Katie Melua: "Ich war mir selbst mein schlimmster Feind"

Tue, 17 Sep 2013 08:51:51 GMT von

Ziemlich genau zehn Jahre sind vergangen, seit eine junge, georgisch-britische Singer/Songwriterin namens Katie Melua mit ihrem gefeierten Debütalbum "Call Off The Search" die internationale Popmusikszene erstmals aufmischte.

Inzwischen ist 29-jährige Musikerin glücklich verheiratet, hat für Queen Elizabeth II. zu deren Krönungsjubiläum gesungen und veröffentlicht mit "Ketevan" nun bereits ihr sechstes Studioalbum. Und dennoch musste Katie Melua in ihrer zehnjährigen Karriere auch Tiefschläge einstecken: 2010 war die vielbeschäftigte Künstlerin mit ihren Kräften am Ende und erlitt einen Zusammenbruch, von dem sie im Interview offen und ehrlich berichtet.

magistrix: Zunächst ein Glückwunsch! Am 1. September feierten Sie Ihren ersten Hochzeitstag. Wie fühlt es sich denn an als verheiratete Frau?

Katie Melua: Es ist toll! Obwohl ich es immer noch merkwürdig finde, James (Toseland, ein ehemaliger britischer Motorradrennfahrer, Anm. d. Red.) nun nicht mehr nur als "meinen Freund", sondern als "meinem Mann" zu bezeichnen.

magistrix: Haben Sie Ihrem Mann ein Ständchen zum Hochzeitstag gesungen?

Melua: Nein. Von meinem Gesang hat er genug. Es ist ein größeres Geschenk für ihn, wenn ich nicht singe (lacht).

magistrix: Dafür sangen Sie Ihre Single "I Will Be There" bei der Coronation Gala im Buckingham Palace anlässlich des diamantenen Thronjubiläums der Queen ...

Melua: Ja. Ich wurde gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein Stück für die Queen zu schreiben und damit bei ihrem Jubiläum aufzutreten. Zusammen mit meinem langjährigen Produzenten Mike Batt setzte ich mich dann dran. Das hat Monate gedauert, weil es es nicht leicht ist, etwas über die Queen zu schreiben, ohne dabei kitschig zu klingen oder herumzuschleimen. Letztlich haben wir es aber doch etwas allgemeiner gehalten - in dem Lied geht es nun um Mütter und starke Frauenfiguren.

magistrix: Der Song ist Teil Ihres neuen Albums "Ketevan", das nach Ihrem "richtigen" georgischen Vornamen benannt ist. Gibt es einen besonderen Grund dafür?

Melua: Ich habe auf dieser Platte nicht nur gesungen, sondern wieder mehr am Songwriting mitgewirkt, was eine sehr viel persönlichere Angelegenheit ist. Beide Aspekte spiegeln mich als Künstlerin wider, insofern hat sich die Titelgebung richtig angefühlt. Hinzu kommt, dass auf dem neuen Album meine georgische Seite wieder etwas mehr zum Vorschein kommt, selbst wenn alle Texte auf Englisch gehalten sind. Nehmen Sie nur das Stück "Love Is A Silent Thief" - das habe ich dem georgischen Filmemacher Sergei Paradschanow gewidmet, der 1968 den wundervollen Film "Die Farbe des Granatapfels" gedreht hat.

magistrix: Sie sprachen eben bereits das Stück "Love Is A Silent Thief" an. Wie oft sind Sie in Ihrem Leben schon beraubt worden?

Melua: Die Frage ist vermutlich anders gemeint, aber: das letzte Mal vor ein paar Wochen. Da hat mir jemand mein Handy geklaut.

magistrix: Ach ja? Wie ist das genau passiert?

Melua: Ich muss gestehen: Ich war ein bisschen unvorsichtig. Ich lief unter der Woche nachts alleine nach Hause, schrieb unterwegs Text-Nachrichten und hörte dann hinter mir jemanden heranlaufen. Plötzlich stand ein riesiger Typ neben mir, der mir dann das Handy aus der Hand riss und weglief.

magistrix: Und dann?

