"Am Ende folgst du deinem Herzen"

Mon, 04 Aug 2014 10:10:00 GMT von

Spätestens seit seinem riesigen Solo-Hit "New Age" aus dem Jahr 2011 ist der Name des ehemaligen Mattafix-Sängers Marlon Roudette wohl jedem ein Begriff.

Der 31-Jährige mit der markanten Stimme schickt sich an, unversehens an diesen Erfolg anzuknüpfen. Die erste Single-Auskopplung "When The Beat Drops Out" aus seinem neuen Album "Electric Soul", hat jedenfalls schon wieder schnurstracks die oberste Chart-Position erreicht. Im Interview spricht Roudette über sein vermeintliches Hitrezept, aber auch darüber, wie ihn private Fehler und die Geburt seines Sohnes verändert haben.

magistrix: Ihre Musik zeichnet sich immer durch das Spiel mit Gegensätzen aus: softe Pop-Melodien und harte Beats, tiefe Basslines und hohe Stimme. Wie wichtig sind diese Gegensätze, um musikalische Spannung zu erzeugen?

Marlon Roudette: Gegensätze sind sehr wichtig, ziehen sich aber nicht nur durch meine Musik, sondern auch durch mein Leben. Ich hatte zum Beispiel immer einen Fuß in London und einen in der Karibik. Auch meine ehemalige Band funktionierte vor allem aufgrund der Gegensätze zwischen mir und Preetash (Hirji, Roudettes Duo-Partner bei Mattafix, Anm. der Red.) so gut: Ich war immer im Reggae und Soul zu Hause, er mehr in der elektronischen Musik. Und weil ich da merkte, wie gut dieses Zusammenspiel funktioniert, versuchte ich auch in meiner Musik immer, mit derlei Gegensätzen zu arbeiten.

magistrix: Dann gab es von Ihrer Seite aus nie Überlegungen, an dieser musikalischen Ausrichtung etwas zu ändern?

Roudette: Das Ding ist ja: Im Vorfeld kannst du viel darüber diskutieren, was für eine Art Platte du machen möchtest. Aber am Ende des Tages gehst du ins Studio und folgst bloß deinem Herzen. Und wenn dein Herz eine andere Richtung vorgibt, dann ist das eben so. Bestimmte Dinge kannst du beeinflussen - wie die Wahl deiner Mitmusiker und das Equipment -, aber die reine Studioarbeit nicht. Was da passiert, ist ein Mysterium.

magistrix: In "When The Beat Drops Out" behaupten Sie, dass nicht Sie den Song schreiben, sondern der Song Sie. Das müssen Sie erklären ...

Roudette: Das passiert eben, wenn du den Kopf abschaltest und einfach loslässt. Ich war zum Beispiel zwei Wochen in Los Angeles und arbeitete mir dort mit sehr erfahrenen Songwritern den Arsch ab, aber es führte zu nichts. Dann saß ich einen Tag lang mit einem Newcomer zusammen und binnen drei Stunden ist "When The Beat Drops Out" entstanden. Das kann man nicht erklären. Aber genau dieses Unerklärliche macht manche Songs eben auch so besonders.

magistrix: Ein besonderer Song war auch Ihr Hit "New Age". Können Sie sich noch an die Situation erinnern, in der Sie das Lied geschrieben haben?

Roudette: Dafür muss ich etwas weiter ausholen. Über Myspace hatte ich vor einigen Jahren mal eine Mail von dem Songschreiber Guy Chambers bekommen, der viel mit Robbie Williams gearbeitet hat. Der hatte eine Mattafix-Show gesehen, war begeistert und schrieb: "Falls du mal ein Soloalbum machen möchtest, ruf mich an!" Drei Jahre später war ich pleite, hatte kein Label, wurde von meiner Freundin verlassen - und rief ihn einfach mal an. Einen Tag später saß ich bei Guy in der Küche, und er sagte mir, dass ich etwas Besonderes hätte und dann arbeiteten wir ein paar Tage miteinander. So ist binnen zweieinhalb Stunden "New Age" entstanden. Dafür bin ich Guy heute noch dankbar.

magistrix: Passenger behauptete kürzlich, dass er seinen Hit "Let Her Go" in 45 Minuten vor einem Auftritt geschrieben hat. Große Hits brauchen manchmal scheinbar nicht mehr.

Roudette: Ja, kann sein. Wobei man nicht vergessen darf: Du musst erst einmal 10.000 Stunden investieren, um diese 45 magischen Minuten zu bekommen. Vorher musst du eine ganze Menge Fehlversuche und Frustrationen hinnehmen. Daher finde ich es immer ein wenig vermessen, wenn Künstler behaupten, sie hätten ihren Hit aus dem Ärmel geschüttelt.

magistrix: Über Ihr letztes Album sagten Sie, es sei wie ein Tagebuch gewesen. Gilt das auch für "Electric Soul"?

Roudette: Das ist bei meiner Musik immer so. Auf meinem letzten Album ging es auf der gesamten Platte um die Trennung von meiner damaligen Freundin. "Electric Soul" streift das Thema zwar auch noch mal, aber es geht auch um viele andere Dinge, die mir seither passiert sind: Es handelt von Leuten, die ich getroffen habe, lustigen Momenten, Abschieden von Freunden oder der Geburt meines Sohnes.

magistrix: Man hat aber auch den Eindruck, dass Sie auf der neuen Platte auch einige innere Konflikte verarbeiten ...

