"Zehn Jahre sind eine lange Zeit"

Fri, 06 Jun 2014 13:39:00 GMT von

Zehn Jahre ist es her, dass die drei Brüder Sebastian, Sascha und Johannes Madsen gemeinsam mit zwei Kumpels Madsen gründeten.

Zeit für die erste Retrospektive: Pünktlich zu ihrem Jubiläum veröffentlicht die Band aus dem niedersächsischen Wendland ihr erstes Live-Album. "10 Jahre Madsen Live" (VÖ: 13.06.), das an fünf aufeinander folgenden Abenden in Hamburg aufgenommen wurde, bietet einen bunten Querschnitt ihres Schaffens. Im Interview spricht Schlagzeuger Sascha Madsen (30) über Karrierehöhepunkte, Schlagzeilen in der Boulevardpresse und die Zukunft der Band.

magistrix: Mittlerweile gibt es Madsen seit zehn Jahren. Von welchen Erlebnissen aus der letzten Dekade werden Sie im Schaukelstuhl sitzend noch Ihren Enkeln erzählen?

Sascha Madsen: Das ist eine gute Frage. Für eine deutsche Rockband sind zehn Jahre ja eine lange Zeit. Es gibt nicht viele, die so lange überleben. Wenn es nach uns geht, können noch eine Menge Jahre dazu kommen. Aber selbst wenn jetzt Schluss wäre, gäbe es schon Unmengen zu erzählen und zu zeigen. Von unserer ersten Tour, den ersten Festival-Auftritten und unserer Amerika-Tour zum Beispiel. Oder von all den Studioerlebnissen und den ganzen Menschen, die wir über die Jahre getroffen und kennengelernt haben. Wir haben schon ein wahnsinniges Glück.

magistrix: Mit "10 Jahre Madsen live" veröffentlichen Sie nun eine Art Retrospektive. Warum ein Live-Album?

Madsen: Live spielen ist ja anscheinend eine Stärke von uns. Zumindest kamen bis jetzt zu jeder Tour mehr Leute als zu der davor. Und selbst Typen, die von ihren Freundinnen mitgeschleppt wurden, bestätigen uns ständig, dass wir live echt gut sind. Wir sagten aber immer, wenn wir mal ein Live-Album machen, dann richtig. Eines Tages hatte unser Booker dann die Idee für die "5 Nächte - 5 Alben Tour". Wir sagten sofort ja. Erst später wurde uns klar, wie verrückt das eigentlich ist.

magistrix: Sie spielten fünf Abende in Folge in Hamburg, jeden Abend in einem anderen Club, jeden Abend ein anderes Album in seiner gesamten Länge. Wissen Sie, ob das schon mal eine Band vor Ihnen versucht hat?

Madsen: Eine britische Band hatte bereits so etwas Ähnliches mal gemacht, die spielten aber nur drei oder vier Alben. Fünf Alben plus B-Seiten und Cover sind schon ein unfassbares Pensum. Aber die ersten Konzerte waren im Nu ausverkauft - von daher kamen wir aus der Nummer nicht mehr raus. (lacht) Wir probten noch nie so viel wie für diese Auftritte!

magistrix: Tatsächlich?

Madsen: Wir spielten insgesamt über 70 Lieder, 15 davon waren Live-Premieren, sprich, wir hatten sie noch nie bei einem Konzert gespielt. Mit den ersten Probenblöcken fingen wir deshalb schon drei Monate vor den Konzerten an, zu Hause im Wendland. Wir waren wirklich unheimlich diszipliniert. Ich wusste nicht, dass wir das so können!

magistrix: Das erste der fünf Konzerte fand im legendären Hamburger Club Molotow statt - und war das letzte Konzert dort. Kurz nach Ende des Konzerts wurde der gesamte Häuserkomplex, die "Essohäuser", wegen angeblicher Einsturzgefahr geräumt, derzeit werden die Häuser abgerissen. Wie erlebten Sie die Evakuierung?

