Bitte füttern!

Wed, 26 Feb 2014 15:50:00 GMT von

So umtriebig wie Rufus Wainwright sind nur wenige im Musikgeschäft:

In den letzten Jahren hat der kanadisch-amerikanische Songwriter die "Shakespeare-Sonette" für das Berliner Ensemble vertont, seine erste Oper "Prima Donna" auf die internationale Bühne gebracht, ein sechstes Studioalbum mit Hipster-Produzent Mark Ronson (Amy Winehouse) aufgenommen sowie das Duett "Swing Both Ways" mit Robbie Williams geschrieben und gesungen.

Turbulente Zeiten

Privat ging es bei dem 40-Jährigen ähnlich turbulent zu: Wainwright hat Krankheit und Tod seiner berühmten Folkmusiker-Mutter Kate McGarrigle begleitet, seinen deutschen Freund Jörn Weisbrodt in New York geheiratet und ein Kind mit seiner guten Freundin Lorca Cohen, Tochter von Songwriter-Legende Leonard Cohen, auf die Welt gebracht. Höchste Zeit also für eine Bilanz, die er - musikalisch gesehen - nun in Form seines Best-Of-Albums "Vibrate" in die Läden bringt. Und für einen kleinen Spaß auf Kosten von Superstar Liza Minelli.

magistrix: Auf Ihrem Best-Of-Album singen Sie das Lied "Me And Liza". Geht es darin um Liza Minelli?

Rufus Wainwright: Es ist einer der seltenen Momente in meinem Leben, wo ich mich ein wenig zieren muss und nicht zu viel darüber preisgeben kann, um was es konkret geht. Lassen Sie mich einfach sagen, dass das Lied von der Beziehung zweier Menschen handelt, die beide im Showbusiness sind, aus sehr musikalischen Familien stammen, und beide haben den Feuersturm des Berühmtseins überlebt. Eine Person ist ein bisschen älter als die andere. Von dieser Legende können wir alle nur lernen.

magistrix: Dabei machte Liza Minnelli Sie 2007 doch öffentlich runter, nachdem Sie die Songs ihrer Mutter Judy Garland auf der Bühne in Frauenkleidern interpretiert hatten.

Wainwright: Ja, es stimmt. Sie hatte so ihre Probleme mit mir.

magistrix: Bei einem Konzert in Texas sollen Sie sie sogar als "The Bitch That Got Away" bezeichnet haben - in Anlehnung an einen Garland-Song!

Wainwright: (lacht) Das habe ich getan? Herrje, ich war ein böser Junge! Da ist viel Ironie in dem Song, ganz sicher sogar. Ich schrieb ihn mit Guy Chambers, den man durch seine Zusammenarbeit mit Robbie Williams kennt. Ich sang im Studio einfach einen Text auf die Melodie, und so wurden dann Liza und ich zu den Protagonisten des Stückes. Die Sache war offensichtlich noch in meinem Hinterkopf.

magistrix: Erwarten Sie eine Reaktion von ihr? Vielleicht sogar ein Freundschaftsangebot?

Wainwright: Keine Sorge, die Reaktionen von ihr gab es schon! Deshalb erwarte ich nicht zu viel. Zumindest hetzte sie nicht ihre Anwälte auf mich. Ich mache ja auch nur ein bisschen Spaß.

magistrix: Hat das ironische Songwriting von Robbie Williams auf Sie abgefärbt? Das Lied passt nämlich bestens zu "Swing Both Ways", das Sie zusammen mit ihm für seine Platte schrieben.

Wainwright: Vermutlich. Ich liebe Robbies Musik schon viele Jahre und auch die Art, wie er aussieht und wie er sich gibt. Mit ihm zu arbeiten ist eine neue Erfahrung für mich und eine absolute Freude! Denn er ist nicht nur umwerfend, er ist auch äußerst liebenswürdig, großzügig und witzig. Diese ganze Sache mit Robbie und mir ist wirklich wie eine neue Liebesaffäre. Wir sprechen jetzt sogar darüber, im Sommer einige Gigs in Europa zusammen zu machen. Es wird passieren, und dann werden die Funken sprühen!

magistrix: Keimen da etwa Hoffnungen bei Ihnen auf?

Wainwright: Nicht wirklich. Diese Art von Männern sind sich so sicher mit ihrer Heterosexualität und dem, was sie mögen. Da kann man nichts machen. Es ist einfach traurig. (lacht)

magistrix: Sie leben offen schwul. Wann waren Sie sicher, was Ihre sexuellen Vorlieben betrifft?

