Booker T. Jones: Der Motor des Soul

Mon, 12 Aug 2013 11:32:24 GMT von

Booker T. & the M.G.'s waren die Hausband des legendären Labels Stax in Memphis. Gemeinsam mit Motown aus Detroit erfand man dort in den frühen 60-ern die Soul Music.

Als blutjunger Musiker geriet der heute 68-jährige Booker T. Jones in diese Ursuppe der Popgeschichte, ja prägte sie mit wegweisenden Sounds und Grooves. Heute gilt Booker T. als einer der einflussreichsten Musiker überhaupt. Er ist Grammy-Lebenswerk-Preisträger und Mitglied der "Rock And Roll Hall Of Fame". Booker T. spielte und komponierte mit Größen wie Otis Redding oder Ray Charles und hatte mit Songs wie dem legendären "Green Onions" sogar eigene Hits. Seit einigen Jahren veröffentlicht der in Lake Tahoe lebende Musiker wieder eigene Musik, die gute Kritiken erhält und die auf angenehme Weise an den alten Stax Sound erinnert. Auf Booker T.'s neuem Album "Sound The Alarm" prangt sogar wieder das alte Stax-Logo. Dabei hatte er das Label Ende der 60er-Jahre im Streit verlassen.

magistrix: "Sound The Alarm" ist Ihr erstes Album für das legendäre Stax-Label seit über 40 Jahren. Kommen da alte Gefühle hoch?

Booker T. Jones: Ja, das bedeutet mir eine Menge. Bei Stax bin ich quasi aufgewachsen. Ich war 14, als ich zum ersten Mal mit den Leuten dort zusammentraf. Ich habe bei Stax eigentlich alles entdeckt: die Musik, die ich liebe, und eine Idee davon, was ich mit meinem Leben anfangen will. Stax war damals, Ende der 50-er, gerade erst im Entstehen. Es gab diesen Plattenladen in Memphis namens Satellite Records. Daraus ist dann alles entstanden. Für mich schließt sich nun der Kreis meines Lebens.

magistrix: Hat denn Stax von damals noch irgendetwas mit dem Label von heute zu tun?

Jones: Nicht mehr viel. Ohne egozentrisch klingen zu wollen, kann ich sagen, dass der alte Spirit nun durch mich wieder in den Namen Stax hineinfließt. Ich war eines der Originale von damals, und ich bin ein Überlebender dieser Zeit. Nun mache ich dort wieder meinen Sound.

magistrix: Sie arbeiten auf Ihrem neuen Album wieder mit jungen Sängern zusammen, so wie damals in den frühen 60-ern mit Otis Redding. Was ist heute anders?

Jones: Ehrlich gesagt: gar nichts. Wenn ich früher mit Otis Redding und Steve Cropper gespielt habe, machten wir dieselben Dinge, die ich heute mit den jungen Musikern anstelle. Wir kommen ins Studio, schreiben einen Song zusammen und nehmen ihn auf. Songs zu schreiben, war 1960 nicht viel anders als heute. Mein neues Album klingt so wie eine Platte des alten Stax-Labels klingen würde, wenn es Disco und HipHop überlebt hätte. Es ist der gute alte R'n'B.

magistrix: In den 60-ern fingen die Stax-Platten den Groove der Südstaaten für den Soul ein. Diese Platten schrieben Popgeschichte. Warum ist der berühmte Stax-Sound in den 70-ern plötzlich aus der Mode gekommen?

Jones: Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, wirtschaftliche und künstlerische. Stax wurde von größeren Firmen aufgekauft. Da war zunächst Paramount, die wiederum von Gulf & Western geschluckt wurden. Auf einmal wurde das Label von Leuten betrieben, die ansonsten Parkplätze managten. Dazu kam der Wandel der musikalischen Moden. In den 70-ern war es Disco, in den 80-ern HipHop. Die Stärke von Stax war jedoch immer R'n'B. Aber so geht es nun mal. Ich glaube, keine der kleinen, legendären Plattenfirmen aus den 60-ern konnte diese Zeit überleben. Ich bin schon 1968 dort abgehauen, kurz nachdem Stax von einem Firmenkonglomerat aufgekauft wurde.

magistrix: Sie gelten als der vielleicht größte Organist der Popgeschichte. Als Kind spielten sie jedoch viele Instrumente, unter anderem Saxofon und Gitarre. Wie sind Sie eigentlich zur Hammond B3-Orgel gekommen?

