Ruhe nach dem Sturm

Sat, 12 Jul 2014 13:05:00 GMT von

Fünf Jahre sind vergangen, seit das mit einem Grammy ausgezeichnete Debütalbum von La Roux erschien. In der Zwischenzeit ist viel passiert.

Elly Jackson trennte sich von ihrem Songwriting-Partner, verlor kurzzeitig ihre Stimme und irgendwie auch die Kontrolle, wie sie im Interview berichtet. Denn nun meldet sich die 26-jährige Britin mit ihrem zweiten Album "Trouble In Paradise" (VÖ: 18.07.) zurück - und klingt darauf selbstbewusster denn je.

Totalschaden

Es war der 14. Juli 2010, an dem Elly Jackson alias La Roux plötzlich alles aus den Händen glitt. Bis dahin war es für die Britin perfekt gelaufen: Mit Singles wie "In It For The Kill" oder "Bulletproof" und ihrem selbstbetitelten Debütalbum hatte sie 2009 große Wellen geschlagen. "La Roux" ließ den Synthie-Pop der Achtziger wieder aufleben und verkaufte sich zwei Millionen Mal. In Großbritannien war es nach Susan Boyle und Florence And The Machine sogar das am drittbesten verkaufte Debüt des Jahres, später wurde es außerdem mit einem Grammy Award als "Best Electronic/Dance Album" ausgezeichnet. Elly Jackson hatte sozusagen grüne Welle - doch dann kam an besagtem Abend im Sommer 2010 plötzlich der totale Motorschaden.

Die Stimme streikt

Jackson gab damals ein Konzert in Los Angeles. Die ganze Belegschaft ihrer amerikanischen Plattenfirma war anwesend. "Es war also ein sehr wichtiges Konzert", sagt sie. "Am Nachmittag beim Soundcheck war noch alles okay, doch je näher der Auftritt kam, desto heiserer wurde ich. Ich könnte noch heute schwören, dass beim Konzert kein einziger Ton aus meinem Mund kam. Hinterher sagten zwar alle, dass es eine tolle Show gewesen sei, sogar meine eigene Schwester, aber ich glaubte ihnen kein Wort."

Vielleicht war Jackson auf den großen Erfolg ihres Debütalbums einfach nicht vorbereitet gewesen. Schließlich war sie erst 21, als es veröffentlicht wurde, und lebte noch bei ihren Eltern. Ein Jahr später jedenfalls war sie körperlich und geistig völlig erschöpft. Sie sagte die noch verbleibenden Tourdaten ab und zog sich zurück, um alles zu verarbeiten.

Kontrollverlust

Ein Prozess, der länger dauern sollte als erwartet. Der so markante, hohe Falsett-Gesang - er wollte Jackson einfach nicht mehr gelingen. "Um im Falsett zu singen, muss man entspannt sein, aber ich war so verkrampft, dass es einfach nicht mehr funktionierte", erinnert sie sich. "Ich wurde jedes Mal panisch, wenn ich zu singen begann. Damals habe jeden Tag geheult. Ich war verzweifelt, konnte nicht schlafen und war so voller Angst, dass ich täglich Tag Valium nahm - aber auch das half nicht." Jackson besuchte Ärzte und Sprachtherapeuten, doch keiner konnte ihr helfen.

Nach zwei Jahren traf sie schließlich den Bühnenangst-Spezialisten Andy Evans. "Wir redeten viel", sagt sie. "Bis er meinte, ihm sei klar, was mit mir los ist. Ich hatte komplett die Kontrolle über mein Leben verloren und war nur noch eine Marionette - dabei bin ich absoluter Kontroll-Freak."

Neues Team

Jackson machte Nägel mit Köpfen: Sie trennte sich von den Leuten ihres Teams, die ihr nicht gut taten. Und sie beschloss, an ihrem zweiten Album - "Trouble in Paradise" heißt es und erscheint dieser Tage - nicht mehr mit Songwriting-Partner Ben Langmaid zu arbeiten. Eine Entscheidung, die für so manches unschöne Zitat von Langmaids Seite sorgte. "Wir hatten schon länger Probleme, wir versuchten bloß so zu tun, als sei alles in Ordnung", stellt Jackson klar.

