mehr als 24 Stunden?

M: Mittlerweile nicht mehr. Inzwischen bin ich da entspannter. Wobei: Jetzt gerade bin ich total angepisst, weil ich so eine Abgabe habe für eine Auftragsarbeit. Die nerven mich seit Wochen schon. Jetzt wollen sie heute wieder was geändert haben. Und ich müsste genau JETZT gerade, wo ich mich mit dir unterhalte eigentlich daran arbeiten, weil sie um 20 Uhr eine Änderung haben möchten. DAS nervt mich! Das nervt mich richtig. Aber das ist das einzige. Ansonsten bin ich mittlerweile ziemlich entspannt. Früher war ich immer so oft gestresst wegen Zeitdruck etc.. Das habe ich mir dieses Jahr abgewöhnt. Das kommt mit dem Alter. Du bist ja nochmal jünger als ich. 

J: "Lass das Werden sein". Kannst du dazu ein wenig erzählen. Auf dem normalen Album ist es ja nicht drauf, sondern nur wenn man es sich auf iTunes runterlädt.

M: Ich glaube das Label fand das Lied nicht so gut. Ich habe tausend Sachen hin und her gestellt und geguckt, ob es so besser ist oder so. Dann wollte ich auch nicht, dass sich Themen überlappen. Damit sich nichts doppelt anfühlt. "Landstreicher" war für mich ein gutes Ende. Um auch klar zu machen: Ich bin doch noch, obwohl ich das Zuhause-Gefühl überall hin transportiere, irgendwie "Lost" und muss ständig weg. Damit war ich dann auch zufrieden. Aber die anderen zwei Songs mochte ich trotzdem so sehr, dass sie halt als Bonus Tracks auf iTunes gelandet sind. 



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