Alle an einem Tisch

Mon, 31 Aug 2015 10:57:00 GMT von

Wenn es länger dauert als erwartet, bis ein neues Album in die Welt entlassen wird, hat das meist triftige Gründe. MiA. haben mehr als zwei Jahre an "Biste Mode" gearbeitet und berichten in offenen Worten über die Hintergründe.

Am Tisch mit MiA. heißt sich treffen, um offen und aufrichtig über das neue Album zu sprechen. Es hat dieses Mal ziemlich lange gedauert, bis es fertiggestellt war.
Andy Penn: Es gab diesen Zeitpunkt im letzten Jahr, da hatten bereits sehr lange an dem Album gearbeitet, seit Anfang 2013, um genau zu sein, wir waren eigentlich schon fertig.
Mieze Katz: Wir sind eigentlich immer stolz darauf gewesen, dass man sich auf uns verlassen kann. Wenn wir einen Termin zusagen, dann halten wir den auch.
AP: Nur dieses Mal war es anders. Wir waren fertig und doch spürten wir die Anwesenheit einer Abwesenheit.
MK: Etwas fehlte.
Gunnar Spies: Erst als wir es hatten, wussten wir was zuvor gefehlt hatte: Das waren zwei Songs, die wir nach den ganzen anderen geschrieben haben, "Lauffeuer" und "Biste Mode", beides Schlüsselstücke zum neuen Album. Mieze kam mit dem Text und der Melodie zu "Biste Mode" vorbei, und wir alle wussten, dass wir hier das fehlende Puzzlestück in der Hand haben.
AP: Ich habe den Refrain so lange geloopt, bis er eine hypnotische Wirkung bekam: "Zu mir kannste immer wieder / Zu mir kannste immer / Zu mir kannste immer wieder komm’." Dann musste ich nur noch die Stimme pitchen, und mit einem Mal hatte der Song seine eigene Identität.
GS: Ein Song wird natürlich vor allem zu einem MiA.-Song, weil Miezes Stimme zu hören ist. Aber es gibt immer auch eine zweite, musikalische Ebene, die unbedingt da sein muss. In dem Song "Biste Mode" ist es zum Beispiel das Klatschen der Hände.
Wissen Sie noch, was für Musik das damals war?
AP: My Bloody Valentine und The Flaming Lips. Das ist die Musik, der ich mich ergebe, weil sie immer auf einem größenwahnsinnigen Popversprechen fußt. Das ist Musik, die sich nicht mit den Warhol’schen fifteen minutes of fame zufrieden gibt.
MK: Alle Alben, die wir bisher aufgenommen haben, sind Abbilder einer Suche. Auch mit unserem neuen Album haben wir wieder versucht, uns neu zu finden und neu zu erfinden. Wir überprüfen alles, was wir künstlerisch auf die Beine stellen. Wir überprüfen unsere Musik, wir überprüfen unsere mögliche Außenwirkung. Wir wollen so genau wie möglich sein und keine missverständlichen Aussagen treffen.
Bob Schütze: Unser neues Album entwickelt einen enormen Druck. Das ist Wirkungsmusik. Es basiert auf einer extremen Energie. Ob wir nun von "Berg und Tal" sprechen oder von "Nein!Nein!Nein!". Die Musik ist immer fordernd.
MK: Wir sind uns dessen bewusst, dass die Musik in unserer digitalen Welt zu einem weitgehend entwerteten Konsumgut geworden ist. Unser Anliegen ist, die Musik wieder mit Echtheit zu füllen. Echte Emotionen, echte Wut, echte Leidenschaft. Our aim is true. Aus der Betrachtung der persönlichen Welt wird ein Kommentar der großen Welt. Mikrokosmos, Makrokosmos.
BS: Ich kenne kein anderes Leben, als in dieser Band zu sein. Mich würde manchmal interessieren, wie MiA. auf mich wirken würde, wäre ich kein Bestandteil der Band.
Versuchen Sie es doch einfach: Versuchen Sie einmal MiA. zu beschreiben.
BS: Wir sind eine deutschsprachige Band aus Deutschland. Dabei ertappe ich mich, dass ich, seitdem ich aufgehört habe, Tocotronic zu hören, eigentlich gar keine andere deutschsprachige Musik mehr höre. Mein großer Anspruch ist, die Band und mich stets und immer wieder zu überraschen, zum Beispiel mit einem unerwarteten Akkordwechsel. Ich denke, dass eine Band wie Arcade Fire ähnlich funktioniert wie wir: Da gibt es ganz offensichtlich auch diesen offensichtlich spürbaren Wunsch, die Band zu überraschen mit musikalischen Einfällen. Dabei wissen wir immer, dass wir anschließend trotzdem noch nach MiA. klingen werden.
AP: Jeder von uns hört andere Musik. Jeder von uns bringt unvorhersehbare Elemente in die Musik ein. Vielleicht auch deshalb klingt das neue MiA.-Album sowohl wie aus einem Guss als auch variantenreich.
GS: Mieze ist die Seele in der Band. Miezes Stimme und die Themen, über die sie singt, machen im Kern MiA. aus. Ihre Stimme ist das Indiskrete an unserer Musik. Und zugleich ist sie unsere Identität.
