Empire Of The Sun: "Manchmal fühlen wir uns wie im Kindergarten!"

Mon, 24 Jun 2013 10:23:00 GMT von

Nur selten sind die zwei Köpfe des australischen Pop-Duos Empire Of The Sun am selben Ort.

Deshalb ist es beim Interviewtermin im Büro ihrer Londoner Plattenfirma eigentlich so wie immer. Während Sänger Luke Steele bereits im Flieger nach Los Angeles sitzt, steht Soundtüftler Nick Littlemore anlässlich ihres neuen Albums "Ice On The Dune" allein Rede und Antwort. Aber seitdem das Duo mit fantasievollen Videoclips und ihren zwei Erfolgssingles "Walking On A Dream" und "We Are The People" - Letztere veredelte die Werbung eines Mobilfunkanbieters - weltweite Erfolge feierten, ist der Terminplan auch voll gepackt. Im Interview spricht Littlemore über notwendige Auszeiten, die Freundschaft zu Sir Elton John und die Vor- und Nachteile eines Bandlebens, für das beide Musiker nicht zwingend am selben Ort sein müssen.

magistrix: Mit "We Are The People" führten Empire Of The Sun Ende 2010 die deutschen Single-Charts an und das Album "Walking On A Dream" wurde zum weltweiten Erfolg. Wie haben Sie das erlebt, nachdem Ihnen und Bandkollege Luke Steele mit anderen Indiebands der große Erfolg über Jahre versagt blieb?

Nick Littlemore: Wir wollten immer erfolgreich sein, aber seit unserem Durchbruch weiß ich auch, dass man vorsichtig sein muss, was man sich wünscht! Da ist man jahrelang in Australien, blickt Richtung Horizont über den Indischen Ozean und sehnt sich nach der großen, weiten Welt. Plötzlich hast du das alles, und dann realisierst du, dass es zwar eine großartige Erfahrung ist, aber auch eine sehr einsame. Denn um weltweit erfolgreich zu sein, musst du Australien verlassen. Und ich mag das Reisen überhaupt nicht.

magistrix: Wie sehr hat sich seither Ihr Leben verändert?

Littlemore: Um 180 Grad! Die letzten fünf Jahre waren so verrückt. Ich habe in Montréal gelebt, war dann ein Jahr mit dem Cirque Du Soleil auf Tour. Ich lebte in New York, und nun bin ich nach Los Angeles umgezogen. Ich habe in Sir Elton John einen guten Freund gefunden. Er nahm mich unter seine Management-Fittiche. Er ist Fan von Empire Of The Sun und Pnau, meiner anderen Band. Bei Luke war es ähnlich: Er hat mit Jay-Z gearbeitet und Songs für Beyoncé und Usher geschrieben. Empire Of The Sun hat uns also viele Türen geöffnet.

magistrix: Fünf Monate lang waren Sie gänzlich verschollen. Ihr Bandkollege, der in dieser Zeit allein als Empire Of The Sun durch die Welt tourte, wollte schon eine Vermisstenanzeige aufgeben! Waren Sie so beschäftigt?

Littlemore: In der Tat! Ich war in Atlanta, Georgia. Dort habe ich ein Album mit Elton aufgenommen, das letztes Jahr herauskam. Es heißt "Good Morning To The Night" und führte die britischen Charts an. Und anschließend heuerte ich schon beim Cirque Du Soleil an. Ich war mit meinem Kopf einfach woanders.

magistrix: Wie ist es, mit Elton John zu arbeiten?

Littlemore: Eine wahre Freude! Wir haben immer viel zu lachen. Und genauso wie Luke hat er die tolle Fähigkeit, schöne Melodien zu schreiben, die die Menschen bewegen. Ich kenne nur diese zwei Menschen, die solche Melodien kreieren können, vor denen ich wirklich niederknie! An Elton schätze ich auch seine Großzügigkeit. Denn eigentlich hatte der Cirque Du Soleil ihn gefragt, ob er der Komponist und musikalische Leiter der Show "Zarkana" werden will, die 2011 Premiere feierte.

magistrix: Aber dann hat er Sie empfohlen?