Madsen: Wir standen nach dem Konzert noch da, unterhielten uns mit Thees Uhlmann, der an jenem Abend als Gast mit auf der Bühne war, tranken ein Bierchen. Die Stimmung war total gut, und dann hieß es plötzlich, dass die Wände gewackelt hätten. Erst lachten alle, aber dann stand ein netter, aber recht dringlich wirkender Polizist vor uns und bat uns, die Räumlichkeiten zu verlassen. Das musste dann alles richtig schnell gehen, wir konnten nicht einmal unsere Instrumente mitnehmen. Das war ein kleiner Krimi und kein schönes Gefühl. Natürlich fragten wir uns kurz, ob wir damit irgendetwas zu tun haben.

magistrix: Die "Hamburger Morgenpost" titelte am nächsten Morgen "Extremer Lärm: Sind Madsen Schuld?"

Madsen: Ja, so waren wir immerhin mal auf dem Titel der "Mopo" - auch ganz lustig. Aber da ist zum Glück nichts dran. Der Statiker, der nachts noch da war, bestätigte relativ schnell, dass es nicht an unserem Konzert gelegen haben kann. Die Häuser waren lange brüchig und es war wohl einfach eine Frage der Zeit.

magistrix: Von den mehr als 70 Songs, die Sie im Rahmen der Konzertreihe spielten, schafften es nun 26 auf die Doppel-CD. Gab es Auseinandersetzungen bei der Auswahl?

Madsen: Wir stritten uns schon ein bisschen. Das Verfahren dauerte sehr lange. Wir setzten uns zu viert zusammen, hörten alle fünf Konzerte von vorne bis hinten durch und diskutierten dann. Bei einigen Songs reichte die Qualität nicht, bei den Coverversionen scheiterte es oft an den Rechten.

magistrix: Mit Porky von Deichkind und König Boris von Fettes Brot sind auch zwei der zahlreichen Kollegen verewigt, die Sie zu den Konzerten eingeladen hatten. Wie kam es zu diesen Gastauftritten?

Madsen: Wir setzten uns relativ früh zusammen und überlegten, wen wir einladen können. Es sollten möglichst viele Wegbegleiter und Freunde bei den Konzerten dabei sind, deshalb haben wir zum Beispiel Matze und Nino von Virginia Jetzt!, Jonas und Eva von Juli, Carsten, Tim und Lars von Superpunk und Axel Bosse eingeladen. Wir dachten uns aber auch, dass wir ruhig mal etwas größenwahnsinnig sein könnten und Fettes Brot fragen sollten. König Boris sagte sofort zu und wollte "Nitro" mit uns spielen, weil er den Song so geil findet.

magistrix: Zusätzlich zu der CD ließen Sie außerdem eine 45-minütige Dokumentation drehen.

Madsen: Genau, wir wollten keinen reinen Konzertfilm machen, sondern diese besondere Tour dokumentieren und gleichzeitig ein bisschen die Geschichte von zehn Jahren Madsen erzählen. Ingo Pertramer, der die Doku drehte, hatte schon die allerersten Bandfotos von uns gemacht und uns über all die Jahre begleitet, deswegen kennt er uns wahnsinnig gut. Und es gab noch nie so ehrliche Fragen, Antworten und Gefühle, wie die, die er jetzt von uns eingefangen hat.

magistrix: Wie geht es danach für Madsen weiter?

Madsen: Als nächstes muss etwas Neues kommen, denn das Ganze hat sich schon auch wie ein Schlussstrich angefühlt. Nach dem letzten Konzert sind wir alle erst mal auseinandergegangen. Sebastian, Johannes und ich haben natürlich trotzdem Weihnachten zusammen gefeiert, aber in Sachen Madsen war erst mal ein paar Wochen Pause. Jetzt arbeiten wir ohne Zeitdruck und relativ gemütlich an neuem Zeug. Wir nehmen fleißig Demos auf, Sebastian schreibt wie ein Verrückter, aber wir wissen noch nicht, wohin die Reise geht. Es sind sehr poppige Sachen dabei, sehr punkige, aber auch etwas Metal. Mal gucken, was am Ende der rote Faden wird.

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