Ecken und Kanten mit viel Sound drumherum

Thu, 23 Oct 2014 10:35:00 GMT von

Tiemo Hauer war mal wieder in der Stadt. Sein aktuelles Album "Camílle" liefert die Basis zur momentan laufenden Tournee. Den Support durften The Sunday Promise übernehmen.

Scharenweise weibliches Publikum, dazwischen wie kleine Sprenkel auch ein paar männliche Exemplare. Kein Wunder, denn es gab ja reichlich zu gucken und auch zu hören für Mädchen und junge Frauen. Keiner singt so schön von den Höhen und Tiefen der Liebe wie Tiemo Hauer. Zählt man den Tour begleitenden Support The Sunday Promise noch dazu, wundert es fast, dass der Tower am 22.Oktober 2014 keinen Kreischalarm vermeldete.

Wohnzimmeratmosphäre

Der Tower ist ein gemütlicher Musikclub im Herzen Bremens, für Tiemo Hauer & Band mittlerweile ein bisschen wie ein Ort der Heimkehr. Die Bühne ist klein, voller Equipment für ein gelungenes Live-Konzert mit dem Stuttgarter. Noch enger hatten es allerdings die Jungs von The Sunday Promise, denen während der aktuellen Tour das warming-up der Fans anvertraut wurde. Obwohl der Vierer neben diversen Gitarren, einer Mandoline, Bass Drum und einem Schellenkranz nichts benötigten, um ihren beeindruckenden Sound zu Gehör zu bringen, sah ihre Performance ein wenig nach Sardinendosen-Ambiente aus. Da wollte jeder Schritt gut überlegt werden. Für die kleine Tanzeinlage am Ende ihres Auftritts mussten die Neuwieder Musiker erst "aufräumen", um die dazu nötigen Zentimeter frei zu bekommen.

Vertonte Erlebnisse

The Sunday Promise erwecken optisch den Charme einer süßen Boygroup, bei deren Erscheinen sämtliche Mädchen einer Ohnmacht nahe kommen und zu kreischen beginnen. Toni Pirosa, Marc Grünhäuser, Christian Braun und Roban Cremer sind selbst erst Anfang 20 und für weibliche Augen das reinste Naschwerk. Aber der Schein trügt, denn unter dem Zuckerguss gibt es Tiefe, sowohl klanglich, als auch inhaltlich. Zwar erinnern einige der gestern dargebotenen Nummern an perfekte Pop-Balladen á la Backstreet Boys, doch hört man immer ein wenig Folk aus ihren Kompositionen heraus.

Selbstgemacht

Apropos Kompositionen: Das Quartett besteht aus Vollblutmusikern, die alle ihre Stücke in Heimarbeit texten und mit einer Melodie versehen. Diese Unabhängigkeit und DIY-Mentalität, dürfte denn auch der Türöffner zu Tiemo Hauer gewesen sein. Dieser ist ja bekannt für seinen Drang alles selbst bestimmen und in die Hand nehmen zu wollen. Was Tiemo längst dazu brachte sein eigenes Label Green Elephant Records zu gründen, bei dem am 17.10. auch The Sunday Promise ihr Debüt-Werk "A Traveler’s Tale" veröffentlichten.

Indie-Pop mit Folkeinflüssen, so nennen es die Jungs selbst, was man von ihnen zu hören bekommt. Nach allem was sie gestern anzubieten hatten, kann man das uneingeschränkt bestätigen. Sie haben Bock, sie haben Talent und vor allem haben sie viel zu erzählen. Musik, die aus der Inspiration des Erlebten entsteht: Reisen, Literatur, Musik von Gestern und Heute, das Leben an sich. Bremen würde den Vierer sicher gerne erneut begrüßen.

Camille kommt!

Nach einer entsprechenden Umbauphase, bei der auch etwas mehr Freiraum auf der engen Bühne im Tower geschaffen wurde, legte Tiemo Hauer mit seiner Band los. Den Einstieg wagte der 24-Jährige mit einem Stück aus der Bonus-CD zu "Camílle - Dunkle Seite". "Altes Paar" bereitete eventuell unerfahrene Zuhörer auf das vor, was laut Setlist in den anstehenden 100 Minuten passieren sollte. Inhaltlich leichte Kost bekommt man in einem Konzert des Stuttgarter nämlich eher nicht zu hören. Natürlich sind durchaus ein paar noisige Nummern in seinem Repertoire zu finden, aber seine Texte sind für Ecken und Kanten, sowie einige Untiefen bekannt.

Tiemo erhebt nicht den Anspruch everybody’s darling zu sein, sondern seine Gedanken in Musik auszudrücken. Er bleibt sich am liebsten selber treu.

Satt und rockig muss es sein

Basis seiner Kompositionen sind zumeist Gitarre und Klavier, doch kommen neben den klassischen Band-Instrumenten wie Bass oder Keyboard auch mal atmosphärische Klänge hinzu oder Marcel Schechter (Keys) kramt das Akkordeon hervor. Hauptsache es klingt satt, gerne auch rockig und so groß wie seine Vorbilder Sigur Rós oder Arcade Fire. Die isländische Band scheint überhaupt das große Idol von Tiemo Hauer zu sein, denn erstens widmete er ihr auf "Camílle" den Song "Sigur Rós im Regen" und zweitens ließ Tiemo sich deren Titel "Sæglópur" auf den Unterarm tätowieren. Das unterstreicht wiederum die Tiefe seiner Gedankenwelt, denn die Übersetzung bedeutet soviel wie verloren auf See. Trotzdem ist Tiemo weit davon entfernt melancholisch zu sein.

Mitreißende Performance

Das Leben ist "Großartig", sang er auch gestern und unterstrich mit "Ganz oder gar nicht" und "Ehrlich glücklich", wie sehr er doch mitten im Leben steht. Aber die Liebe, die macht es ihm offenbar schwer. Große Gefühle, Sinnlichkeit, das sich völlig hingeben an den Anderen und immer wieder diese Enttäuschungen, wenn es nicht gehalten hat, oder Emotionen nicht erwidert wurden. Hat der arme Kerl in seinem noch so jungen Leben wirklich schon derart viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen?

Vielleicht entstehen so auch Songs wie "Was dich nicht umbringt" oder "Verzeihen kostet Zeit". Das Publikum liebt diese Lieder, war zu großen Teilen textsicher, hing seinem Idol geradezu an den Lippen. Innerlich hat so manch eine(r) vielleicht mit dem Kopf genickt und gedacht "Ja, das Gefühl hatte ich auch schon". Partystimmung war trotz all der verlorenen Liebe angesagt, dafür sorgten die Band und ihr Frontmann schon durch eine engagierte Performance.

Smalltalk

Dazwischen ein paar lustige Geschichten aus dem Touralltag - so verging die Zeit wie im Fluge. Mit dem einfühlsamen Titel "Ich drehe um", läutete Tiemo Hauer das Ende des Abends ein. Es folgten noch ein paar Zugaben, dann hieß es für seine Fans Aufbruch in die nasskalte Oktobernacht Richtung Heimat. Vermutlich gibt es ein Wiedersehen im Tower, denn der Stuttgarter hat ein paar Lieblingsclubs auf der Landkarte.



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