Travis: Fran Healy ist um eine Erfahrung reicher

Fri, 16 Aug 2013 13:50:25 GMT von

Nein, sein Deutsch hat sich nicht großartig verbessert, wie er selbst zugeben muss. Auf die simple Frage "Wie geht's?" antwortet Travis-Sänger Fran Healy mit einem bescheidenen "Geht's gut".

Ein bisschen peinlich berührt scheint der Schotte dann aber schon: "Es ist schrecklich, dabei lebe ich doch nun schon über fünf Jahre in Berlin!", versucht der Musiker sich zu entschuldigen. "Aber ich komme nicht dazu, Deutsch zu lernen. Ich bin einfach zu beschäftigt damit, ein guter Vater für meinen Jungen zu sein", entschuldigt sich Healy und schickt gleich hinterher: "Wenn uns der Erfolg mit Travis etwas geschenkt hat, dann ist es, in den letzten Jahren die Möglichkeit gehabt zu haben, eine Auszeit mit unseren Familien genießen zu können." Denn davor war die Britpopband eigentlich kontinuierlich unterwegs. Dass der Trubel mit dem neuen Album "Where We Stand" nun wieder von vorne losgeht, gehört damit leider zum Geschäft dazu.

Welt-Hit-Single

Schuld an ihrer Popularität hatte Travis' Single "Why Does It Always Rain On Me?" von 1999, die zum Welthit wurde und ihnen dies und jenseits des Atlantiks eine beachtliche Karriere ermöglichte. In den vergangenen fünf Jahren wurde es dann ruhig um die Schotten: Man zog sich ins Privatleben zurück, nur Sänger Fran Healy veröffentlichte von Berlin aus sein erstes Soloalbum "Wreckorder". Hatten die Travis-Mitglieder während der Schaffenspause trotzdem Kontakt untereinander? "Nicht wirklich", gibt Healy zu. "Jeder von uns wollte sein eigenes Ding machen. An Geburtstagen haben wir uns mal eine E-Mail geschickt, das war es aber auch schon."

Ziemlich beste Freunde

Eigentlich recht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die vier schon vor Bandgründung beste Freunde waren. "Das sind wir immer noch", lässt der Sänger keine Zweifel am Männerbund aufkommen, scherzt dann aber: "Auch wenn 22 Jahre eine schreckliche lange Zeit sind, um mit den gleichen Leuten abzuhängen". Doch dann wird Healy plötzlich nachdenklich: "Es ist ja so: Wenn du lange in einer erfolgreichen Band bist, hast du deine Unabhängigkeit ein Stück weit aufgegeben. Ich habe mich oft gefragt: 'Wer bin ich überhaupt?' Wenn dir dann die Möglichkeit gegeben wird, davon mal eine Weile Abstand zu nehmen, nutzt du sie. Wir mussten auch zu normalen Menschen werden, bevor wir wieder in ein Studio gingen."

Wo stehen wir?

Für den 40-Jährigen markiert die neue Platte "Where You Stand" auch deshalb den Beginn des zweiten Abschnitts von Travis. "Wir fragten uns, wo wir stehen - deshalb auch der Albumtitel. Und die Antwort darauf ist: Wir sind jetzt die 'Elder Statesmen' des britischen Pop, und das fühlt sich gut an", so der mittlerweile ergraute Frontmann. Früher hatte der Hauptsongschreiber von Travis oft ein schlechtes Gewissen, seine Kumpels zu sehr zu drängen, was die Karriere betraf. Doch diesmal war das anders, denn jeder von ihnen war in den Schreibprozess involviert.

Fran als Chauffeur

"Ich bin zwar immer noch der Fahrer des Wagens, aber ich habe jetzt drei andere Personen mit im Auto sitzen, die auch fahren können." Aber was für ein Auto sind Travis? "Wir sind ein Mercedes, ein alter, klassischer Mercedes! Der hat schon 100.000 Meilen auf der Uhr, aber er wird respektvoll gefahren und schnurrt immer noch wie ein Schmusekätzchen!"

Wobei man sagen muss: So gemütlich klingt der melancholische Gitarrenpop ihres neuen Albums nun auch wieder nicht! "Das sehe ich genauso. Wir entwickeln uns auch konstant weiter, nur merkt das bei uns immer keiner, weil wir es in kleinen Schritten machen", meint Healy. "Ich will immer Popsongs mit schönen Melodien schreiben, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen und mich glücklich machen. Aber diesmal haben wir auch neue Sounds benutzt. Die Songs sind, was den Rhythmus betrifft, schon anders."

Bunte Mischung

Der Albumopener "Mother" klingt noch wie eine Hippie-Hymne auf die Liebe und den Sommer - dekoriert mit hübschem Harmoniegesang. Etwas getragener kommt da schon der Titelsong "Where You Stand" daher, bei dem Travis beweisen, was sie am besten können: nämlich bittersüße Akustikpopsongs schreiben. In "Different Room" experimentieren sie dann in der Tat mit elektronischen Sounds, was in "New Shoes" schon fast in Richtung TripHop geht. Ein bisschen mehr Upbeat hätte der Platte gut getan. Aber für eine Band, die sich selbst als "Elder Statesmen des Britpop" bezeichnet, ist das Tempo wohl genau richtig. Healy schließt nicht aus, dass sich etwas von der Magie der Berliner Hansa-Studios um die Platte gelegt hat.

Geister der Hansa-Studios

In den heiligen Hallen nahmen schon David Bowie, Brian Eno und U2 Klassiker-Werke auf - und jüngst nun eben auch Travis. "Solche Studios haben Geister. Und diese Geister finden immer ihren Weg in die Musik", bestätigt der Brite die magische Anziehungskraft der Bundeshauptstadt. Der Ausflug nach Berlin hatte einen Nebeneffekt: Es sind jetzt noch drei Männer mehr verliebt in die deutsche Hauptstadt. "Berlin ist ein so besonderer Ort, jeder von uns mochte es dort. Unsere beste Songwritingsession hatten wir wirklich in Berlin, das ist mal sicher - obwohl wir das meiste des Albums in Norwegen aufgenommen haben", sagt Healy, der dann noch scherzt: "Eine weitere Invasion britischer Popmusiker in Berlin könnte also unmittelbar bevorstehen!"

Agrar-Artwork

Auf dem Albumcover sieht man Travis als winzige Schatten am Horizont in einer Landschaft mit Kühen stehen. "Ich bin oft da, wo die Kühe sind", macht der Band-Chef deutlich. "Travis sind eine sehr naturverbundene Band. Auch unser Sound ist sehr organisch. Und ich liebe das sowieso. Seitdem ich Vegetarier bin, kann ich Kühen in die Augen schauen. Denn diese Massentötungen sind barbarisch." Seit November 2009 lebt der Sänger fleischlos.

Überzeugter Vegetarier

"Ich hatte es Paul McCartney als Gegenleistung dafür versprochen, dass er auf dem Track 'As It Comes' von meinem Soloalbum seinen Hofner-Bass spielte. Und man will einen Beatle schließlich nicht verärgern. Das würde schlechtes Karma produzieren." Hat Paul McCartney vielleicht sogar kontrolliert, ob er sein Versprechen eingehalten hat? "Ich bin mir sicher, dass ich einige Typen in Trenchcoats mit dunklen Brillen gesehen habe, die mich beobachteten." Healy lacht. "Als ich mal in den USA war, ging ich zu McDonald's, weil ich dort dringend das Internet benutzen musste. Und ich dachte, wenn jetzt einer ein Foto von mir machen würde, sähe das echt dumm aus. Es wäre sogar ziemlich scheiße."

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