Ruhig Blut, Eric!

Fri, 20 Mar 2015 17:11:00 GMT von

Auch Rockmusiker werden irgendwann müde. Selbst die wildesten noch lebenden Vertreter dieser ganz eigenen Spezies wie Lemmy Kilmister, Keith Richards oder Iggy Pop schalteten in den vergangenen Jahren (gezwungenermaßen) einige Gänge zurück.

Eric Clapton hat schon lange seine innere Ruhe gefunden. Es ist heute kaum vorstellbar, dass der Blues- und Rock-Star irgendwann mal nicht der Brille tragende, nette Onkel war, der stets sitzend von der Bühne grüßt. Dabei hat auch er ein aufreibendes Rock'n'Roll-Leben hinter sich. 70 Jahre wird der Brite am 30. März - gelassen kann er auf vergangenen Jahrzehnte zurückblicken.

Ohne Blues nichts los

Die Konstante im Leben Eric Claptons ist die Musik. Eine Spielart hat es ihm dabei besonders angetan: der Blues. Anfang der 1960er-Jahre machte sich der Jungspund aus Ripley im Süd-Osten Londons auf, den amerikanischen Rhythm and Blues aufzugreifen und schließlich zu revolutionieren. The Animals, The Pretty Things, The Kinks, die frühen Pink Floyd und allen voran die Rolling Stones verschrieben sich dem Genre und genossen wenig später Weltruhm.

Bloss kein Kommerz

Als dies auch den Yardbirds widerfuhr, der britischen Band, der sich Clapton 1963 anschloss, verließ er sie knapp zwei Jahre später wieder. Nicht nur der kommerzielle Erfolg war ihm damals zuwider, sondern auch die musikalische Neuausrichtung der Band. Harmloser Pop-Rock war nichts für den Gitarristen, von dem man sich schon früh Wunder berichtete. Der damals 20-Jährige wollte lieber Blues spielen. "Der Blues", sagte er später, "hat mich mein Leben lang inspiriert und mir immer wieder Kraft gegeben, mit den Herausforderungen des Alltags klar zu kommen". Noch bestimmte nur die Musik seinen Alltag.

Schon früh herausragende Leistungen

Bei seinem Streifzug durch die aufstrebende britische Musiklandschaft machte sich Clapton schnell einen Namen. In Großbritannien galt er schon während seiner Yardbirds-Zeit als der wohl beste Blues-Gitarrist der Insel. Bei seiner zweiten Band, John Mayall & the Bluesbreakers, durfte nach wenigen Monaten der Zusatz "with Eric Clapton" auf Plakaten und Album-Covern nicht mehr fehlen. Als er mit Schlagzeuger Ginger Baker und Bassist Jack Bruce 1966 Cream gründete, galten sie als eine der ersten Supergroups der Pop-Historie. Hier tat sich Clapton erstmals auch als Sänger in vereinzelten Songs hervor. Heute ist sein Bariton beinahe so legendär wie seine Fingerfertigkeiten.

Innere Unruhe führte zu ausgedehntem Tourleben

Mit dem aufkommenden Erfolg auch in den USA wurde nicht nur sein Gitarrenspiel, sondern auch er selbst langsam, aber sicher berühmt. Er war längst gefangen in einem Musikgeschäft, dem er wenige Jahre zuvor noch mit dem Yardbirds-Ausstieg den Rücken kehren wollte. Nun aber war er von mehr als nur dem Blues getrieben: Mehr als zehn Tage am Stück hielt er es eigenen Aussagen zu Folge nirgendwo aus.

Und spätestens mit dem ausgedehnten Tourleben und dem großen Erfolg hielten neben dem Rock'n'Roll auch Sex und Drugs Einzug in das Leben des Mannes aus der Grafschaft Surrey. Kaum etwas erinnerte noch an den Jungen, der er einst war. Der bei seinen Großeltern aufwuchs. Seine Mutter war bei der Geburt erst 16, sein Vater längst gegangen. Mit 13 bekam Clapton eine Gitarre geschenkt. Fortan übte er, spielte alte Blues-Platten nach, und es offenbarte sich sein schier unglaubliches Talent.

