Pur
"Pur sind wieder cool!"

Sun, 20 Sep 2015 08:30:00 GMT von

Von der Schülerband in der Kleinstadt Bietigheim-Bissingen zu einer der erfolgreichsten Pop-Gruppen in Deutschland: Das Kunststück gelang Pur, denen Hartmut Engler seit fast 35 Jahren als Sänger und Songschreiber vorsteht.

Auf ihrem neuen Studioalbum "Achtung" fordert er mehr Respekt im Umgang miteinander und Toleranz gegenüber Fremden. Beim Gespräch im Hyatt Hotel in Hamburg erzählt der sonnengebräunte und erschlankte 53-Jährige aber auch von seinem Faible für den Buddhismus, von einem Lied für seine Mutter und dem Leben nach der VOX-Erfolgsshow "Sing meinen Song".

magistrix: Herr Engler, Sie sehen fit und erholt aus.

Hartmut Engler: Danke. Ich war gerade, wie üblich um diese Jahreszeit, in meinem Haus auf Mallorca. Und ich habe eine Woche Heilfasten hinter mir. Es ist immer gut, sich mal zu reduzieren und schlechte Gewohnheiten abzulegen. Ich rauche eh nicht, aber auch auf Kaffee und Alkohol habe ich verzichtet. Man fühlt sich nach so einer Kur viel energetischer und weiß, Essen wieder mehr zu schätzen. Als ich gestern Abend in Hamburg ankam, habe ich nach fast zwei Wochen mein erstes Stück Fleisch gegessen. Das war zauberhaft.

magistrix: Aber sich im Zaum zu halten haben Sie sich auch erst spät in Ihrer Karriere angewöhnt oder?

Engler: Ich hatte irgendwann keine andere Möglichkeit mehr! Nach der "Abenteuerland"-Tour Mitte der 90-er war ich bei 100 Kilogramm angelangt. Und mein Arzt sagte: "Wenn Sie weiter so auf der Bühne herumspringen wollen, dann wäre es besser für Sie und Ihre Gelenke, wenn Sie gegensteuern." So habe ich das Heilfasten für mich entdeckt und gleichzeitig angefangen, Ausdauersport zu machen. Heute mache ich fünfmal eine Stunde Sport in der Woche.

magistrix: Sind Sie konsequent?

Engler: Ich bin extrem konsequent, wenn ich inkonsequent sein will. Aber ich bin auch sehr konsequent, wenn ich konsequent sein will.

magistrix: Sind Sie heute eitel?

Engler: Ach nein, das ist eher eine Eitelkeit, die was mit dem Job zu tun. Ich glaube, wenn ich irgendwann nicht mehr auf der Bühne bin, werde ich doch dazu neigen, mich ein bisschen gehen lassen.

magistrix: Wie Robbie Williams immer sagt: "In mir lebt ein dicker Mann, der raus will."

Engler: Ja, genau so. Ab und zu spannt das Hemd ein bisschen, und irgendwann ist es dann auch wieder gut. Das ist bei mir auch so. Und wenn ich zu viel abnehme, sagen die Leute sowieso immer: "Oh, der muss krank sein." Ich kriege dann ganz schmale Wangen, und die Nase sticht noch mehr hervor.

magistrix: In der VOX-Serie "Sing meinen Song" waren Sie der Älteste! Spornte Sie das noch mal extra an?

Engler: Schon. Dann ist man sowieso gefragt, mitzuhalten. So nach dem Motto: "Hey, ich bin auch noch da!"

magistrix: Mit wem aus der Sendung verstanden Sie sich besonders gut?

Engler: Mit Daniel Wirtz war das schon toll. Als die Folge mit den Pur-Songs ausgestrahlt wurde, schaute ich sie mit ihm zusammen an. Ich habe ihn im Arm gehalten, als ich im Fernsehen heulte, während er meinen Song sang. Das war schon skurril.

magistrix: Sie bescherten ihm damit seinen größten Hit!

Engler: Stimmt. "Wenn sie diesen Tango hört" ist ein Pur-Song aus dem Jahr 1988. Natürlich freut man sich riesig, wenn so ein junger Typ damit noch mal die Charts aufmischt.

magistrix: War das für Sie auch eine Bestätigung, doch ein guter Songwriter zu sein? Denn Ihre Texte werden ja nicht immer von allen geliebt.

