Anstelle stumpfer Wiederholung eine Wundertüte

Mon, 21 Mar 2016 10:52:00 GMT von

Am 03. März 2016 war bei Bosse und seiner Band gesundheitlich noch alles im grünen Bereich. Anders sah es bekanntermaßen zwei Wochen später aus, als grippebedingt das Dortmunder (17.03) und Bremer (18.03.) Konzert gecancelt werden musste. 

Jasmin Roder hatte Glück: Sie packte die Gelegenheit am Schopf, Bosse anlässlich seines Gigs in der Münchner Freiheizhalle ein bisschen auszufragen. Man merkt schnell, dass die Chemie zwischen dem Musiker und unserem engagierten Konzertscout stimmte. Einsilbige Antworten sucht man vergeblich im nachfolgenden Gespräch. Da hatten zwei Menschen Lust auf ein Schwätzchen.

Bosse: Bei euch gehe ich immer auf die Seite, wenn ich meine eigenen Texte im Proberaum nicht kann (Aki meint Magistrix Anm. d. Red.).

Jasmin: Nee! Ehrlich?

Bosse: Doch, ohne Scheiß! Manchmal habe ich so Texthänger beim Proben und ihr seid da ja immer echt schnell. 

Jasmin: Weißt du wie viel Like’s die Interessens-Facebook-Seite von deiner alten Band "Hyperchild" hat?

Bosse: Ne, keine Ahnung. 18.000?

Jasmin: 11!

Bosse: Ich glaube als wir damals aufgehört haben, gab es das noch gar nicht. Da gab es Facebook noch nicht.

 Jasmin: Du hast mal in einem Interview gesagt, dass du kein Käse sein möchtest, den man sich jeden Sonntag immer wieder an der Theke holt. Jetzt hat dein letztes Album "Kraniche" ja ganz gut funktioniert. Aber trotzdem ist "Engtanz" anders. Wieso, wenn es doch so gut funktioniert hat? 

Bosse: Was hab ich gesagt? 

Jasmin: Dass du kein Käse sein möchtest, den man sich jeden Sonntag immer wieder an der Theke holt.

Bosse: Ach! Wegen der Gewohnheit. Erstmal zu dem, weil es doch so gut funktioniert hat: Ich habe ja auch "Kraniche" nicht so gemacht damit es so gut funktioniert. Es hat dann eben gut funktioniert. Aber jetzt das nächste Album dann wieder so zu machen, nur weil das letzte so funktioniert hat, wäre ja irgendwie eine stumpfe, langweilige Wiederholung. 

Jasmin: Es gibt Menschen die machen das trotzdem. 

Bosse: Ja, aber ich glaube, dass diese Menschen falsch liegen. Und ich glaube eben auch, dass ich mich dann so sehr mit mir selber langweilen würde und ich mich auch irgendwie selbst betrügen würde. Weil ich jetzt schon irgendwie was Neues wollte. Viele Gitarren. Hatte einfach Bock auf andere Musik und Lust auf andere Texte. Ich hätte natürlich "Schönste Zeit" Nr. zwei und Nr. drei schreiben können und das wäre dann die erste Single geworden. Aber das ist doch alles doof oder? Wenn sich Leute versuchen zu wiederholen, nur weil irgendwas so erfolgreich war, dann merkt man das auch! Man merkt das und ich finde das ist dann immer so ultralangweilig. Ich wollte schon irgendwie für mich und auch für die Leute, die meine Musik schon lange kennen und mögen eine kleine Wundertüte erschaffen. Bei der vielleicht auch mal etwas rauskommt, was irgendwie ganz anders ist. Ich weiß jetzt nicht ob das Album sooo mega anders ist. Aber irgendwie ist es das schon.

Jasmin: Ok, aber ist es vielleicht ein Grund weswegen du (weil es ja das letzte Mal so gut funktioniert hat) wieder mit Philipp Steinke (Produzent) zusammen gearbeitet hast? 

Bosse: Ja natürlich! Jetzt nicht weil es so gut funktioniert hat, sondern weil ich so gut mit Philipp Steinke funktioniere. Das ist eben das Ding. Es ist so: Ich arbeite ja eigentlich schon die letzten drei oder sogar vier Alben immer nur noch mit einer Person zusammen. Das bedeutet, ich schreibe die Songs und die andere Person, ist dann die Person mit der ich arbeite. In diesem Fall mit Philipp. Es hat bei "Kraniche" so gut funktioniert, weil wir einfach so gut harmonieren. Eben auch Freunde sind. Wir auch gerne zusammen rumfahren und abhängen. Das sind so neben der Musik auch nochmal wichtige Aspekte. Ansonsten ist der Typ für mich ein wahres Genie. Der kann eben mit meinen Songs genau das machen was ich nicht kann. Weil er talentiert ist! Und weil er eben ein guter Musiker ist! Im Gegensatz zu mir, muss man mal ganz ehrlich sagen. Das war eigentlich der Grund für die erneute Zusammenarbeit. Wahrscheinlich auch beim nächstes Album. Wir wollen auch bald schon wieder anfangen, weil wir halt einfach so Bock haben! 

Jasmin: Du hast bei diesem Album ein Feature mit Casper in dem Song "Krumme Symphonie". Wie kam es zu dieser Kooperation?

