Jenseits der Landstraßen

Thu, 19 Dec 2013 10:13:00 GMT von

Eigentlich wollte das Songwriter-Ehepaar Taffy Nivert und Bill Danoff das Lied an Country-Star Johnny Cash verkaufen.

Doch als die beiden Komponisten John Denver im Dezember 1970 "Take Me Home, Country Roads" vorspielten, schlug der damals aufstrebende Jungstar zu. Und auch wenn der Songwriter noch einige Zeilen umschrieb: In seinem bekanntesten Hit, diesem modernen Volkslied, das bis heute zweifellos untrennbar mit seinem Leben und Wirken verbunden ist, singt John Denver tatsächlich nicht von seiner eigenen Heimat. Er lebte nie in West Virginia, sondern wurde 1943 als Henry John Deutschendorf Junior in Roswell, New Mexico geboren. Doch diese Tatsache schmälert die Bedeutung des Country- und Folk-Musikers, der am 31. Dezember 70 Jahre alt geworden wäre, in keinster Weise.

Nur die halbe Wahrheit

Ohnehin ist das weitverbreitete Bild von John Denver höchstens die halbe Wahrheit: Seine Texte zwischen Kitsch und herzerwärmender Poesie, seine zarte Stimme und sein braver, jungenhafter Blondschopf, den ein stets schüchtern-freundliches Lächeln umgab, brachten ihm den Ruf des unscheinbaren Saubermannes ein, der ein Loblied auf die Liebe und die Natur sang. Zumindest in Europa, respektive Deutschland, haftete John Denver dieses Image zeit seines Lebens an. Dass der introvertierte Songwriter auch ein engagierter, politischer Aktivist war, entging den meisten Beobachtern.

Leaving On A Jet Plane

Auch dass Denver zum Zeitpunkt seines Welterfolgs bereits einen Nummer-eins-Hit vorweisen konnte, wissen die wenigsten. Nach ersten Gehversuchen in den Folk-Clubs von Los Angeles und mit einer Band namens The Mitchell Trio forcierte Denver seine Solo-Karriere. 1969 veröffentlichte er, unter Mithilfe des Produzenten Milton Okun, sein Debüt "Rhymes And Reasons". Darauf präsentierte er "Leaving On A Jet Plane", einen Song, den er bereits drei Jahre zuvor geschrieben und mehrfach aufgenommen hatte. Auch Peter, Paul & Mary kannten das Abschiedslied: Noch bevor Denver sein Debüt veröffentlichte, schaffte das Folk-Trio mit einer eigenen Version den Sprung auf Platz eins der US-Charts.

Durch eisernen Willen zum Erfolg

Trotz dieses Achtungserfolgs musste der bis dato noch wenig bekannte Denver um die Verlängerung seines Plattenvertrages bangen. Doch sein eiserner Wille und emsiges, ununterbrochenes Touren führten schließlich zu ersten soliden Fan-Strukturen samt vorzeigbaren Tonträgerumsätzen, die schlussendlich die Plattenfirma überzeugten. Nach zwei weiteren, wenig beachteten Alben kam schließlich 1971 mit dem Longplayer "Poems, Prayers, And Promises" und dem darauf vertretenen "Take Me Home, Country Roads" der ersehnte Durchbruch.

Akzeptanz und Vorbildfunktion

Besonders in Denvers Heimat, den USA, erfuhren seine Songs ab diesem Zeitpunkt eine alle Gesellschaftsschichten durchdringende Akzeptanz, die bis heute angehalten hat. Dazu mögen vielleicht auch Denvers fundiert belegte Ausführungen zum nachhaltigen Umgang mit Natur und Umwelt beigetragen haben, die er immer wieder auch anschaulich in seinen Songs präsentierte.

Bekenntnisse wie "Rocky Mountain High", das 2007 zur zweiten Hymne des US-Staates Colorado erkoren wurde, "Back Home Again" und "Windsong" verkauften sich millionenfach und führten dazu, dass Denver zu einer ernstzunehmenden, politischen Stimme werden konnte. Der Hobby-Maler und -Fotograf, passionierte Skifahrer und Golfer unterstützte die US-Regierung in Umweltfragen, er engagierte sich gegen Obdachlosigkeit, weltweiten Hunger, Atomkraft und AIDS.

Tragisches Ende

Seine Rolle als Musiker und Songwriter ist dabei aber bis heute nicht zu unterschätzen. Zugegeben: Mit seinem wachsenden Engagement ließ auch Denvers künstlerische Schaffenskraft in den 80er-Jahren merklich nach. Auch sein tragischer Tod am 12. Oktober 1997 trug eher zur Legendenbildung als zur Würdigung seines Schaffens bei: Obwohl als Pilot erfahren, führten Unachtsamkeit und kleine technische Probleme zum Absturz eines von ihm geführten Sportflugzeugs. Ein Umstand, der Denvers wunderbarem Evergreen "Leaving On A Jetplane" einen faden, traurigen Beigeschmack hinzufügte.

The RCA Albums Collection

2013 erfuhr sein (Gesamt-)Werks endlich den gebührenden Respekt: Im Mai erschien das Box-Set "The RCA Albums Collection", das 24 Alben aus den Jahren 1969 bis 1986 versammelt - die Essenz aus Denvers Werk. Darunter einige vergriffene, nie auf CD veröffentlichte Arbeiten sowie die Rarität "John Denver Sings", seine erste Solo-Aufnahme, die er 1966 damals noch in Eigenregie veröffentlichte.

Späte Ehre

Und auch Musiker, die man zunächst nicht unbedingt mit Denver in Verbindung bringen würde, verneigten sich vor ihm. Auf "The Music Is You - A Tribute To John Denver" sind gelungene (Neu-) Interpretationen seiner populärsten Songs zu hören. Neben Dave Matthews, Emmylou Harris und Train sind es vor allem Künstler wie J. Mascis (Dinosaur Jr.), Evan Dando (Lemonheads) oder My Morning Jacket, die sein Liedgut aus einer alternativen Perspektive betrachten und so vielleicht auch jüngeren Hörern einen Zugang zu Denvers Erbe schmackhaft machen könnten. Zu entdecken gibt es dort - jenseits seines Saubermann-Images - auf jeden Fall eine Menge.

teleschau | der mediendienst



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