MK: Unserem neuen Album lag ein Dogma zugrunde. Das war gut. Wir hatten etwas, an dem wir uns festhalten konnten. Und zugleich wussten wir intuitiv, dass irgendwann der Zeitpunkt kommen wird, an welchem wir das Dogma überwinden würden. Es gab einen Konsens, dass wir, was die Soundästhetik und Geschwindigkeit des Albums anbetrifft, eine Linie ohne große Abweichungen verfolgen wollten. Und natürlich kommt man im Laufe des Prozesses immer wieder an Momente, in welchen man sich fragt: Geht das Dogma vor oder der Song? Und natürlich haben wir uns zunehmend für den Song entschieden.
GS: Unsere Orientierungslosigkeit war wichtig. Nur weil wir orientierungslos sind, können wir über die Orientierungslosigkeit Musik machen.
MK: Es sind immer wieder die Grundfragen: Wer bin ich? Wo bin ich in meinem Leben? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Erlaube ich mir, selbst zu träumen? Und davon abgeleitet: Wofür steht diese Band? Muss ich nachjustieren? MiA. gibt es jetzt seit 17 Jahren. Und zum ersten Mal haben wir eine Deadline gerissen, weil wir diese Fragen unbedingt beantwortet haben wollten, bevor wir das Album bei der Plattenfirma abgeben.
GS: Wir haben Druck von außen zu spüren bekommen.
MK: Und je mehr die Jungs sich diesen Druck reingezogen haben, desto entspannter wurde ich. Während die Jungs im Studio nächtens über das Für und das Wider des Dogmas diskutierten, flog ich von Café zu Café, um dort meine Texte weiterzuschreiben.
AP: Und dann fliegt die Studiotür auf und Mieze sagt: "Ick hab’s Jungs! Dit isset!" Und das war eigentlich immer der Moment, an dem wir wussten: Warum diskutieren wir eigentlich über das Dogma, wenn es eh von Mieze wieder über den Haufen geworfen wird?
BS: Das Dogma, gerade der Tempomat, den wir uns auferlegt haben: 130+/- BPM, hat dem Album wirklich seinen Stempel aufgedrückt. Es ist gut, dass das Album von den Beats her mehr oder weniger ein durchgängiges Tempo hat.
MK: Ich habe die Jungs manchmal daran erinnern müssen, dass MiA. eine positive Band ist. Unsere Energie ziehen wir aus der Positivität, nicht aus der Verneinung des Lebens. Es wird um alles gekämpft, aber die Energie muss immer positiv sein.
AP: Wir müssen doch nur den Browser einschalten und bekommen mit, wie diese Welt immer weiter aus den Fugen gerät. Es ist eine Kunst, dieser Welt nicht mit einem Requiem oder einem Klagelied zu begegnen, sondern mit Positivität.
MK: Und ich sage es ganz klar: Künstlerisch konnte uns kein größeres Glück widerfahren als die Verschiebung des Veröffentlichungsdatums.
BS: Nur so kamen die Songs "Lauffeuer", "Biste Mode" und "Sekunde" auf die Platte - die sind nämlich erst ganz zum Schluss entstanden.
AP: Wenn man mich nicht stoppt, sitze ich den ganzen Tag im Studio und komponiere Atomteilchen für Songs - kleinste Loops und Miniaturen. Ich komponiere modulare Musik für Miezes Utopien. Sie kann sich dann aus meinen Fundus an Vier- und Acht- und 16-Taktern bedienen wie sie will. Ich finde es toll, Musik beizusteuern zu einer Aussage, die da lautet: Alles wird gut. Es gibt den Klimawandel und andere Konflikte, aber: Es wird alles gut. Und diese Aussage kann nur die Kunst treffen, nicht die Wissenschaft.
MK: Ganz wichtiger Punkt! Wir haben das vermeintliche Gesetz überwunden, wonach ein Song aus Strophe, Bridge, Refrain zu bestehen hat. Wir haben vielmehr in Viertaktern gedacht, einen Jam an den nächsten gehängt. Das ist Musik, die in der Nähe von Clubmusik anzusiedeln ist, die ja auch eine Aneinanderreihung von gleich schnellen Loops ist.
AP: Und was natürlich auch genial ist: Wenn man eine Reihe von Viertaktern weggibt, ist man nicht enttäuscht, wenn diese umgemodelt und verändert werden. Sie sind gewissermaßen musikalische Spielmasse. Ich finde ja eh alle meine Loops voll geil.
Gab es weitere Dogmen?
GS: Wir haben nur mit den Instrumenten gearbeitet, die wir auch wirklich brauchten.
Tut man das nicht immer?
GS: Ein großes Missverständnis! Es macht einen Unterschied, ob man ein Lied mit den Sounds einspielt, in denen es schließlich erklingen wird, oder ob man im Laufe des Prozesses mit Platzhaltern arbeitet. Für das Album "Biste Mode" gab es keine Platzhalter. Wir mussten uns permanent entscheiden. Ich habe zum Beispiel noch nie so wenig Schlagzeug gespielt wie auf diesem Album. Weil wir uns oft ganz bewusst für andere Sounds entschieden hatten.