Layla

Cream währten nicht lange und trennten sich 1968 noch rechtzeitig, bevor sich die noch größeren Skandalnudeln Bruce und Baker endgültig die Köpfe einschlagen hätten können. Clapton zog weiter. Bei Blind Faith und Derek And The Dominos war er nicht nur Leadgitarrist, sondern auch Sänger. Sein Name war längst groß genug, um auch solo Hallen zu füllen. 1970 erschien "Layla" noch mit den Dominos.

Ganz tief abgetaucht...

Das Lied gilt heute als einer der größten Hits Claptons und als Basis seiner Eigenständigkeit. Doch mit seinem selbstbetitelten Debüt im selben Jahr kam der Absturz. Clapton war heroinsüchtig, später schwer alkoholabhängig: "In meinen schlimmsten Zeiten war der einzige Grund, warum ich nicht Selbstmord beging, die Gewissheit, dass ich nicht mehr weitertrinken könnte, wenn ich tot bin", schockierte er in seiner 2007-er Autobiografie seine Fans. Nach seinem Solodebüt tauchte er fast gänzlich ab.

...Und wieder zurück

Doch er schaffte den Weg weg von der Nadel. 1974 meldete er sich zurück und heiratete Pattie Boyd, die er seinem Freund George Harrison ausspannte - skandalfrei war auch diese Geschichte nicht. Völlig betrunken unterbrach der Superstar 1976 ein Konzert in Birmingham, um das Publikum an seiner Bewunderung für den britischen Rechts-Außen-Politiker Enoch Powell teilhaben zu lassen. Großbritannien sei ein weißes Land, das Gesindel aus den Kolonien und die Araber sollten verschwinden ... Er entschuldigte sich später für seine Aussagen, politisch meldete er sich in der Folge kaum noch zu Wort. Alkoholiker war er bis Mitte der Achtziger.

MTV Unplugged

Der wohl tragischste Moment im Leben Eric Claptons stand aber noch bevor: 1991 stürzte sein Sohn Conor im Alter von vier Jahren aus einem offenen Fenster eines New Yorker Hochhauses. Gerade seine Interpretation des Songs "Tears In Heaven", geschrieben für Conor, machte sein MTV Unplugged ein Jahr später zu einem der größten Momente der Pop-Geschichte. Drei Grammys bekam er für den Auftritt und das Lied. Bis heute hat er insgesamt 18 der Trophäen angesammelt. Als Mitglied der Yardbirds, von Cream und solo ist er als einziger Künstler dreifaches Mitglied der "Rock'n'Roll Hall Of Fame".

Erfolgreich und immer noch fleißig

Den Ruf als Rock- und Blueslegende genoss er in den letzten Jahren zusehends. Clapton sang und spielte jede Menge eigene Lieder, aber auch Standards und Cover ein, arbeitete zusammen mit B.B. King und JJ Cale an gemeinsamen Alben und trat mit so gut wie jedem großen Namen der Szene live auf. 1998 eröffnete er eine Alkohol-und-Drogen-Rehabilitations-Klinik in der Karibik. Seit 2001 ist er mit seiner dritten Ehefrau Mella McEnery verheiratet, hat mit ihr drei Kinder und ist seit 2013 Großvater. Trotz unzähliger Verluste, dem Tod vieler Weggefährten und seines Sohnes Conor ist er seit fast 30 Jahren trocken und drogenfrei geblieben.

Jetzt ist es zu Hause am schönsten

Erstmals scheint der Getriebene zu einer gesunden Ruhe zu kommen: "Heute will ich nicht mehr in Hotels wohnen. Ich will auch nicht mehr zum Flughafen fahren. Ich will am liebsten zu Hause sein", erklärte Clapton erst 2014 im "Welt"-Interview. Auch auf seiner letzten DVD-Veröffentlichung "Planes, Trains And Eric" wiegt das Thema Aufhören, sein Abschied von der Bühne, schwer. Zu seinem Geburtstag spielt der Gitarrenvirtuose im Mai mehrere Gigs in London und New York, am 8. Mai erscheint eine Best-of-Kompilation mit dem Titel "Forever Man". Ein seelenruhiger Eric Clapton scheint langsam "Farewell" zu sagen.

teleschau | der mediendienst



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