Jones: Eigentlich haben mich Tasteninstrumente immer schon am meisten fasziniert. Ich erinnere mich daran, dass ich als kleiner Junge immer an die Tasten unseres Klaviers herankommen wollte, auch als ich noch viel zu klein dafür war. Später nahm ich Klavierstunden. Meine Mutter spielte auch, meine Oma war Klavierlehrerin. Dass ich zur Orgel wechselte, habe ich vor allem Ray Charles zu verdanken. Eines Tages hörte ich seinen Song "One Mint Julep", darauf spielt er eine Hammond B3. Ich hörte diesen Sound und bekam ihn nicht mehr aus meinem Kopf. Meine Klavierlehrerin besaß eine Orgel, die in Ihrem Esszimmer stand. Nachdem ich den Ray-Charles-Song gehört hatte, habe ich die Orgel dort einfach mal ausprobiert. Ich war total baff, denn es war derselbe Sound wie bei Ray Charles.

magistrix: Können Sie mit der Orgel andere Gefühle ausdrücken als mit anderen Instrumenten?

Jones: Ja, ich fühle mich sehr wohl mit diesem Instrument - bis heute. Ich habe meine ersten Songs auf der Gitarre geschrieben. Wenn es aber um Melodien geht, kann ich mich am besten auf der Hammondorgel ausdrücken. Tatsächlich habe ich viel meiner Orgellehrerin zu verdanken. Sie wohnte bei mir in Memphis um die Ecke und war trotzdem die beste Lehrerin der Welt. Sie zeigte mir, wie ich mit den Fingern über die Tasten rolle und wie ich die Orgel zum Singen bringe. Sie brachte mir sogar bei, wie man den Leslie-Verstärker benutzt und wie man mit dem Pedal umgeht. Sie hat mir alles beigebracht, was ich weiß. Vor allem, wie ich mich mit meinem Instrument ausdrücken kann.

magistrix: Ist es richtig, dass Sie während Ihrer Zeit bei Stax niemals eine eigene Hammond B3 besaßen?

Jones: Das stimmt (lacht). Ich kaufte mir meine erste Orgel erst 1984 im San Fernando Valley. Die stand dort in einer alten Garage. Später habe ich sie dem Stax Museum geschenkt (lacht). Heute - immerhin - habe ich eine sehr schöne Hammond B3 oben in meinem Haus stehen. Außerdem besitze ich eine digitale B3, die ich auch sehr liebe.

magistrix: Ist es nicht skurril, dass der legendärste Orgel-Spieler der Popgeschichte die meiste Zeit seiner Karriere kein eigenes Instrument besaß?

Jones: Ach - wissen Sie, so eine Hammond B3 ist einfach ziemlich unpraktisch. Das Ding wiegt 457 Pfund und nimmt eine Menge Platz weg. Ich wollte mir das lange Zeit nicht antun. Ich hatte jedoch immer ein Klavier ...

magistrix: Sound-Puristen werden entsetzt sein, dass sie das digitale Instrument auch toll finden. Sie sind also nicht der Meinung, dass analoge Technik besser, ja wärmer klingt?

Jones: Bei der Hammond ist es so, dass jedes Instrument anders klingt. Ich habe auf vielen B3-Orgeln gespielt, aber jede klang anders - obwohl sie identisch aussahen und die gleichen Teile darin verbaut waren. Der unterschiedliche Klang muss irgendwie im Holz stecken. Interessanterweise klingen auch die neuen, digitalen Hammondorgeln, die es seit 2006 oder 2007 gibt, jede für sich anders. Ich weiß nicht, wie sie es machen. Aber ich mag beides - analog und digital.

magistrix: Sie haben in Ihrer langen Karriere mit vielen großen Stars der Musikgeschichte gearbeitet. Auf welche Zusammenarbeit sind Sie am meisten stolz?