Engler: Wobei ich über den Song noch nie Kritisches gelesen oder den Vorwurf gehört habe, dass das ein schlechter Text sei! Da gibt es andere, bei denen das eher der Fall war. Pur schreiben über sehr konstruktive Dinge, die Texte haben Substanz. Man kann finden, dass einen das nicht berührt, dass einem das egal ist, zu pathetisch oder schmalzig. Aber hassen ist doch etwas übertrieben. Ich muss immer grinsen, wenn ich im Zusammenhang mit Pur das Wort "Polarisieren" höre. Das heißt nämlich nicht viel mehr, als dass es Leute gibt, die es richtig gerne mögen und andere, die es nicht mögen.

magistrix: Hat "Sing meinen Song" Pur trotzdem rehabilitiert?

Engler: Mit meiner Teilnahme an der Sendung ist die Popularität auf jeden Fall wieder deutlich angestiegen. Pur sind jetzt cool!

magistrix: Nun gibt es auf dem neuen Album den Nachfolgesong zu "Wenn sie diesen Tango hört". Hat Sie der Erfolg von Daniel Wirtz zu dem Sequel-Stück "Anni" inspiriert?

Engler: Nein, lange bevor die Nation "Sing meinen Song" im Fernsehen sehen konnte, waren die Aufnahmen für "Anni" beendet. Denn meine Mama, über die das Stück handelt, hat am 18. März ihren 90. Geburtstag gefeiert. Da waren drei Generationen unserer Familie anwesend. Und am Tag danach setzte ich mich hin und verpackte den Anfang ihrer Geschichte in ein Lied. Denn der "Tango" beginnt erst in der Wirtschaftswunderzeit und handelt davon, wie wir groß wurden bis hin zu dem Moment, als mein Papa gesundheitliche Probleme bekam. Der neue Song steht für 90 Jahre deutsche Geschichte aus der Perspektive einer heimatvertriebenen, alten Dame und mit dem Happy End ihres Geburtstags, was für sie ein wahnsinnig schöner Tag war, weil wirklich alle da waren. Meine Mama hat sogar ein paar Tränen verdrückt.

magistrix: Die Geschichte des Heimatvertriebenen spielt sich derzeit in Deutschland tausendfach ab.

Engler: Das ist richtig. Daran habe ich natürlich auch gedacht. Die Flüchtlings-Thematik findet sich auch noch in anderen Liedern wieder: vor allem in "Lichter aus", das ich vor zehn Monaten nach der Lampedusa-Katastrophe schrieb. Seither hat sich vieles verändert. Deutschland hat mittlerweile den Punkt erreicht, an dem wir alles ganz anders machen müssen, weil hier sonst einiges aus dem Ruder läuft. Ich bin ganz sicher, dass wir die Flüchtlingsmassen stemmen können. Denn wir haben 17 Millionen DDR-Bürger integriert in unser großes Deutschland. Wir werden es auch hinkriegen, diesen Flüchtlingsstrom so zu verteilen, dass es funktioniert.

magistrix: Sie meinen innerhalb Europas?

Engler: Deshalb haben wir ja eine europäische Gemeinschaft! Und wir sprechen hier ja noch nicht von einem Hunger-Exodus, der aus Afrika in 20 Jahren losbricht, wenn sie dort weder Platz noch Essen haben. Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat neulich im Fernsehen gesagt, dass es 1,7 Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde gab, als er ein junger Mann war. Jetzt sind es bereits 7 Milliarden. Wie soll das bitte weitergehen? Das ist eine Frage, die ich neulich mit meinen Söhnen, die 16 und 18 sind, erörtert habe. Mir blieb nichts anderes zu sagen als: "Ich hoffe das Beste, aber das ist dann wohl euer Problem und nicht mehr unseres."

magistrix: Macht Ihnen das auch Angst?

Engler: Ich versuche, bei mir und im Hier und Jetzt zu bleiben. Solche globalen Gedankenspiele machen mich eher traurig und bleiben ergebnislos. Denn es ist verschwendete Energie, sich über so etwas den Kopf zu zerbrechen, weil es genügend Sachen gibt, die hier bei uns zu verbessern und zu verändern wären.

magistrix: Pur haben zwar oft sozial engagierte Texte. Aber wenn Sie mit Politsongs zum Thema Flüchtlinge Stellung beziehen, haben Sie da keine Sorge, dass das Ihre Fans verprellen könnte?