BS: Songs wie "Brunowitzjacke" oder "Nachtgestalten" sind davon geprägt, dass sie von Anfang mit bestimmten Sounds gebaut wurden. Und natürlich davon, dass wir Strukturen und Arbeitsweisen, wie sie in der elektronischen Musik gang und gäbe sind, benutzt haben. Und natürlich fragt man sich, wenn man mit ungewohnten Sounds arbeitet: Ist das noch MiA.?
AP: Wenn die Musik aus lauter Viertaktern zusammengebaut wird, findet zweierlei statt. Erstens demokratisiert sich die Musik, weil alle Zugriff auf diese Viertakter haben und sie auch modifizieren, bis sie passen. Gleichzeitig bekommt der Akt des Zugriffs etwas Diktatorisches. Eine tolle, neue Erfahrung war das.
MK: Das Diktatorische ist sehr wichtig. Es setzt sich bei MiA. stets derjenige durch, der die stärkste Vision hat. Um diese Person gruppieren sich dann die anderen, bis es Mehrheiten gibt.
GS: Es gab Konflikte wegen der Texte. Nicht, dass uns Miezes Texte nicht gefallen hätten. Das Problem war eher, dass sie diese zurückgehalten hat. Wir arbeiteten an Musik, zu der wir keinen Text hatten. Und nicht nur das. Auch keinen Gesang. Das ist musikalischer Blindflug.
MK: Jeder, der schreibt, weiß es: Manche Sätze brauchen einfach Zeit. Texte sind in diesem Sinne hochsensible Angelegenheiten. Gebe ich einen Text zu früh an die Jungs, verrate ich ihn im wahrsten Sinne des Wortes. Ich ziehe also weiter durch die Cafés und lebe so lange mit meinen im Entstehen begriffenen Texten, bis ich das Gefühl habe, sie sind so robust, dass die in ihnen enthaltenen Emotionen nicht mehr kaputt gemacht werden können. Da haben die Jungs teilweise lange auf mich warten müssen. Aber es gibt zu dieser Arbeitsweise nun einmal leider keine Alternative. Ich singe. Es ist mein Gesicht, ich halte meinen Kopf hin. Die Stimme ist mein Instrument. Wenn einer meine Texte glauben und leben muss, dann ich.
AP: Die Songs "Nein, Nein, Nein" und "United States of Ich & Du" sind anders entstanden. Hier hat Mieze uns regelrecht zugearbeitet. Ich verstehe aber, dass sie nicht immer so schreiben kann.
MK: Ganz wichtig war auch der Umstand, dass wir endlich auch einmal Betaversionen einiger Songs bereits live gespielt haben - vor ihrer Veröffentlichung. Das haben wir uns immer gewünscht und nie hinbekommen. So konnten wir an ihnen noch einmal arbeiten. Selbst an die Texte bin ich teilweise nach der Live-Erfahrung noch einmal rangegangen.
In dem bereits erwähnten Song "Berg und Tal" singt Mieze Katz: "Ich weiß der Löwe beißt mich / Weiß der Croupier bescheißt mich / Das Feuilleton zerreißt mich / Weil ich, ach Gott was weiß ich?" Werden hier Wunden der Vergangenheit verhandelt?
MK: Was heißt denn hier Vergangenheit? Die permanenten Anfeindungen gehören zur Geschichte von MiA. dazu. Für mich ist der Song auch der inoffizielle Titelsong des Albums, so wichtig finde ich den. Wir haben Gegenwind von der ersten Minute erlebt. Wir wurden mit Eiern und Tomaten beworfen, weil wir polarisieren. Und heute gründet eine ganze Musikindustrie auf unserem Sound, auf unserem für uns selbstverständlichen Bekenntnis zur deutschen Sprache. Ich kenne nichts anderes als dieses negative Grundrauschen. Aber je negativer die Reaktion, desto positiver werden wir.
GS: Wenn du dich auf eine Bühne stellst und deine Instrumente verstärkst, stehst du immer im Wind.
BS: Mich hat die Negativität schon auch sehr verletzt damals.
MK: Und deshalb perlt das auch an uns ab. Wir haben über die Jahre eine enorm selbstkritische und offene Gesprächskultur innerhalb der Band entwickelt. Wir haben uns wiederholt gegen Rechtsextremismus und Rassismus gewandt, wir haben für Greenpeace und Menschenrechtsorganisationen gespielt. Wir wissen, dass wir vor uns selbst alles richtig machen. Entsprechend gelassen sehen wir den Reaktionen auf unser neues Album entgegen - ein Album, auf das wir wirklich sehr, sehr stolz sind. Und Punkt. Man kann auch zu viel reden.


(Quelle: mcs-berlin)

 



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