Littlemore: Genau! Elton sagte: "Nehmt Nick dafür!" Dabei bin ich nicht der professionellste Musiker, ich bin im Studio eher der Visionär, der Mann mit den Konzepten. Es war eine ernsthafte Herausforderung und eigentlich der erste richtige Job, den ich in der Musik hatte. Denn dort hatte ich einen Boss, der mir sagte, was in so einer Show funktioniert und was ich ändern muss.

magistrix: Empire Of The Sun und der Cirque du Soleil liegen ideologisch gar nicht mal so weit voneinander entfernt.

Littlemore: Das stimmt! Und sie werden vermutlich noch näher zusammenrücken. Es gibt derzeit Gespräche darüber, eine Cirque Du Soleil Show mit Empire Of The Sun zu machen. Das braucht natürlich viel Organisation. Aber wir haben große Hoffnung, dass es passiert.

magistrix: Sowohl Empire Of The Sun als auch der Cirque Du Soleil fördern die Vorstellungskraft bei den Menschen.

Littlemore: Das ist unser Anliegen. Empire Of The Sun sollen etwas Ermutigendes haben. Denn die Imagination ist doch das Einzige, was die Menschheit retten kann. Die Welt fühlt sich auf vielfache Weise so oberflächlich an. Vorstellungskraft und positive Gedanken können die Welt nur besser machen. Denn das bedeutet, einen kindlichen Blick auf die Dinge zu haben, ohne die Schranken der Erwachsenen. Es ist dann egal, ob du Schwarz oder Weiß bist, alles ist sehr unschuldig. Lukes Stimme klingt auch unschuldig. Und das ist auch die Art, wie wir unsere Musik rüberbringen. Manchmal fühlen wir uns dabei wie im Kindergarten!

magistrix: Wobei Sie selbst nur bei Fernsehauftritten und Videos mit Luke Steele gemeinsam auf der Bühne stehen - von Tourneen haben Sie sich bis jetzt immer ferngehalten. Warum eigentlich?

Littlemore: Es gibt mehrere Gründe: Ich war schon als Kind schüchtern. Als ich 13 war, sagte mir mein Arzt, dass meine Wirbelsäule verdreht sei. Ich musste im Alter von 13 bis 18 ein hohes, mehrere Zentimeter dickes Stützkorsett um Rücken und Bauch tragen - 24 Stunden am Tag! Das schlägt aufs Selbstbewusstsein. Ich habe erst mit 19 ein Mädchen geküsst. Es ist also etwas an mir, dass sich gerne versteckt, auch vor dem Erfolg. Rote Teppiche oder Preisverleihungen sind nichts für mich. Ich war auch nie der Party-Typ. Ich war immer lieber in meinem Zimmer und habe Musik geschrieben.

magistrix: Aber haben Sie nicht das Gefühl, dass Ihnen da etwas entgeht?

Littlemore: Ich habe schon viele Tourneen mit anderen Bands gemacht. Es ist ein großer Spaß und ein ekstatischer Moment, da oben zu stehen. Aber sobald du die Bühne verlässt, fällst du in ein Loch. Ich mag die Depression und dunklen Gedanken danach nicht. Ich bevorzuge einen gewissen Grad an Normalität in meinem Leben. Außerdem bin ich ein ziemlich trampeliger Performer. Ich habe mir vom Kiefer bis zu den Füßen schon so viel gebrochen. Es ist sicherer, wenn ich nicht mit Luke auf einer Bühne stehe.

magistrix: Und sich wenigstens mal ein Konzert von Empire Of The Sun anzusehen, kommt auch nicht für Sie in Frage?