Melua: Ich war kurz erschrocken, danach aber vor allem froh, dass er nicht auch noch meine Tasche geklaut hat - da war nämlich mein Portemonnaie drin. Ich ging dann zu einem Pärchen, das in die Straße einbog, und das begleitete mich zu einem Taxi. Das ist meine aktuellste Diebstahl-Geschichte.

magistrix: Und die ist durchaus erzählenswert. Eigentlich zielte die Frage aber darauf ab zu erfahren, wie oft man Ihnen das Herz gestohlen hat ...

Melua: Oft. Obwohl: Nein, eigentlich geht es sogar. Richtig schlimm war es zwei Mal. Umso glücklicher bin ich jetzt, verheiratet zu sein. Ich hoffe inständig, dass er davon absieht, mein Herz zu stehlen. Das würde mich umbringen.

magistrix: Haben Sie denn irgendetwas getan, um sich vor einem möglichen Herzensdiebstahl zu schützen? Kann man das überhaupt?

Melua: Nein, das kann man nicht. Jedenfalls nicht, wenn man seine Liebe auch genießen will. Darüber gibt es auch einen Song auf dem neuen Album namens "I Never Fall". Darin sage ich, dass man in der Liebe offen sein muss und keine Angst haben sollte. Denn sonst verpasst man das Schönste im Leben.

magistrix: Auf dem neuen Album gibt es auch ein Stück namens "This Is The Love I'm Frightened Of". So richtig gut kommt die Liebe auf Ihrem Album nicht weg ...

Melua: "Love Is A Silent Thief" ist so etwas wie ein Kommentar über leidenschaftliche Liebe und den Umstand, dass die Leidenschaft irgendwann nachlässt. In "This Is The Love I'm Frigtened Of" geht es wiederum darum, die Liebe zu finden, die dich voll und ganz gefangen nimmt und die du ganz vorsichtig und behutsam behandeln musst, damit du es nicht vergeigst. Es gibt ja ganz unterschiedliche Arten und Weisen, das weite Feld der Liebe zu betrachten und zu analysieren. Ich bin eine Frau - ich weiß, wovon ich spreche. Aber nur weil ich jetzt glücklich verheiratet bin, werde ich nicht aufhören, über gebrochene Herzen und versiegte Liebe zu singen. Keine Bange.

magistrix: Sie wirken wie eine selbstbewusste junge Frau, die weiß, was sie will. Liebe hingegen lässt sich nicht kontrollieren.

Melua: Ich versuche, diesem Umstand in meinem Leben nicht allzu viel Platz einzuräumen. In meiner Musik hingegen schon.

magistrix: Im Oktober feiern Sie Ihr zehnjähriges Bühnenjubiläum mit einem großen Konzert in London. Wenn Sie auf die vergangene Dekade zurückblicken: Worauf sind Sie besonders stolz?

Melua: Vor allem darauf, nach diesen zehn Jahren immer noch Platten zu veröffentlichen, Konzerte zu spielen und Fans zu haben, die mich hören und sehen wollen.

magistrix: Gibt es umgekehrt einen Moment in Ihrer Karriere, den Sie gerne ungeschehen machen würden?

Melua: 2010 hatte ich einen Totalzusammenbruch, das war schrecklich. Diese Zeit würde ich gerne ungeschehen machen, denn das war eine sehr unangenehme Erfahrung. Andererseits war es aber wohl auch eine Lektion, die ich lernen musste. Ich musste aufgezeigt bekommen, dass ich nicht unverwundbar bin. Auch ich kann nicht unentwegt arbeiten und arbeiten, ohne dass das auf Dauer irgendwelche gesundheitlichen Konsequenzen mit sich bringt.

magistrix: Sahen Sie den Zusammenbruch kommen?

Melua: Rückblickend schon, aber ich wollte es nicht wahr haben. Ein Jahr zuvor hatte ich bereits ein paar persönliche Probleme und suchte daraufhin jemanden auf, der mir bei der Problembewältigung hilft. Ich fing dann an zu meditieren, das zögerte den Zusammenbruch aber nur etwas hinaus. Denn irgendwann half auch das nicht mehr. Mein Tourmanager fand mich dann eines Tages. Ich war zusammengeklappt, total erschöpft.

magistrix: Daraufhin wurden sämtliche Termine abgesagt und Sie pausierten ein halbes Jahr.

