Brixtonboogie: Das vergessene Gefühl

Wed, 03 Jul 2013 06:21:00 GMT von

Im empfehlenswerten Musikfilm "It Might Get Loud" sieht man Jack White auf einem Stuhl sitzen.

Eine ewig erscheinende Kameraeinstellung schaut dem modernen Gitarrengott der White Stripes dabei zu, wie er eine alte Schallplatte des Blues-Sängers Son House ("Grinnin' In Your Face") auflegt. Und dann einfach nur zuhört.

Der entsprechende Filmausschnitt bei Youtube sammelte bislang über 1,2 Millionen Klicks. "Ich hörte den Song zum ersten Mal mit 18", erzählt er, als er nach der Andacht des Zuhörens wieder zu sich kommt. "Es war damals mein Lieblingssong und er ist es immer noch".

Die ewige Aktualität des Blues

Alles, sagt White, habe er von diesem Song des klatschenden Klagesängers gelernt. Zum Beispiel, dass ein Mann gegen die ganze Welt kämpfen kann. Das ist schön ausgedrückt. Und zudem das beste Argument für die ewige Aktualität des Blues. Denn wer kennt es nicht? Das Gefühl, gegen diese ganze verdammte Welt antreten zu müssen. Dennoch ist Blues - jenes musikalische Genre, aus dem sich Pop lange speiste - mehr und mehr aus der Stilpalette heutiger Hits verschwunden. Warum eigentlich?

Brixtonboogie

Der Hamburger Musikproduzent Krisz Kreuzer ist ein guter Ansprechpartner, wenn man in Deutschland über den Blues beziehungsweise sein Verschwinden nachdenkt. Der baumlange, jungenhafte Mann Anfang 50 ist einer, der im alten Zwölftaktschema mit den drei Grundakkorden weniger die Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zukunft sucht. Sein Bandprojekt hört auf den Namen Brixtonboogie. Es verbindet Blues mit HipHop, modernem R'n'B sowie Elementen aus Elektronik und Dance Music. Im April erschien "Crossing Borders", das zweite Album des 2005 gegründeten Kollektivs.

Die Mischung

Bei Brixtonboogie spielen der über 70 Jahre alte Blues-Sänger Wayne Martin aus New Orleans und ein junger Hamburger Rapper namens AJ zusammen. Und es funktioniert. Wenn man Tracks wie "John The Revelator" oder die Tom-Waits-Coverversion "Down The Hole" hört, wünscht man sich, fortan nur noch von diesen tiefen alten Blues-Gefühlen umgeben zu sein. Was heutzutage eine schwierige Mission wäre, denn solch bluesgetränkter Pop wie der von Brixtonboogie ist heute kaum noch zu finden.

Das Verschwindenden der Gitarristen

"Ein bisschen hat das sicher mit dem Verschwinden der Gitarristen zu tun", glaubt Kreuzer zu wissen. "Kids, die heute mit Gitarre und einem entsprechenden Blues-Gefühl aufwachsen, gibt es immer weniger. Heute entsteht Musik anders, und da kommen eben auch die Gefühle, vor allem diese Urgefühl des Blues, anders heraus."

It Might Get Loud

Der Film "It Might Get Loud" porträtierte 2008 mit dem Led-Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page, The Edge von U2 und eben Jack White drei Generationen einflussreicher Gitarristen, die allesamt stark vom Blues geprägt sind. Mit Ausnahme des heute 37-jährigen Jack White gibt es inzwischen jedoch kaum noch jüngere, einflussreiche Musiker, Songschreiber und Produzenten, die so stark auf die alten Blues-Riffs setzen wie der ehemalige White-Stripes-Musiker - zuletzt unter Beweis gestellt auf seinem 2012 erschienenen Soloalbum "Blunderbuss".