Roudette: Ja, absolut. Im vergangenen Jahr ist viel passiert, und das findet auf dem Album seine Entsprechung. Vor ein paar Monaten verlor ich kurzzeitig meine Stimme, das war furchtbar. Glücklicherweise war das nichts Schlimmes, aber es machte mich nachdenklich. Ich bin lange Zeit zu sorglos mit ihr umgegangen. Ich meine: Die Stimme ist mein Kapital. Jetzt passe ich besser darauf auf. Dann fand ich heraus, dass ich Vater werde, und auch das veränderte mich. Aus diesem Umstand schöpfte ich viel Kraft. Es ist wirklich viel passiert in letzter Zeit - beste Voraussetzungen, um ein Album zu schreiben.

magistrix: Wenn Sie an einem Song arbeiten - wann wissen Sie, dass er fertig ist?

Roudette: Das ist schwer zu erklären. Erfahrung, würde ich sagen. Es muss einfach Klick machen. Es gibt zwar immer auch rationale Parameter wie eine schlüssige Geschichte, ein guter Spannungsbogen oder ein textliches Gleichgewicht aus abstrakten Bildern und eindeutigen Aussagen, aber am Ende geht es nur ums Gefühl.

magistrix: Fällt es Ihnen manchmal schwer, einen Song "loszulassen"?

Roudette: Klar. Von "When The Beat Drops Out" gab es 30 verschiedene Versionen, weil ich sichergehen wollte, dass ich alles versucht hatte, um das Beste aus dem Stück herauszuholen. Denn dass er Hitpotenzial hat, war mir von Anfang an klar.

magistrix: Und über die jetzige Version können Sie sicher sagen, dass sie die beste ist?

Roudette: Ja. Ich hole aber auch häufig Feedback von außen ein und habe im Verlauf meiner Karriere von vielen Ratschlägen profitiert. Ich habe zwar nicht immer alle beherzigt, aber ich habe sie stets ernst genommen. Und wenn ich in einem Meeting mit meiner Plattenfirma sitze und die Leute dort sagen "Versuch doch mal dieses oder jenes", kann ich direkt sagen: "Hab ich schon. Klingt scheiße."

magistrix: Im Song "Flicker To A Flame" singen Sie davon, dass wir in verrückten Zeiten leben ...

Roudette: Da kommt ein bisschen mein Paul Simon-Einfluss durch. Ich glaube, da hörte ich "The Boy In A Bubble" vom "Graceland"-Album. Es gefiel mir, wie er da eine sehr gefährliche, aber interessante Zeit eingefangen hat. Unser Leben verändert sich ja permanent. Nehmen sie nur mal diesen ganzen Social-Media-Scheiß, wie der die Kommunikation verändert hat - auch innerhalb einer Beziehung. Die Liebe mag konstant sein, aber alles drumherum verändert sich.

magistrix: Die Herausforderung besteht wohl darin, dem Drumherum nicht zu viel Bedeutung beizumessen und das Wichtige im Auge zu behalten.

Roudette: Mir fällt es am schwersten, im Moment zu sein. Ich denke immer an die Show von letzter Nacht oder diejenige, die bevorsteht. Dabei sollte man immer im Hier und Jetzt sein und den Moment genießen.

magistrix: In "3 Hearts" sprechen Sie von Fehlern, die Sie bis an Ihr Lebensende begleiten werden. Gibt es die in Ihrem Privatleben?

Roudette: Es gibt ein oder zwei Dinge, die ich bereue, etwa als ich Menschen wehgetan habe. Das würde ich gerne ungeschehen machen. Auf der anderen Seite lernte ich aber auch viel dadurch. Das hat mich als Mensch weitergebracht. Es gibt eben immer zwei Seiten einer Medaille.

magistrix: Sind Sie selbst ein nachtragender Mensch?

Roudette: Nein, gar nicht. Und seit ich Vater geworden bin, hat sich noch mal verschoben - ich bin gelassener geworden. Das Musikgeschäft ist ja sehr konfrontativ, da werden viele Spielchen gespielt, das ist oft ein Kräftemessen. Aber darauf lasse ich mich gar nicht mehr ein. Das nötige Selbstvertrauen habe ich heute.

magistrix: Wo Sie gerade noch mal Ihre Vaterschaft erwähnen: Man denkt immer, als Elternteil hat man viel weniger Zeit für sich. Viele Künstler erzählen aber, dass sie seit der Geburt ihrer Kinder viel mehr schaffen. Ist das bei Ihnen auch so?

Roudette: Ja, absolut! Darwin würde das vermutlich damit erklären, dass man viel effizienter jagen und Nahrung heranschaffen muss. Wahrscheinlich haben wir das immer noch verinnerlicht. Aber es stimmt: Wenn du eine Stunde für dich hast, weil der Kleine schläft - nutze sie! Plötzlich merkt man erst, wie ineffizient man vorher war! (lacht)

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