Rap hat seinen Platz

Thu, 16 Jul 2015 15:36:00 GMT von

Was haben KC Rebell, Weekend und Vega gemeinsam? Allesamt erklommen sie in diesem Jahr die Spitze der deutschen Albumcharts.

Trotzdem dürften die Namen bei den allermeisten Menschen jenseits der 20 für fragende Gesichter sorgen. Sie alle machen deutschsprachige Rap-Musik und sind damit Teil einer immer größer werdenden Blase. Ein Platzen dieser ist noch lange nicht in Sicht, denn: Rap ist in Deutschland so erfolgreich und gleichzeitig akzeptiert wie nie. Vorbei die Zeiten, in denen Politiker und Jugendschützer das Genre in die Schmuddelecke drängten. Mittlerweile ist die Garde der großen Namen gewachsen und das Genre mit Künstlern wie Casper, Cro oder Haftbefehl zu einem vielfältigen Potpourri herangereift. Der beste Ort, um das neugewonnene Selbstbewusstsein fassen zu können, ist das "Splash!"-Festival.

18 Jahre Genre-Festival

Als zwei Chemnitzer Rapper das "Splash!" 1998 ins Leben riefen, als Trotzreaktion gegenüber Line-Ups vergleichbarer Veranstaltungen, kamen ungefähr 1.300 Menschen. Heute, 18 Jahre später, ist es zu einer Großveranstaltung und dem wichtigsten Genre-Treffen in Deutschland herangewachsen. Die 25.000 vorhandenen Tickets waren vier Monate vor dem Festivalwochenende (10. bis 12. Juli) ausverkauft. Seinen 18. Geburtstag feierte das "Splash!" wie bereits seit 2009 in Ferropolis, der "Stadt aus Eisen".

Exzessives Feiern

Marode Kräne ragen über dem Tagebau-Freilichtmuseum in Sachsen-Anhalt. Ein See erstreckt sich, und die unwirkliche Kulisse ist belagert mit zufriedenen Gesichtern, die sich vor einer der insgesamt fünf Bühnen zusammentun. Überall dröhnen bedrohliche Bässe. Das "Splash!"-Festival ist volljährig: Das heißt Exzess auf dem Zeltplatz, vor den Bühnen, Exzess überall. Der wird musikalisch vor allem von hiesigen Künstlern begleitet. Denn abgesehen von Weltstars wie A$AP Rocky und Nicki Minaj, die eher durch Playback-Einlagen und viel nackte Haut glänzen, schmücken vor allem Deutsch-Rapper die Slots auf der Hauptbühne.

Lieber Deusch-Rap

Sarah, 18 Jahre alt und aus Köln, ist das erste Mal im Wunderland Ferropolis. Sichtlich euphorisch läuft sie mit einer Freundin über das Gelände. Auch sie ist hauptsächlich wegen Deutsch-Rap hier: "Ich liebe Genetikk und wollte sie endlich mal live sehen. Außerdem freue ich mich sehr auf Die Orsons", zählt sie ihre Highlights auf. Nur Deutsch-Rap? "Die Künstler aus den USA interessieren mich nicht so", winkt sie ab, greift sich an ihr verkehrt herum aufgesetztes Cap eines amerikanischen Baseballteams, streift ihren Turnbeutel über und zieht von dannen.

Viele junge Menschen wie Sarah wandeln über das Festivalgelände und sorgen vor allem bei Acts wie den schon erwähnten saarländischen Maskenmännern von Genetikk für Gänsehautstimmung. Bei US-Rappern steht dagegen meist nur eine kleine Menschentraube vor der Bühne: demotivierend für beide Seiten, das merkt man.

Ursachenforschung

Doch warum ist das so? Warum scheint deutsche Rap-Musik mittlerweile relevanter für die Jugend zu sein als die der großen US-Künstler? Niko Hüls, Chefredakteur des HipHop-Magazins Backspin, versucht zu erklären: "Früher wurde der Blick nach Amerika gerichtet, aber mittlerweile ist das Künstlerspektrum bei uns so breit, dass das nicht mehr unbedingt nötig ist." Natürlich genieße der eine oder andere US-Künstler einen großen Hype und erfahre Lob in den Feuilletons: "Doch am Ende verkaufen sie in Deutschland trotzdem nur so viele Alben wie ein mittelmäßig erfolgreicher hiesiger Künstler - das spiegelt sich auf dem 'Splash!' auch vor den Bühnen wider."

