Im Kleinen ganz groß

Sat, 16 Aug 2014 13:10:00 GMT von

Verrückt, wie groß und doch klein man als Künstler sein kann. Nils Koppruch war so einer. Er blieb verwurzelt in seiner Heimatstadt, führte dort ein Studio als Musiker und ein Atelier als Künstler.

Und auch wenn Hamburg gerade für Hamburger so etwas wie die Definition von Weltstadt ist, wirkte "das Tor zur Welt" irgendwie beschaulich, wenn Koppruch darüber sprach oder es besang. Er war nie ein Star, kam nie über einen kleinen Kreis an Bewunderern hinaus. Und doch war er eben ein ganz Großer. Am 22. August erscheint ein Album, das Nils Koppruch gewidmet ist. Er starb vor knapp zwei Jahren an einem Herzversagen.

Das Herz schwieg plötzlich

Eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht sei er, hieß es am 10. Oktober 2012, mit gerade einmal 46 Jahren. Kein Rockstar-Tod, kein Drogencocktail oder dergleichen. Er ist einfach nicht mehr aufgewacht, ohne Ankündigung. Dementsprechend entsetzt fielen die zahlreichen Nachrufe in den Zeitungen und Magazinen aus. In einem besonders bewegenden Abschied von "Intro"-Redakteur und Autor Tino Hanekamp hieß es, dass man erst in ein paar Monaten oder Jahren begreifen werde, wen man da verloren habe. Wird Koppruch etwa einer von den Künstlern, die erst posthum den gebührenden Ruhm erhaschen können?

Für kleines Geld aktiv

Einiges deutet darauf hin. Alleine die breite mediale Anteilnahme nach seinem Tod bedeutete mehr Aufmerksamkeit, als er sie zu Lebzeiten genoss. Zwar war Koppruch als Americana- und Countrymusik-Pionier ab Mitte der 90er-Jahre mit seiner alten Band Fink und später auch solo als intelligenter Songwriter immer ein Geheimtipp in den Feuilletons landauf landab. Kommerziell zahlte sich dies für ihn aber wohl nie so wirklich aus: "Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben", sagte er mal in einem Interview. Seine Malerei ernährte die noch junge Familie um Frau und Sohn.

Neue Band und dann das Ende

Etwas rosiger sah es 2012 kurz vor seinem Tod mit dem Bandprojekt Kid Kopphausen aus. Das Album "I" der damals frisch formierten Folk- und Singer/Songwriter-Truppe schaffte es auf den 29. Hitparaden-Rang in der Veröffentlichungswoche - um anderthalb Monate später, als der gelernte Koch einfach nicht mehr aufwachte, den Wiedereinstieg auf 81 zu schaffen. Charts-Sphären, die ihm zuvor solo oder mit Fink vergönnt blieben. Gewiss lag der Erfolg der Platte nicht nur daran, das sie unglaublich gut ist, tiefgehend, abwechslungsreich, unterhaltsam und doch kantig. Zugpferd für den Erfolg war eher Sangespartner Gisbert zu Knyphausen, ein langjähriger Freund Koppruchs und ein Goldkind der deutschen Singer/Songwriter-Szene.

Gegensätze, die sich anzogen

Dabei liegen Welten zwischen den zwei Musikern. Nicht nur trennte sie eine Altersdifferenz von fast 14 Jahren. Auch die Biografien der beiden könnten kaum ungleicher ausfallen. Zu Knyphausen ist auf dem elterlichen Großgut aufgewachsen, im Rheingau, umsäumt von Weinbergen. Im Auftreten wirkt er meist eher verschüchtert, wortkarg in Interviews und erst bestimmt, wenn er die Gitarre in der Hand hält.

Sein Liedermacher-Kollege Koppruch ist dagegen ein Arbeiterkind, sein Vater war Metzger in Hamburg. Und was man beim knorrigen Auftreten im zerzausten Vagabunden-Stil, inklusive Rauschebart eigentlich gar nicht für möglich hielt - der Folk-Sänger war eloquent, humorvoll und stets freundlich. So herbstlich, wie er sich kleidete und so verregnet wie er in seinen Texten Stadt, Land und Leben gerne beschrieb - auch die meisten seiner Liebeslieder hatten meist etwas Trauriges an sich - war er persönlich gar nicht. Koppruch selbst nannte die Vereinigung ein Duo aus einem "introvertierten Gefühlsdichter vom Land" und einem "umrankten Großstadtcowboy".

Ohne kindliche Musikerziehung

Und im Gegensatz zu Knyphausen war Nils Koppruch ein musikalischer Spätstarter. Er erlernte das Gitarrespielen erst mit 20: "Hast du nicht als Kind irgendwie Klavierunterricht gehabt oder so einen Quatsch?", fragte ihn zu Knyphausen schüchtern und erstaunt in einem Interview mit dem NDR, als beide von ihren Anfängen erzählen sollen. Bei der ersten Albumveröffentlichung mit Fink war ihr Bandvorsteher bereits 30 Jahre alt. Es folgten fünf weitere Platten mit unpeinlichem Folk- und "Kantrieklängen" (Koppruch), etwas, was es in Deutschland in dieser Form zuvor noch nicht gab. Für den großen Durchbruch reichte es aber trotzdem nie, "zu spröde für die breite Masse" war Finks Musik, wie es Tino Hanekamp in seinem Nachruf ausdrückte.

SAM. der Maler

Neben der Musik machte sich Koppruch auch einen Namen als bildender Künstler. "SAM." nannte er sich, wenn er den Pinsel schwang. Dicke Linien, erdige Farben - es waren oft sehr kindliche Motive - irgendwie passend zu seiner näselnden, kindlichen Stimme, vor allem wenn er die Liebe besang. In Fachkreisen wird seine Herangehensweise "Art brut" genannt, aufgrund der erschwinglichen Preise aber auch "Cheap Art": "Ich bin nach wie vor ein Dilettant. Ich habe Kunst nicht studiert, und ich konnte mich nie für den Kunstbetrieb erwärmen", erklärte er mal dem "Prinz"-Magazin.

Losgelöst und frei von Vorgaben

Ebenso wenig konnte er mit den Größen der Indie-Szene seiner Heimatstadt etwas anfangen: "Die Hamburger Schule, wie Tocotronic oder Blumfeld, die habe ich nie geschnallt. Die ist so elitär auf ihre Art", machte Koppruch einst klar. Seine Musik solle einfacher sein, schlichter, von jedem nachspielbar, und jeder solle sich mit den Texten selbst etwas ausmalen können: "Die Idee ist, dass ich selbst als Person hinter dem Song zurücktrete und für einen imaginären anderen Menschen schreibe. Ich finde es schön, wenn meine Songs nicht an mich gebunden sind, sondern wenn sie theoretisch auch Marcus Wiebusch von Kettcar oder Die Ärzte singen könnten", beschrieb er seine Musik gewohnt selbstlos.

Tribute-Album

Zumindest Kettcar konnten nun für das 28-Tracks starke Cover-Album "A Tribute to Nils Koppruch + FINK" gewonnen werden, neben weiteren Wegbegleitern wie Olli Schulz, Gisbert zu Knyphausen, Click Click Decker, Fehlfarben oder Niels Frevert. Ebenso werden Koppruch zwei Konzerte in Hamburg Anfang September gewidmet. Als Krönung erscheint eine umfangreiche und limitierte Werkschau-Box inklusive eines Buches mit Texten und Interviews. Vielleicht wird aus Nils Koppruch ja dann doch noch ein ganz Großer - so groß wie er eben auch war.

teleschau | der mediendienst



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