"Ich werde ständig gefragt, wie das passieren konnte, schließlich standen wir uns vorher so nah. Das ist ungefähr so, als wenn man jemanden fragt, warum er nicht mehr mit seiner High-School-Liebe zusammen ist. Eine bescheuerte Frage! So etwas passiert halt. Ich bin wahnsinnig stolz auf das, was wir zusammen erreicht haben und werde immer eine Version von Ben in meinem Kopf haben, die ich liebe. Aber Zeiten ändern sich, Menschen ändern sich. Das muss man manchmal einfach respektieren."

Synth-Pop ist vorbei

Schlussendlich nahm Jackson "Trouble in Paradise" mit ihrem Sound-Engineer Ian Sherwin auf. 14 bis 16 Stunden pro arbeiteten sie an den Songs, sechs Tage die Woche. Jackson ist nämlich nicht nur Kontrollfreak, sondern auch Perfektionistin. Und für ihr zweites Album hatte sie ein klares Konzept vor Augen: Die Songs sollten nicht so "billig und rau" klingen wie auf ihrem Debüt, sagt sie. "Synth-Pop ist vorbei. Ich wollte mich nicht mehr von den Achtzigern inspirieren lassen. Es gibt aber derzeit auch keine neue, elektronische Musik, zu der ich mich hingezogen fühle. Dieses Album ist deshalb eher eine Kollektion aus allem, was ich in meinem Leben mochte, vereint mit etwas Disco, Funk und Soul."

Erweitertes Spektrum

Doch nicht nur musikalisch, sondern auch textlich hat Elly Jackson ihr Spektrum erweitert. Ging es auf ihrem ersten Album noch vornehmlich um Herzschmerz, öffnet sie den Blick dieses Mal weiter. Ein Song etwa handeln von den Unruhen, die 2011 im Londoner Stadtteil Brixton stattfanden, also direkt vor ihrer Haustür ("Uptight Downtown"). In "Sexotheque" derweil erzählt sie die Geschichte von einem Mann, der zum Unmut seiner Frau nicht damit aufhören kann, in Sexclubs zu gehen. Wenn man so will, geht es gewissermaßen um Konflikte, die unter der scheinbar perfekten Oberfläche schlummern. Um Ärger im Paradies eben.

Mini-Insel als Inspirationsquelle

Inspiriert wurde Elly Jackson zu diesem thematischen Faden übrigens von einer kleinen, tropischen Insel, die sie seit ihrer Kindheit regelmäßig besucht. "Sie ist Teil der Westindischen Inseln und nur fünf Quadratmeilen groß. Einerseits ist sie wunderschön und man würde am liebsten den Rest seines Lebens dort verbringen, aber andererseits hat der Ort eine furchtbare Traurigkeit. Da sind all die reichen Touristen mit ihren Yachten, und dann die Einheimischen, die dort ihr ganzes Leben verbracht haben und gewissermaßen gefangen sind.

Worum es im Leben geht...

Es ist, als wäre dieser Ort der Schlüssel zu allem, worum es im Leben geht." Große Worte - aber sie passen so dem großen und selbstbewussten Album, das Elly Jackson aufgenommen hat. Bleibt nur die Frage, ob sie dieses Mal mit dem Ruhm und dem Druck umgehen kann? "Darüber denke ich nicht wirklich nach", sagt sie. "Aber ich bin auf jeden Fall ein ruhigerer Mensch geworden."

La Roux auf Deutschland-Tournee:

04.12., Berlin, Berghain/Panorama Bar

05.12., Köln, Bürgerhaus Stollwerck

07.12., Frankfurt, Gibson

09.12., Hamburg, Mojo Club

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