"Ich bin zu alt für den Schwachsinn"

Thu, 16 Oct 2014 12:58:00 GMT von

In der breiten Wahrnehmung ist er der kleine Bruder - und wird es wohl auch immer bleiben. Aber es stimmt ja auch: Fritz Kalkbrenner ist jünger und steht - was den Bekanntheitsgrad angeht - im Schatten seines Bruders Paul.

Jener wurde durch die Untermalung des Kultfilms "Berlin Calling" (2008) zum Techno-Superstar. Mit der Zusammenarbeit der Brüder am Soundtrack wurde aber auch Fritz einem breiteren Publikum bekannt. Nachdem sein letztes Album "Sick Travellin'" 2012 bereits die Top Ten erreichte, nimmt er nun mit "Ways Over Water" erneut mit seinen Elektro-Soul-Tracks für lange Clubnächte Anlauf auf die Charts. Im Interview spricht der 33-Jährige übers Älterwerden in einer ewig jungen Musikkultur und seine persönliche Alternative zur ganz großen Party: die Natur.

magistrix: Was sehen Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?

Fritz Kalkbrenner: Mittlerweile sehe ich mich nicht nur alt, sondern auch schon grau werden.

magistrix: Kommen Sie damit gut zurecht?

Kalkbrenner: Ja, das ist für mich nicht weiter tragisch.

magistrix: Ist das Älterwerden sonst noch spürbar?

Kalkbrenner: Durch leichtes Ziepen im Rücken, weshalb ich vor allem auf Tour auch immer die ein oder andere Übung machen muss. Der Verfall macht sich schon bemerkbar.

magistrix: Achten Sie allgemein auf Ihre Fitness?

Kalkbrenner: Ich bin mit den Jahren zumindest ein bisschen ruhiger und gesetzter geworden.

magistrix: Machen Sie Sport?

Kalkbrenner: Sport wird sicher auch bald nötig werden, aber noch drücke ich mich davor.

magistrix: Das viele Reisen, die Nächte in den Clubs: Das hält Ihr Körper einfach so aus?

Kalkbrenner: Ich kriege das hin - auch weil ich es nicht mehr übertreibe. Ich schaffe es mittlerweile, ein gutes Maß für mich zu finden. Verzicht und Weitsicht sind die Zauberworte.

magistrix: Inwiefern haben Sie es zuvor übertrieben?

Kalkbrenner: Früher bin ich zum nächsten Gig auch mal angetreten, ohne geschlafen zu haben.

magistrix: Was meinen Sie mit "früher"?

Kalkbrenner: So bis vor sechs sieben Jahren.

magistrix: Gab es einen Grund, warum Sie es irgendwann gesünder angegangen sind?

Kalkbrenner: Ich merkte einfach, dass ich zu alt für den Schwachsinn bin.

magistrix: Ihr Publikum hingegen feiert weiter und scheint zudem nicht älter zu werden.

Kalkbrenner: Es kommen immer neue dazu, das stimmt. Das ist sehr schön zu sehen.

magistrix: Gehen Sie in Ihrer Freizeit selbst noch oft in Clubs?

Kalkbrenner: Am Wochenende bin ich eh meistens in Clubs und spiele selbst. Wenn es sich unter der Woche mal anbietet, mit Freunden und Kollegen etwas zu machen, gehe ich zwar schon auch mal weg, aber nicht mehr so wahllos und nur des Weggehens wegen.

magistrix: Wann war Ihre letzte Party?

Kalkbrenner: Vor zwei Monaten.

magistrix: Tanzen Sie?

Kalkbrenner: Nicht mehr so wie früher. Früher war ich ein ganz Flotter! (lacht) Heute tanze ich nur noch ein bisschen.

magistrix: Gibt's heute für Sie eine Alternative zur Party?

Kalkbrenner: Die Natur wird immer interessanter für mich. Es ist wohl die Suche nach einem Gegenpol, die mich da antreibt.

magistrix: Derzeit sieht man Sie häufig auf Fotos im Wald stehen. Das Video zu Ihrem neuen Song "Back Home" spielt ebenfalls im Grünen und am Wasser. Was passiert mit Ihnen als Berliner, wenn Sie plötzlich nur noch unter Bäumen sind?

Kalkbrenner: Dann fällt viel von mir ab. Der Wald etwa hat so eine angenehme Erdenschwere. Für jemanden, der in Berlin geboren ist, ist die Natur ja auch so was wie eine fremde Qualität - und zwar eine sehr spannende. Die Auseinandersetzung mit der Natur möchte ich auf jeden Fall vertiefen.

magistrix: Welche Orte peilen Sie am liebsten an?

Kalkbrenner: Genau wie mein Vater, der aus Potsdam kommt, bin ich ein alter Preuße und mag das Havelland sehr gerne. Eine wunderschöne Ecke, die eine echte Faszination auf mich ausübt.

magistrix: Und wie viel Techno, House und Soul steckt in Ihren Augen in der Natur?

Kalkbrenner: (lacht) Ein Wald strahlt zumindest auch so eine Uneindeutigkeit aus.

magistrix: Wie meinen Sie das?

Kalkbrenner: Der Wald vermittelt einem das Gefühl, dass das Leben eigentlich eine Tragödie ist - auch wenn wir nach den guten Momenten darin suchen. Es ist ein Ort, wo es die Vergegenwärtigung beider Pole gibt. Dort bin ich gerne.

magistrix: Wie wichtig ist Ihnen denn Ihre Heimatstadt Berlin noch?

Kalkbrenner: Sehr wichtig. Ich bin in Berlin aufgewachsen, lebe hier immer noch, und es ist alles gut. Ich kann mir nicht vorstellen, in nächster Zeit hier wegzugehen.

magistrix: Vielleicht aber in einigen Jahren: Sie sagten einmal, Ihr Traum wäre eine Obstplantage in der Uckermark oder ein Weingut an der Mosel.

Kalkbrenner: Das ist alles weit entfernt. Aber: Diese romantischen Gedanken sind da. Und ich gebe mich ihnen auch manchmal hin. Ich nenne das eine Exit-Strategie: der Wunsch nach einem Ausbruch zu etwas ganz Anderem. Ich weiß allerdings nicht, ob das realisierbar ist oder nur eine Illusion. Auf jeden Fall ist der Gedanke, dass es klappen könnte, sehr tröstlich.

magistrix: Könnten Sie sich so eine Plantage auch zusammen mit Ihrem Bruder Paul vorstellen?

Kalkbrenner: Ich glaube nicht, da schlagen wir uns dann doch die Köpfe ein. (lacht)

magistrix: Kein gemeinsames Auflegen unter Orangenbäumen?

Kalkbrenner: Oh nein! (lacht)

Fritz Kalkbrenner auf Deutschland-Tournee:
26.12., Leipzig, Haus Auensee
27.12., Dresden, Reithalle
17.01.2015, München, Zenith
23.01.2015, Bremen, Pier 2
24.01.2015, Hamburg, Sporthalle
29.01.2015, Frankfurt, Batschkapp
31.01.2015, Berlin, Columbiahalle
07.02.2015, Köln, Palladium
12.02.2015, Nürnberg, Löwensaal

 

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