Engler: Nein, denn ich gehe sowieso davon aus, dass jemand, der mit unserer Musik sympathisiert, einen ähnlichen Werte-Kodex hat wie wir. Wir sind soziale Wesen, wir müssen hier auf dem Planeten miteinander umgehen. Und wer hält die Welt, wenn nicht wir? Wer tut's dann? Darum geht's auch im Duett mit Xavier Naidoo auf der Platte. Ich bin kein Politiker, ich kann die Regeln für ein globales Zusammenspiel nicht beeinflussen, aber als Sänger kann ich Impulse setzen. Als Unterhaltungskünstler mag ich aber auch kein komplettes Album mit sozial-kritischen Hintergründen machen. Doch es muss reinspielen.

magistrix: Das war Ihnen wichtig.

Engler: Ja. Wenn ich ein rundes Bild vom Ist-Zustand der Herren von Pur oder meiner Wenigkeit als Texter wiedergeben möchte, dann ist diese Platte jetzt genau das Ergebnis von dem, was mich beschäftigte: in der Außenansicht mit den Problemen, die wir gerade haben, wie dem Flüchtlingsaufkommen. In der Innenansicht mein Einlesen in die buddhistische Philosophie in den letzten Jahren - angewandt auf das westliche Leben.

magistrix: Wie sind Sie auf die buddhistische Philosophie gekommen?

Engler: Es gibt da ganz zielgerichtete und höchst interessante Literatur, wie beispielsweise "Das weise Herz" von Jack Kornfield. Das alles hat mich auch zum Meditieren gebracht. Daraus entstand dann ein Stück wie "Die Welle". Das ist reine Meditation, das ist Atmen, das ist Herzschlag, auf das Hier und Jetzt fokussieren. Der Song hat das richtige Tempo dafür. Es ist einer meiner Lieblingssongs, denn er macht mich gleich komplett ruhig.

magistrix: Vielleicht werden Sie ja bei der kommenden Pur-Arena-Tour mit dem Publikum eine kleine Meditationsrunde abhalten?

Engler: Nein, ich möchte um Himmels willen nicht den Eindruck erwecken, dass ich auf dem Weg zum Guru bin! Ich dreh jetzt auch nicht esoterisch durch oder so. Es ist nur der Ausdruck meiner spirituellen Seite, die, wie ich glaube, in jedem Menschen vorhanden ist. Und die durch das Ego, das sich permanent am Tagesplan abarbeitet, zugedeckt und zugemüllt wird. Gerade, wenn man wie ich derzeit viele Termine hat, übernimmt das Ego das Ruder und das Bewusstsein tritt wieder etwas in den Hintergrund. Aber ich freue mich dann wieder auf die Zeit, wenn das Bewusstsein dem Ego sagt: "So, jetzt hast du dich wieder ausgetobt. Jetzt sitz' mal still, und lass' mal wieder den Himmel, den Mond und die Sterne leuchten."

magistrix: Was gibt Ihnen das?

Engler: Wenn man das zulässt, kann man manche Dinge anders sehen. Das erhöht die Lebensqualität bei den alltäglichsten Sachen. Wenn ich im Wartezimmer beim Arzt sitze, habe ich früher immer nur auf die Uhr geguckt und mich geärgert. Und jetzt stelle ich plötzlich fest, dass in demselben Wartezimmer ganz tolle Gemälde hängen. Ich kann es ja eh nicht ändern, deshalb befasse ich mich mit dem, was um mich herum ist. Achtsamkeit ist das Stichwort! Von Achtsamkeit bin ich dann auch auf "Achtung" gekommen - den Titel des Albums.

magistrix: Ihr Aufruf für mehr Achtung und Respekt?

Engler: Genau. Wenn wir so weitermachen, vergessen wir Achtung und Respekt im Umgang miteinander komplett, wie man im Internet gerade erlebt, wo die Leute vollkommen respektlos und ohne jede Achtung auf Mitmenschen einhacken - ohne sich verantworten zu müssen für ihre verbale, gequirlte Scheiße. Da kommt in mir auch der Vater durch, der seinen Kindern Werte vermittelt und mitansehen muss, wenn sie in so eine Welt hineinwachsen. Das muss nicht sein.

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