Bosse: Ich habe im Prinzip in Berlin so zwei Leute, einer davon ist Casper, denen ich Sachen vorspiele bevor andere Menschen sie hören. Wir tauschen uns schon ziemlich lange aus. Musikalisch als auch freundschaftlich. Da gibt es eine enge Verbundenheit und da lag es irgendwie total auf der Hand, dass wir was zusammen machen. Wir wollten das auch schon sehr lange, aber der richtige Song war nie da. Dann irgendwann habe ich "Krumme Symphonie" geschrieben: Er hat ihn gehört, sich drangesetzt und fertig. Das ging super schnell und super unkompliziert. Mir war es so wichtig eine Nummer zu haben, die nicht unterbrochen wird. Also nicht so eine Indie-Pop-Nummer, die unterbrochen wird vom schlecht gemachten Hip Hop Beat, dann kommt der Hip-Hopper und dann der zweite Refrain oder so. Genau das wollten wir eben nicht. Vor allem ich nicht. "Krumme Symphonie" lag eben so auf der Hand, weil der Beat durchläuft und er fand das gut! War auch ein gutes Tempo für ihn. Dann war das irgendwie ziemlich schnell geregelt. 

Jasmin: Das tolle an deinen Texten ist ja, dass sie so nah am Leben sind. "Socken vom Trockner gefressen",  "Zahnpastatube leer" etc., aber auch "Tantrakurse auf Mallorca"?

Bosse: Das ist ja eigentlich so einer der wenigen Songs, wo ich nicht die ganze Zeit von mir selber erzähle. Ich erzähle von den Fluchten die Menschen so haben. Und da habe ich eben alle Dinge genommen, die mir so eingefallen sind. Die ich teilweise auch schon selber erlebt habe. Gerade so die Bereiche Religion und Esoterik sind eben so krasse menschliche Fluchtpunkte. Und darüber wollte ich eigentlich singen. Am Ende sagt der Song: Wenn du bei dir zu Hause nicht glücklich bist und du glaubst, dass wenn du nach Thailand fährst und einen Mangoshake trinkst, und denkst nur durch die Sonne und die andere Umgebung wird das irgendwie besser, was in dir drinnen nicht stimmt, dann ist das, glaube ich ein großer Fehler. Dann bist du weggelaufen. Das ist der Song. Und ich hab eben alles reingepackt was ich lustig und super esoterisch fand.

Jasmin: Woran glaubst du liegt es, dass Songs denen man selber gar nicht so viel Zuspruch zurechnet, bei den Fans oft am besten ankommen?

Bosse: Ich glaube, das ist eine reine Betriebsblindheit. Bei mir ist es z.B. so, dass ich immer falsch liege! Bei meinen eigenen Sachen. Also immer das wo ich jetzt denke das berührt mich selber ganz ganz doll, oder es ist besonders ausgefuchst, findet dann oft überhaupt keinen Anklang. Ich glaube es liegt daran, dass man sich selber immer nicht so richtig einschätzen kann. Deshalb hat man Freunde, die einen widerlegen können oder manchmal von außen einwirken. Was sehr wichtig ist. Bei mir ist es so: Ich kann über meine eigene Musik immer nicht so viel sagen, weil ich sie ja mache. Und weil ich so drinhänge. Dass ich es am Ende eigentlich immer super finde, wenn mir jegliche Entscheidung von meinen engsten Leuten abgenommen wird. Wenn mein bester Freund sagt: "DAS ist die beste Nummer auf deinem Album!", dann glaube ich ihm mehr als mir.

Jasmin: Wann sehe ich dich mal bei Ina‘s Nacht

Bosse: Bei "Ina‘s Nacht" ist es, denke ich so dass man da eben nur einmal spielt. Ich war irgendwann schon mal da. Ist lange her. Damals habe ich "Der Sommer ist noch lang" von der Platte "Taxi" (V.Ö. 2011 Anm. d. Red.) gespielt. Also schon ewig her. Aber wer weiß, es könnte sein, dass da mal wieder was kommt. 

Jasmin: Liest du dir auf Facebook Kommentare etc. durch?

Bosse: Ja klar, lese ich die. Alle! 

Jasmin: Ich habe dir da mal einen rausgesucht. Von Sebastian: "Meine Tochter ist am Samstag früh zur Welt gekommen und kurz darauf lief "Steine" im Radio." Was bedeuten dir solche Reaktionen?

Bosse: Es bedeutet mir etwas, weil es ihm ja scheinbar viel bedeutet. Ich finde sowas immer toll. Manchmal ist man sich selber ja gar nicht bewusst, was für eine Tragweite es haben kann. Was es für Leute bedeuten kann. Hier und da höre ich echt manchmal so Sache, die mich dann sehr berühren. Da freue ich mich einfach sehr. Ich find das dann krass, wie sehr manche Menschen einen wertschätzen. Das heißt dann für mich, oder auch für uns alle eben nur, sich dann vielleicht doppelt anzustrengen! 

Alles hört irgendwann auf...Ahoi Ade

Schade, dass dieses Interview nicht noch länger dauerte. Für Fans ergeben sich aus den Axel Bosses Antworten viele interessante Aspekte, wie er tickt und was den 36-Jährigen antreibt. Vor allem spürt man deutlich seine Bodenständigkeit und merkt, dass zwischen dem Künstler auf der Bühne und dem Menschen dahinter, keine Lücke klafft. Bosse ist einfach authentisch, was mit Sicherheit zu seinen hohen Sympathiewerten beiträgt.

Für mich als Redakteurin, die diesem Text von Jasmin den letzten Schliff verpassen durfte, eine erneute Bestätigung warum man sich zu den Fans des Braunschweigers zählt. Umso sehnlicher warte ich, neben zig anderen Menschen, auf Bekanntgabe der neuen Konzerttermine für Dortmund und Bremen von Bosses "Engtanz Tour"*. Ein herzlicher Dank an dieser Stelle nochmals an Jasmin, für ihre spannenden Fragen und die Mühe, die sie sich mit dem Gespräch gemacht hat.

*Nachtrag: 21.03. - 16:00 Uhr  - Nachholtermin für Dortmund/FZW - 28.04.2016

                                                 - Nachholtermin für Bremen/Schlachthof - 01.05. 2015

 



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