Nick Cave: Ein Fall für zwei

Wed, 13 Mar 2013 12:57:00 GMT von

Nick Cave ist ein Familienmensch. Das mag auf den ersten Blick eine gewagte These sein, wirkt der 55-Jährige nach außen doch wie ein exzentrischer, verschlossener Einzelgänger.

Und doch: Caves Werk ist untrennbar mit seiner seit über 30 Jahren bestehenden musikalischen Familie, den Bad Seeds, verbunden. Und selbst wenn es ihn auf Solopfade verschlug, wurde er stets von Freunden auf der Bühne begleitet. Auch privat sucht der Düster-Poet feste Bindung: 1999 heiratete er das britische Vivian-Westwood-Modell Susie Bick, wurde im Jahr darauf Vater von Zwillingen. Und ohne die Mitwirkung seiner zwei engsten Partner, seiner Ehefrau und des Multiinstrumentalisten Warren Ellis, wäre sein neues Album "Push The Sky Away" kaum denkbar.

Spontanes Fotoshooting

Der offensichtlichste Hinweis darauf findet sich bereits auf dem Cover: Cave ist darauf zu sehen - zusammen mit seiner nackten Ehefrau. "Das Bild entstand in unserem Schlafzimmer", erklärt der Musiker. "Meine Frau machte gerade ein Shooting, als ich das Zimmer betrat. Sie wechselte gerade ihre Kleidung, weswegen sie nackt im Raum stand, und die Fotografin meinte zu mir, dass ich eines der Fenster öffnen sollte. In dem Moment machte es 'klick', und wir hatten das Cover."

Ehefrau als Muse

Doch nicht nur als Blickfang, sondern auch als Muse spielt Bick eine wichtige Rolle. Das Ex-Modell diente Cave auf "Push The Sky Away" auch als Inspirationsquelle für viele Texte: "Wenn ich über meine Frau schreibe, beobachte ich sie entweder aus meinem Blickwinkel oder versetze mich in sie hinein und schreibe aus ihrer Sicht der Dinge. Etwa so, als hätte ich mir die Klamotten meiner Frau angezogen", lacht der Australier sanft. Sich in andere hineindenken, ein scheinbar harmonisches Zusammenleben führen: Was Cave privat gelingt, funktionierte in seiner Zweitfamilie The Bad Seeds nicht immer.

Unruhen

Bereits 2003 stieg mit Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) ein ideenreicher Geist beim Kollektiv aus, 2009 folgte mit Mick Harvey das letzte verbliebene Bad-Seeds-Gründungsmitglied. Dessen Verlust wiegt schwer, auch wenn der Sänger das wohl nie zugeben würde. Cave und Harvey verband eine jahrzehntelange Freundschaft, die dadurch in die Brüche ging, dass der Gitarrist immer weniger musikalisches Mitspracherecht bei den Bad Seeds bekam.

Innerer Druck

Es brodelte es gewaltig im Inneren des ehemaligen Gitarristen, wie er in einem Interview mit dem Magazin "Spinner.com" zugab: "Bereits 1997 während der Aufnahmen zu 'The Boatman's Call' hatte ich das Gefühl, dass ich niemanden in der Band mehr sagen konnte, wie es mir persönlich ging. Alles, was ich sagte, wurde kategorisch ignoriert oder abgelehnt." So oder so ähnlich fühlt es wohl eben an, wenn eine langjährige Beziehung in die Brüche geht - vor allem, wenn der "Nachfolger" bereits da ist.

Warren Ellis

Dass Nick Cave im Musiker Warren Ellis bereits 1994 einen neuen "Partner In Crime" fand, sollte der Wahlengländer erst zehn Jahre später richtig realisieren. Der Multiinstrumentalist, der Caves Aufmerksamkeit durch seine Arbeit bei der in Melbourne ansässigen Band Dirty Three erlangte, war auf den beiden Bad-Seeds-Alben "Let Love In" (1994) und "Murder Ballads" (1996) vorerst nur als Gastmusiker gelistet. Zusammen mit dem kauzigen Vollbartträger erdachte Cave später eine Reihe an preisgekrönten Theaterkompositionen ("Woyzeck", 2005) und Filmsoundtracks ("The Proposition", 2005 und "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford", 2007). Auch bei Grinderman, dem krachigen Nebenprojekt Caves, spielte Ellis eine Hauptrolle.

Kreatives Band

Das kreative Band zwischen den beiden Musikern wurde über die Jahre immer stärker. Und so war es kaum verwunderlich, dass Ellis, der 1997 offiziell in den Bad-Seeds-Kreis aufgenommen wurde, nun, auf dem ersten Album ohne Mick Harvey, einen großen Einfluss hatte. Cave bestätigt das: "Warren und ich arbeiten mittlerweile alles gemeinsam aus. Dass wir erst so spät zu dieser Einsicht kamen, mag verwunderlich sein. Dennoch trägt unsere Arbeit reife Früchte."

Wie ein Mysterium

Die ertragreiche Erntezeit nutzen Cave und Ellis nun in vollen Zügen. Der Sänger mit der charismatischen und tiefen Stimme gerät darüber fast ins Schwärmen: "Ich habe bis jetzt noch nie so intensiv mit jemanden zusammengearbeitet wie mit Warren. Wie er Sounds kreiert und umsetzt, ist für alle ein großes Mysterium. Und ich denke, dass er das genauso sieht", scherzt der im australischen Warracknabeal geborene Musiker. Dass das Verständnis zwischen Nick Cave und Warren Ellis groß sein muss, zeigt ein weiterer Fakt: Der waldschratige Multiinstrumentalist wird bei jeder Nummer von "Push The Sky Away" als Co-Autor gelistet, eine (Liebes-)Zeugnis, das der Australier seinem Ex-Partner Harvey nur bei ganz wenigen Songs ausstellte.

Beziehungspakt

Cave scheint also - in jeder Hinsicht - Vertrautheit gefunden zu haben. Nach mehreren stürmischen Affären - unter anderem mit der Rockröhre PJ Harvey und der Popsängerin Kylie Minogue - fand der Künstler in Susie Bick eine Partnerin, die mit ihm den "faustischen Pakt zwischen Dichter und Muse" eingehen wollte. Sie kenne den Preis ihrer Beziehung, so Cave: "Man wird vielleicht verewigt, aber jeder noch so kleine heilige private Moment kann in den Songs aufgewühlt und ausgespuckt werden."

Warren Ellis als Zwillingsbruder

Aber auch Ellis scheint der richtige Partner für den Familienmenschen Cave zu sein: Mick Harvey war eher der Fels in der Brandung, ein Ruhepol, der die exzentrischen Ausbrüche seines Frontmanns fast wie ein großväterlicher Freund erdete. Und Blixa Bargeld schien in seiner Zeit bei den Bad Seeds ohnehin immer mehr neben der Band zu stehen, als auf dem Familienportrait zu posieren. Warren Ellis hingegen besitzt einen ähnlichen Charakter wie der Sänger: Er gilt als eigenbrötlerisch, egoistisch, narzisstisch. Oder um im Familienbild zu bleiben: Er ist der (musikalische) Zwillingsbruder, den Cave lange gesucht hatte.

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