Wieder ein Team

Fri, 25 Sep 2015 13:53:00 GMT von

Die englische Stadt Macclesfield liegt knapp 30 Kilometer von Manchester entfernt. Hier wurde die Band Joy Division geboren - und auch deren Nachfolge-Formation New Order.

Hier ist auch das Studio, in dem New Order am Großteil der Songs für ihr zehntes Album "Music Complete" werkelten. Umgeben von grünen Wiesen (draußen) und einem Sammelsurium aus Instrumenten sowie "Dr. Who"-Memorabilia (drinnen) gibt Sänger und Gitarrist Bernard Sumner (59) nebst Drummer Stephen Morris (57) in einer umgebauten Farm Auskunft über ihr neues Werk. Für ihren Ex-Bassisten Peter Hook und ihren größten Hit "Blue Monday" haben sie indes keine guten Worte ...

Problematisches Konkurrenzverhalten

"Das Album klingt auch deshalb so happy und uptempo, weil es heute keine Hahnenkämpfe mehr innerhalb der Band gibt und der Typ, der alle heruntergezog, uns verlassen hat", meint Bernard Sumner und spielt damit auf ihren 2007 ausgestiegenen Bassisten Peter Hook an. "Teil des Problems war, dass Peter und ich so wahnsinnig unterschiedliche Menschen sind. Er mochte mich nicht. Er ist sehr konkurrenzdenkend. So bin ich gar nicht." Der Bandvorsteher glaube auch nicht, dass dies gut für eine Band sei. Vielmehr müsse man wie ein Fußballteam agieren: "Egal, wer das Tor schießt, Hauptsache, es führt zum Sieg." Der Ausstieg Hooks habe den Rest der Band für das Album nochmals extra angespornt, meint Sumner.

Man schreibt keine Basslininien

"Music Complete" ist sehr elektronisch ausgefallen. Nur böse Zungen würden behaupten, dass New Order ohne die Bassläufe von Hook nicht mehr nach New Order klingen. "Zu uns sagt das ja keiner. Das behauptet vermutlich eh nur Peter Hook selbst. Man schreibt Songs und keine Basslinien. Das wäre ja in etwa so, als wären die Rolling Stones nichts ohne Bill Wyman", sagt Sumner. Es gibt bei Album Nummer zehn aber auch eine Rückkehr zu vermelden: Keyboarderin Gillian Gilbert ist nach einer familienbedingten Auszeit wieder mit von der Partie. Brandon Flowers (The Killers) und Elly Jackson (La Roux) sind als Gäste mit dabei. "Es ist natürlich schmeichelnd, wenn solch junge Künstler New Order als Inspiration sehen", gibt Morris zu.

Büffel und Wein inspirierten zu Stray Dog

Hinter dem Titel "Stray Dog" verbirgt sich eine Spoken-Word-Performance von Altmeister Iggy Pop: "Dazu hat mich eine Dokumentation über Büffel und reichlich Wein inspiriert", erzählt Sumner belustigt. "Ich wusste sofort, dass 'Stray Dog' von Iggy gelesen werden muss. Sein Album 'The Idiot' kam zu der Zeit raus, als wir damals mit Joy Division durchstarteten. Ich erinnere mich noch genau, wie Ian Curtis mir die Platte vorspielte, als ich ihn das erste Mal in seinem Haus in Macclesfield besuchte." Ian Curtis war der Sänger der Band Joy Division, aus der nach dessen Freitod 1980 New Order hervorgingen.

Tutti Frutti

Curtis hatte sich in der Küche seines Hauses erhängt, nun soll es zu einem Museum werden. "Es ist geschmacklos, an dem Ort, an dem jemand sich das Leben nahm, ein Museum zu errichten", findet Morris. "Aber wir können ja nichts dagegen tun." Doch zurück zur neuen Ausgelassenheit von New Order. Was hat es mit dem neuen von Eurodance- und Disco beeinflussten Song "Tutti Frutti" auf sich? Sumner und Morris lachen: "Wir wissen mittlerweile, dass es eine TV-Show in Deutschland mit dem Titel gab. Eine Oben-Ohne-Show.

Aber so etwas hätten wir uns natürlich nie angesehen", sagt Letzterer. Und Sumner ergänzt: "Der Song heißt deshalb so, weil mir plötzlich die Idee kam, einen waschechten Italiener einige schmutzige Textzeilen über Sex darin sprechen zu lassen. Also hat unser Co-Produzent Tom Rowlands von den Chemical Brothers den Typen aus seinem Lieblings-Sandwich-Shops gefragt, ob er mal kurz mit ins Studio kommt. Ganz so Schlimmes hat er dann doch nicht gesagt."

Beinbruch wegen Blue Monday

Ein neues "Blue Monday" haben sie damit nicht geschrieben. Wenig verwunderlich, hegt Sumner doch ohnehin einen Groll gegen das Lied: "Ich brach mir wegen dem Song in Deutschland ein Bein. Das ist noch gar nicht lange her." New Order hatte einen Gig in einem Berliner Club, in dem nach dem Auftritt weitergefeiert wurde. "Ich war ein bisschen betrunken und stand auf der Tanzfläche. Dann legte der DJ 'Blue Monday' auf, und plötzlich stürmten alle in meine Richtung. Ich dachte nur: Ich kann doch jetzt nicht zu meinem eigenen verdammten Song tanzen. Ich wollte verschwinden." Dummerweise hatte jemand einen niedrigen Tisch mitten auf die Tanzfläche gestellt: "In den ich dann voll reintrat." Das schmerzt schon beim Zuhören. Morris betont derweil: "Aber trotzdem werden wir nie müde, den Song auf Tour zu spielen." Das dürfte auch die Besucher des einzigen und bereits restlos ausverkauften Deutschlands-Konzerts in Berlin (11. November, Tempodrom) freuen.

Langweilige Klamotten?

Wo man nun aber gerade nahe Manchester zusammensitzt, sei die Frage erlaubt, welche Band denn wichtiger für den Ort war: New Order oder Take That? Morris winkt ab: "Von Take That kommen doch nicht mal alle aus Manchester. Robbie Williams ist aus Stoke-On-Trent. Sie sind somit disqualifiziert." Sumner ergänzt: "Meine Tochter hat mir neulich einen Live-Mitschnitt von Take That gezeigt und meinte: 'Solche Jacken mit Lichtern dran solltest du auch auf der Bühne tragen. Deine Klamotten sind echt langweilig!' Ich antwortete ihr, dass ich so etwas erst mit dem Rest der Band besprechen müsste - was ich natürlich nie getan habe." Sumner lacht.

Die Tochter von Morris unterhält mittlerweile selbst eine Band namens Hot Vestry. "Ich bin immer wieder erstaunt, wie anders die Herangehensweise von jungen Bands heutzutage ist. Die haben schon die Merchandising-T-Shirts fertig designt und gedruckt, bevor sie überhaupt wissen, wo sie spielen werden. Das war in unseren Anfängen in den 70-ern noch anders." Aber so sei das nun mal mit dem Nachwuchs.

teleschau | der mediendienst



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