Ausflippen bis der Arzt kommt - nur mit Deutsch-Rap

Die Meinung des Experten wird immer wieder bestätigt. Vor allem bei hiesigen Größen wie Marterias Alien-Alter-Ego Marsimoto, das mit viel grünem Rauch und einer energetischen Show nahe dem Leistungssport für eines der Festival-Highlights sorgt, tickt das Publikum völlig aus. Und spätestens als Samstagnacht unangekündigt K.I.Z., die den Weltuntergang besingenden Kannibalen in Zivil, auf der Hauptbühne auftauchen, gibt es kein Halten mehr.

Die Kids pogen, tanzen, schreien vergnügt in den nächtlichen Himmel und zelebrieren Deutsch-Rap in seiner rohsten Form. Kontrovers diskutiert sind die ehemaligen Skandal-Rapper von K.I.Z. längst nicht mehr. Auf ihrem neuen Album wird vor allem Gesellschaftskritik laut. Der ihnen vorgeworfene Sexismus und die angebliche Gewaltverherrlichung bleiben aus. Für Kontroversen sorgen beim 18. Geburtstag des "Splash!" andere.

Der Wiener Rapper Money Boy zum Beispiel, der zuletzt durch makabere Witze über den German-Wings-Absturz Aufsehen erregte. Er wurde auf eine Nebenbühne gebucht, sein Konzert wollten schließlich circa 8.000 Leute sehen. Platz war eigentlich nur für 3.000. Money Boy taumelt über die Bühne, singt mit Playback-Unterstützung über Drogen, Frauen und Chicken Wings. Mädchen, die nicht viel älter als 18 und sehr betrunken sind, küssen sich zu Beginn der Show und schwanken zwischen Money Boy und seiner Entourage hin und her.

Rauswurf nach Limonadenattacke

Es ist nicht nur musikalisch ein Trauerspiel, das für Kopfschütteln sorgt. Die Krone wird dem surrealen Bühnenszenario aufgesetzt, als der Rapper wenig später etwas neben der Spur den Auftritt der Orsons stürmt und Orangenlimonade auf der Bühne verkippt. Wegen dieser Aktion wird er schließlich vom "Splash!"-Gelände geworfen. Das Auftreten des 34-jährigen Kindskopfes hinterlässt einen faden Nachgeschmack zwischen den sonst so süßlichen Auftritten seiner Kollegen.

Lieber Stones hören, aber Neugierde ist vorhanden

Christine und Frank, ein Ehepaar Mitte 50, interessieren die Aussetzer des österreichischen Klamauk-Rappers nicht. Sie kennen ihn nicht einmal. Die beiden haben eines der Sonntagstickets bekommen, die vom Veranstalter an Anwohner, vornehmlich ältere Semester, vergeben werden. Jetzt fahren sie mit ihren Fahrrädern neugierig über das Gelände: "Wir interessieren uns nicht für Rap und hören die Musik nicht. Ich mag eher die Rolling Stones. Trotzdem wollten wir mal wissen, was hier so passiert", erzählt Frank und lacht herzlich.

Wenigstens ist mal was los

Beide kommen aus dem nahegelegenen Gräfenhainichen und finden es gut, dass mal "ein bisschen was los ist" in ihrer Gegend: "Von mir aus können die hier ruhig noch ein bisschen lauter machen", findet er. "Viele im Ort beschweren sich zwar, weil sie angeblich nicht schlafen können. Ich denke aber, das machen sie nur, um sich wieder mal aufregen zu können." Zum eine Woche später stattfindenden Elektro- und Rock-Festival "Melt" werden sie sich abermals auf ihre Fahrräder schwingen: "Da geht es noch ein bisschen mehr ab, habe ich gehört", meint Frank zwinkernd und fährt davon.

Vom Deutsch-Rap-Boom hat er bisher noch nichts mitbekommen. Er kennt weder Marsimoto noch K.I.Z. Im Hintergrund läuft deren aktuelle Single. "Hurra die Welt geht unter" hallt es durch die Luft. Es beginnt zu regnen. Wie passend: "Splash!"

teleschau | der mediendienst



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