Jones: Oh, das ist eine harte Frage! Vielleicht ist es mein Song "Born Under A Bad Sign", den ich mit William Bell für Albert King geschrieben habe. Ich war verrückt nach dem Blues von B.B. King und Albert King, als ich ein Kind war. Als ich später mit ihm einen Song im Studio aufnehmen durfte, war das einfach ein Kindheitstraum, der in Erfüllung ging. Als wir den Song gemeinsam im Studio spielten, fühlte ich mich das erste Mal in meinem Leben wirklich erfolgreich. Daran erinnere ich mich noch gut.

magistrix: In letzter Zeit beziehen sich wieder viele jüngere Sänger auf den großen Otis Redding, mit dem sie viel gearbeitet haben. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Jones: Otis war ein Original, wie auch Albert King. Man trifft diese Leute und weiß: Sie sind anders als die anderen. Sie haben eine eigene Kunst. Ich erinnere mich an Momente mit Otis im Studio, die waren so besonders, dass ich sie bestimmt niemals vergessen werde. Im Prinzip fühlten wir die Musik genauso, wie die Hörer sie auch heute noch fühlen. Wir wussten, dass wir da eine besondere, außergewöhnliche Erfahrung machten.

magistrix: Sie spielten auf vielen Songs, die heute als große Klassiker gelten. Wussten Sie manchmal also schon während der Aufnahme, dass sie da an einem außergewöhnlichen Stück Musik arbeiteten?

Jones: Ich habe natürlich viel Musik aufgenommen in den frühen Tagen bei Stax. Auch später. Meinen Boss interessierte es in der Regel nicht, wie ich mich bei der Musik fühle. Das Ergebnis hatte zu stimmen, und ich musste mich konzentrieren, dass ich meine Parts nicht vergesse und alles auf den Punkt kommt. Wenn man einen Song im Studio einspielt, will man ihn einfach gut hinbekommen. Ich denke dann nicht darüber nach, ob das nun ein Klassiker wird, den man in 50 oder 100 Jahren noch im Radio hören wird. Ich hatte solche Gedanken nie, wenn ich gerade spiele. Trotzdem habe ich natürlich die Musik gefühlt und auch später bei Hören gemerkt, wenn etwas besonders gut geworden ist. Über den Erfolg spekulierte ich jedoch nie.

magistrix: Heute wird der alte Stax-Sound wieder sehr abgefeiert. Ihr neues Album auf dem alten Label beweist das ja auch ein bisschen. Wie viele Stax-Revivals haben sie kommen und gehen sehen?

Jones: Ich weiß es nicht. Momentan gibt es jedenfalls eine Menge junger Leute, die Soul-Music lieben. Sie ermöglichen es mir, dass ich weiter als Musiker arbeiten kann. Sie kommen zu meinen Konzerten, kaufen meine Alben - ich habe Glück. Soul ist wie Rock'n'Roll oder Klassik eines der Urgenres der Musik. Dieser Sound wird für immer seinen Platz in der Geschichte haben. Und es wird immer Leute geben, die diese Musik hören. Ebenso, wie es immer Menschen geben wird, die klassische Konzerte besuchen. Es macht mich stolz, dass ich bei der Entwicklung dieses Sounds dabei sein durfte.

magistrix: Zwischen den späten 80-ern und 2009 brachten Sie so gut wie keine Platten heraus. Was haben Sie in dieser langen Pause eigentlich gemacht?

Jones: In den 90-ern habe lange Zeit mit Neil Young gearbeitet und war viel mit ihm auf Tour. Was meine eigene Musik betrifft, hatte ich damals einen Durchhänger. Ich war ziemlich Old-School. Ich wusste zwar, wie man mit analogem Equipment Musik im Studio aufnimmt, aber mit der neuen Technik kam ich damals nicht mehr zurecht. Ich ging also zurück zur Schule und lernte, wie man digital Musik produziert. Heute gehe ich ins Studio, fahre den Computer hoch und nehme die Maus in die Hand.

magistrix: Sie haben tatsächlich noch einmal studiert?

Jones: Ja, ja. Ich besuchte die San Francisco State University ab 2004 und war danach noch auf drei unterschiedlichen Musikschulen. Ich musste mich als Musikproduzent neu erfinden, um wieder den Anschluss ans Heute zu finden. Das hat eine Weile gedauert.

magistrix: Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen dem Musikmachen in den 60ern und heute?

Jones: Heute muss man mit Technik umgehen können, das war früher nicht so wichtig. Ansonsten ist alles sehr ähnlich. Es gibt heute großartige junge Musiker, da trauere ich der alten Zeit überhaupt nicht hinterher. Eine Menge meiner jungen Lieblingsmusiker sind auf meinem neuen Album dabei. Die Musik ist heute in guten Händen - glauben Sie mir!

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