Die Urkraft des Blues

Sucht man aber nach jenen Momenten der jüngeren Popgeschichte, in denen die Urkraft des Blues noch einmal von einem Millionenpublikum verstanden wurde, kommt man unweigerlich zu Mobys 1999er-Album "Play". Da verkaufte der amerikanische Eletronik-Nerd seine Aufnahmen mit Hilfe Samples alter Blues-Songs - insgesamt ging das Album über zwölf Millionen Mal über die Ladentheke. Die These, dass dieser Erfolg ohne den Blues aus uralten "Field Recordings" nicht stattgefunden hätte, scheint nicht zu kühn. Und auch Elektronik-Pioniere wie Depeche Mode flirteten heftig mit Blues-Riffs.

Auf ihrem Album "Songs Of Faith And Devotion" spielte das englische Trio erstmals mit Blues-Gitarren. Die Alben "Exciter" (2001) und das kürzlich erschienene "Delta Machine" - das seine Blues-Referenz schon im Namen trägt - bauten diese Idee ästhetisch weiter aus.

Blues und moderne Musik

Von diesen Ausnahmen abgesehen, ist das alte Blues-Gefühl in der modernen Popmusik jedoch selten geworden. So sieht es auch Kreuzer, der einen interessanten Vergleich zwischen den beiden großen stilistischen "Playern" des heutigen Pop zieht.

"Im Gegensatz zu HipHop, das ja komplett aus dem Soul gespeist ist, hat Rock den Blues ziemlich hinter sich gelassen. Die HipHop-Leute verehren Soul ja geradezu. Sie feiern ihn in ihrer Musik. Etwas Ähnliches ist in der Rockmusik mit Blues seit 30, 40 Jahren kaum passiert."

Altmodisch

Vor allem abseits der musikalisch deutlich traditionsbewussteren US-Szene, in der zuletzt Bands wie die Black Keys oder Alabama Shakes dem Genre ein neues, zeitgemäßes Gesicht gaben, erscheint Blues heute hoffnungslos altmodisch. Wenn Kreuzer mit seiner vielköpfigen Band auf deutschen Blues-Festivals spielt, regieren dort alte Namen und auch immer wieder Vorurteile gegen den modernen Sound der Hamburger Band.

"Ja", lacht Kreuzer, "es gibt schon Festivals, da müssen wir erst mal gegen skeptische Blicke anspielen. Aber das legt sich meist nach kurzer Zeit durch den Groove."

Verstaubt

Schaut man auf das Line-up großer deutscher Blues-Festivals wie im mittelfränkischen Roth oder dem BluesBaltica in Eutin, regieren im Headliner-Bereich tatsächlich Uraltnamen wie Ten Years After oder Johnny Winter. Und auch in den iTunes-Blues-Charts - ja, die gibt es - fühlt man sich irgendwie an staubige Blues-Keller und endloses Gitarrengekniedel erinnert. Es regieren Namen wie Joe Bonamassa & Beth Hart oder Bluesfan Hugh "Dr. House" Laurie, der wohl ob seiner Popularität dem Genre dienlich ist, aber ebenso einer (ur)alten Schule das Wort redet wie die anderen genannten Veteranen.

Traditionsbewusst

"Klar", bestätigt Kreuzer, "die Blues-Szene ist schon sehr traditionell. Dabei hat diese Musik doch so viel Kraft zu bieten, die man im Heute genauso gut gebrauchen kann wie auf den Feldern des amerikanischen Südens vor 80 Jahren. Man muss diese Kraft eben nur ins Heute übersetzen." Es gilt eine Linie zu ziehen - so heißt es in einem sehr klugen Text auf der Webseite von Brixtonboogie - "zwischen den amerikanischen Baumwollsklaven Ende des 19. Jahrhunderts und den modernen Großstadtsklaven des 21. Jahrhunderts." Wer sich die schönsten Neubearbeitungen von Blues aus den letzten Jahren zur Hand nimmt, kann bereits heute mit dem Kampf "Mann/Frau gegen die Welt" beginnen.

teleschau | der mediendienst



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