Wainwright: Ich hatte mein Coming-out im Alter von 13 oder 14 Jahren. Damals waren es noch andere Zeiten: 1987 war ein Coming-out in so jungen Jahren noch sehr ungewöhnlich. Meine Eltern lehnten es strikt ab, sie wollten es nicht akzeptieren. Und das, obwohl sie als Künstler sehr liberal eingestellt waren. Sie waren absolut verängstigt, denn das war auch die Zeit, als AIDS überall die Schlagzeilen beherrschte. Später verstanden sie es dann doch, und es war ok für sie. Und hier bin ich nun, verheiratet mit einem deutschen Mann und Vater einer kleinen Tochter. Und ich lebe einen wundervollen Celebrity-Lifestyle!

magistrix: Ihre dreijährige Tochter Viva haben Sie mit Ihrer guten Freundin Lorca Cohen, der Tochter von Songwriter-Legende Leonard Cohen. Teilen Sie sich die Elternpflichten?

Wainwright: Sie lebt mit ihrer Mutter in Kalifornien, und ich an der Ostküste der USA. Insofern ist das Elternsein eine echte Herausforderung bei dem vollen Terminkalender, den ich habe. Aber jetzt, wo Viva schon etwas älter ist, wollen wir einen genauen Plan ausarbeiten, damit wir sicherstellen, dass sie beide Elternteile in ihrem Leben hat. Mein Beruf muss in Zukunft etwas zurücktreten. Ich war bisher immer ein Workaholic, das wird nicht ganz einfach für mich.

magistrix: Eigentlich wollten Sie auch nie heiraten.

Wainwright: Ich stand gleichgeschlechtlichen Ehen früher skeptisch gegenüber, weil ich bezüglich des Schwulseins eher die Einstellung hatte: Das Letzte, was ich will, ist so spießbürgerlich zu leben wie alle anderen Menschen! Das änderte sich aber, nachdem ich Jörn 2005 nach einem Konzert von mir in der Berliner Passionskirche kennengelernt hatte.

magistrix: Sie sind im vergangenen Jahr 40 Jahre alt geworden. Ist das für einen Mann ein angenehmes Alter?

Wainwright: Ich spreche wohl für viele Männer, wenn ich sage, dass man Angst vor der 40 hat. Man macht sich viele Sorgen, wird besessen von dem Thema Altern. Dann wirst du 40, und am nächsten Tag fühlst du dich genauso wie vorher. Und du siehst immer noch relativ ansehnlich aus. Du kannst immer noch tief Luft holen, du fühlst deine Lungen. Für mich war mein Geburtstag in erster Linie eine Erleichterung. Es ist, als hätte ich einen Berg erklommen. Und das Schöne daran ist, dass man dann zurückschauen kann auf das Erreichte. Dummerweise muss ich aber von dem Berggipfel wieder runter. Ab jetzt geht es wohl nur noch abwärts mit mir. (lacht)

magistrix: Wie feierten Sie Ihren Geburtstag?

Wainwright: Auf der Bühne! Ich war im Opernhaus in Madrid. Viele Freunde und Fans aus Europa und Amerika kamen eigens dafür angereist. Ich fühlte mich wirklich geliebt an dem Tag. Ich bin ein sehr, sehr glücklicher Junge. Glücklich verliebt und geliebt. Jawohl.

magistrix: Das war nicht immer so. Was war Ihr persönlicher Tiefpunkt der letzten 15 Jahre?

Wainwright: Ich könnte jetzt sagen, meine Drogenzeiten Anfang der 2000er. Aber selbst da hatte ich noch Spaß. Der absolute Tiefpunkt war der Tod meiner Mutter aufgrund einer Krebserkrankung. Das war das Härteste überhaupt, aber auch die tiefgründigste Zeit meines Lebens, die ich gegen nichts eintauschen würde. Sie auf ihrer Reise von der einen Welt in die nächste zu begleiten, hatte auch wundervolle Momente der Intimität. Es war definitiv die traurigste und dunkelste Zeit meines Lebens, aber auch die wichtigste.

magistrix: Und die schönsten Momente?

Wainwright: Das ist einfach: immer, wenn ich auf der Bühne bin! Egal, wie schlecht ich mich fühle, wie müde, depressiv oder einsam ich bin, sobald das Konzert startet, verwandle ich mich in das hungrige, leidenschaftliche Tier, das einfach nur von der Musik gefüttert werden will. Das ist Katharsis. Das war es übrigens auch immer für meine Mutter, selbst als sie schon ganz krank war.

magistrix: Ende März spielen Sie ein Konzert in Berlin. Was ist dort Ihr Lieblingsplatz?

Wainwright: Berlin fühlt sich ja generell wie ein zweites Zuhause für mich an, weil ich dort meinen deutschen Mann kennenlernte und mit ihm lebte, und auch mein Album "Release The Stars" von der Stadt inspiriert wurde. Mir fallen also gleich drei Lieblingsplätze ein: ein Tisch im Restaurant "Borchardt", wo die besten Schnitzel der Welt gemacht werden. Das Pergamonmuseum. Und der Tiergarten. Dort mache ich mit meinem Gatten immer wunderschöne Spaziergänge. Das ist unschlagbar. Selbst im Regen.

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