Melua: Ja, genau.

magistrix: Fiel Ihnen das schwer?

Melua: Eigentlich nicht. Ich hatte ja auch gar keine andere Wahl. Wenn ich direkt wieder angefangen hätte zu arbeiten, hätte mir meine Familie vermutlich auch den nächsten Zusammenbruch erspart und mich vorher schon umgebracht (lacht).

magistrix: Wie konnte es denn überhaupt dazu kommen?

Melua: Das Problem, wenn man es denn so nennen will, ist, dass mir meine Arbeit wahnsinnig viel Spaß macht. Sie fühlt sich deshalb nicht wie Arbeit an. Außerdem kenne ich es nicht anders: Viel Arbeit ist für mich normal. Und ich habe ein Problem damit, "Nein" zu sagen. Ich machte damals alles mit - jedes Konzert, jede Show, jedes Interview. Ich achtete nicht darauf, mir auch mal eine Auszeit zu gönnen. Das passiert mir heute nicht mehr.

magistrix: Hatte der Zusammenbruch denn tatsächlich nur berufliche Gründe?

Melua: Nein, nicht nur. Ich hatte auch ein paar Probleme in meinem Privatleben, ein paar Dinge, die mich innerhalb meiner Familie belastet haben. Aufgrund der vielen Arbeit konnte ich diese Dinge aber nicht mit meiner Familie klären und hatte keinen Kopf dafür, mich richtig damit auseinanderzusetzen. In Kombination mit dem permanenten Reisen und dem ganzen Job-Stress war das eine gefährliche Mischung. Ich war einfach müde, auch emotional müde. Ich war nicht in der Lage, das zu kommunizieren. Und mein Umfeld war nicht in der Lage, das zu erkennen und mich entsprechend zu unterstützen. Ich fühlte mich damals ziemlich isoliert und allein gelassen.

magistrix: Wie haben Sie das überwunden?

Melua: Ich habe mich einfach wieder mehr auf mich selbst konzentriert, mehr in mich hineingehört. Außerdem vertraute ich mich meiner Familie und guten Freunden mehr an. Ich habe eine größere Sensibilität entwickelt.

magistrix: Künstlern fehlt häufig eine tägliche Routine. Hat Ihnen auch das ein bisschen gefehlt?

Melua: Ja, manchmal. Aber ich liebe auch, was ich tue und bin froh darüber, nicht 40 Jahre lang jeden Tag dasselbe machen zu müssen. Gerade weil ich meinen Job so liebe, ist es ja überhaupt erst so weit gekommen. Ich war mir selbst mein schlimmster Feind, wollte eben alles auf einmal und konnte und wollte nicht aufhören. Mir schien das alles zu schön, um wahr sein zu können. Ich konnte nicht glauben, dass ich sieben Jahre lang als Künstlerin erfolgreich war. Und ich wollte nicht, dass das aufhört.

magistrix: Wie kommen Sie mit dem Ruhm zurecht und damit, dass Leute auf der Straße Sie erkennen?

Melua: Um ehrlich zu sein: Das passiert äußerst selten. Ich kann immer noch problemlos durch die Straßen laufen, ohne erkannt zu werden. Selbst wenn ich bei irgendwelchen Partys bin und Leute mich fragen, was ich beruflich mache und ihnen sage, dass ich Musikerin bin, setzen die häufig ein mitleidiges Gesicht auf und entgegnen: "Echt? Da soll die Bezahlung ja so furchtbar schlecht sein." Ich sage dann immer: "Ach, es geht schon." (lacht)

Katie Melua auf Deutschland-Tournee:

21.11., Bochum, Ruhr Congress

22.11., Hamburg, CCH

23.11., Bremen, Musical Theater

25.11., Berlin, Tempodrom

26.11., Leipzig, Gewandhaus

27.11., Baden-Baden, Festspielhaus

29.11., Nürnberg, Meistersingerhalle

30.11., Lingen, EmslandArena

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