Littlemore: Bisher nicht, ich romantisiere die Idee der Band lieber. Ich scheue sogar davor zurück, die Shows zu kennen. Ich habe sogar anfangs verleugnet, dass es sie überhaupt gibt - das klingt bizarr, nicht wahr? Ich applaudiere Luke also lieber aus der Ferne, denn ich weiß auch so, dass er einen wundervollen Job macht.

magistrix: Aber Sie sind in den Videos vertreten - wo ist der Unterschied?

Littlemore: Videodrehs finden in einer eher kontrollierten Umgebung statt und haben nicht die Tücken einer langen Tour. Vor Kurzem sagte Luke in einem Interview, dass ich nicht mal für eine Million Dollar auf die Bühne mit ihm kommen würde - vermutlich hat er Recht!

magistrix: Ich würde annehmen, dass Sie zwei grundverschiedene Typen sind!

Littlemore: Oh ja, komplett unterschiedlich. Aber unser Streben ist dasselbe. Zusammen sind wir mehr als die Summe unserer Einzelteile. Wir beide haben starke Meinungen, und es gibt auch Momente absoluten Glücksgefühls im Studio. Dann kommen durch unsere Musik Farben zum Vorschein, die an frühe Rothko-Malereien oder die Arbeiten von J. M. W. Turner erinnern. Viele Künstler sprechen nicht umsonst von der Göttlichkeit, die über sie kommt, wenn sie kreativ werden.

magistrix: Können Sie über die gleichen Dinge lachen?

Littlemore: Schon! Aber wir haben sehr unterschiedliche Geschmäcker, wenn es um Filme und so was geht. Lukes Lieblingsfilm ist "Dumm und Dümmer". Er mag Comedy. Mein momentaner Lieblingsfilm ist "32 Variationen über Glenn Gould" von François Girard aus dem Jahr 1993. Es ist eine Pianisten-Biografie und unheimlich inspirierend!

magistrix: Was war Ihnen bei der Albumproduktion von "Ice On The Dune" wichtig?

Littlemore: Empire Of The Sun machen Musik mit echtem Equipment - wir sind keine Laptop-Band! Das sollen die Leute wissen. Instrumente haben Charaktere, Persönlichkeiten. Wenn du einen Synthesizer von 1973 hervorholst, dann klingt der nicht jeden Tag gleich. Er hat auch mal Depri-Phasen und sagt dir: "Heute kann ich nur Bass."

magistrix: Stimmt es, dass Sie mit blinden Studioproduzenten gearbeitet haben?

Littlemore: Nicht ganz! Am ersten Tag in New York, als Luke und ich uns nach einer langen Pause für die Arbeit am zweiten Album wiedertrafen, trafen wir uns in einer Blindenschule, die von dem blinden Mann meiner Gesangslehrerin geführt wird. Ich dachte, das wäre für Luke und mich ein toller Ort, um wieder eine Verbindung aufzubauen. Dort fing also die Reise des Albums an.

magistrix: Trifft es Sie eigentlich, wenn Leute Empire Of The Sun für eine Singles-Band halten, die nur gute Hits für die Werbung schreibt?

Littlemore: Nein, denn das ist Quatsch! Ich sehe Werbung nur als ein Werkzeug, etwas Schönes rüberzubringen. Deshalb haben wir seinerzeit den Song "We Are The People" für den Vodafone-Spot freigegeben. Das heißt aber nicht, dass unsere Alben oberflächlich sind. Es gibt darin viele Botschaften und Bedeutungen zu entdecken. Man muss nur wie beim Wein warten, nachdem man ihn geöffnet hat. Die einzelnen Geschichten brauchen Zeit, um sich zu entfalten. Das Schicksal der prominenten Single teilen wir übrigens mit Elton John: Den bringen auch alle primär mit seinen größten Hits "Your Song" und "Candle In The Wind" in Verbindung. Aber er hat über 500 Songs geschrieben.

teleschau | der mediendienst



1 Kommentare

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ChrissiChristini
25. Juni, 15:34 Uhr
von ChrissiChristini

Danke für dieses wundervolle interview

Qmn