Alin Coen: Vibrationen und Emotionen im Fluxbau Berlin

Tue, 10 Sep 2013 09:01:00 GMT von

Vom 4. bis 8. September fand die vierte Berlin Music Week statt. Neben Fachvorträgen und Workshops wurden auch wunderbare Konzerte angeboten. Viele Newcomer gewährten in dieser Zeit Einblicke in ihr Können. Drei davon haben wir unter die Lupe genommen.


Die Organisatoren der Berlin Music Week haben keine Mühe gescheut und für die Abendunterhaltung vielen aufstrebenden Künstler eine Plattform geboten. Es ging nicht darum bereits dick im Geschäft befindliche Musiker zu engagieren, vielmehr wollte man all jenen eine Chance geben, die vielleicht eine große Karriere vor sich haben. Als Zuhörer hätte man sich der Klontechnologie bedienen müssen, um auch nur ein Zehntel des Angebots testen zu können. Grob über den Daumen gepeilt, wurden täglich etwa 50 Konzerte gegeben. Jene, die sich das sagenhafte "First We Take Berlin" Ticket besorgt hatten, erhielten für schlappe 20 Euro ein Mega-Schnäppchen. An zwei Abenden, in rund 10 verschiedenen Locations, Sounds bzw. Beats satt, das bekommt man sonst nirgendwo.

Timetable

Das Angebot war sehr vielfältig angelegt, so dass aller Ohren Vorlieben zu ihrem Recht kommen konnten. Wer innerhalb eines Abends von einem Club zu nächsten wollte, konnte zudem auf ein gut funktionierendes Shuttlebus-Angebot zurückgreifen. Um einen Überlick zu gewähren, was es zu hören gab, nennen wir gerne ein paar Namen aus dem Line-Up: Marla Blumenblatt, Balthazar, Pool, NYPC (ehemals New Young Pony Club), OK KID, Otto Normal, MC Fitti, Asbjørn, Die Orsons oder die Dirty Honkers. Wir haben uns den Luxus gegönnt, mit einer Shuttlebarkasse über die Spree geschippert zu werden und auf der Terasse des Fluxbau von Bord zu gehen, wo es am vergangenen Donnerstag Auftritte von Emma Longard, Sebastian Lind und Alin Coen zu konsumieren galt.

Wohnzimmeratmosphäre

Der Fluxbau ist mit seiner eher geringen Größe für Konzerte von Nachwuchskünstlern wie geschaffen. Diese ziehen noch nicht die Massen an, konnten beim First We Take Berlin Showcase hier aber das Gefühl auskosten, in gefüllten Räumen zu spielen. In einer Ecke befand sich die kleine Bühne, der Rest war für die Zuhörer bestimmt. Wer sich so gedrängt nicht wohl fühlte, konnte auch auf die Terrasse ausweichen und bekam immer noch das Meiste mit. So richtig Spaß brachte allerdings für beide Seite die Tuchfühlung. Wer rechtzeitig vor Ort war, konnte bei jedem der Gigs auf knappe Armeslänge an die Künstler heranrücken. Auf diese Weise wurde bei allen drei Konzerten schnell eine vibrierende Grundstimmung erzeugt.

In der Kürze lag die Würze

Jedes der Konzerte dauerte nur eine runde halbe Stunde. Das war für die Musiker natürlich eine gewisse Herausforderung, weil sie praktisch mit der ersten Note den Draht zum Publikum finden mussten. Hat man nur für die Dauer von sechs oder acht Songs Zeit sein Können unter Beweis zu stellen, muss von Null auf Hundert beschleunigt werden. Das gelang Emma Longard ebenso leicht, wie Sebastian Lind und auch Alin Coen. Alle drei Acts zogen auf ihre ganz spezielle Weise die Fans in ihren Bann.

Interessanterweise liess sich beobachten, dass etliche Besucher des Fluxbau sich wohl einen nächtlichen Fahrplan zusammengestellt hatten. Kaum einer blieb einfach da und hörte sich alles an. War ein Auftritt beendet und der Umbau für den nächsten Künstler begann, wechselten auch viele Konzertinteressierte die Location. Damit hatte der Ort ein bisschen Bienenstock-Charakter - ständiges Kommen und Gehen war zu beobachten.

Discoqueen and King Sebastian

Den Anfang machte Emma Longard, die kürzlich mit ihrem eigentlich traurigen Song "Discoqueen" für Aufsehen sorgte. Sie unterhielt die Anwesenden mit flottem Indie-Soul von ihrer EP "Elle", die erst im Juni Veröffentlichung feierte. Neben besagter Discoqueen sang Emma auch "Calling Angels" und "Captain". Ihre Zeit war sehr schnell vorbei und Emma musste mitsamt Band, inklusive talentierter Backvocal Unterstützung das Feld räumen. Die Stimmung an diesem zauberhaft lauen Spätsommerabend hatte bereits einen ersten Höhepunkt erlebt, der sich aber mit dem Dänen Sebastian Lind noch ausbauen ließ. Nach kleiner Umbauphase und der bereits erwähnten Ab- und Zuwanderung von Fans, eroberte der 25-jährige Singer/Songwriter die Bühne.

Bring Back The Beat

Bislang genießt er bei uns noch nicht sehr viel Aufmerksamkeit, das dürfte sich allerdings schnell ändern. Sebastian trifft mitten ins Ohr und die Beine mit seinen melancholischen Klänge, die er geschickt mit poppigen und elektronischen Elemente paart. Der markante Gesang tut sein Übriges und so entsteht ein ganz eigener, unverwechselbarer Sound. Gemessen an seiner schlanken Gestalt verfügt Sebastian über eine unglaublich tragende Stimme, die bis tief ins Mark trifft und die Synapsen zum Beben bringt. Wer einmal seinen Song "Bring Back The Beat" vernommen hat, dürfte einen neuen Star für sich entdeckt haben. Der Däne ist nicht nur ein außergewöhnlicher Musiker, er brachte sogar seine erste eigene Modekollektion in Kooperation mit dem Modellabel M.I.G. Copenhagen auf den Markt. Seit Anfang 2012 steht er nun bei Columbia Records unter Vertrag und stürmt seither den internationalen Musikmarkt. Letztes Jahr veröffentlichte er sein Album "I Will Follow" und für den 31. Januar 2014 kündigt er schon den Nachfolger "Messed Up Happy Kid" an. Das wird sicher ein Fest für Musikfans.

Intime Stimmung

Nach einer zweiten Umbauphase, in der es vor allem Probleme mit der Tontechnik gab, die sich irgendwann aber lösen ließen, betrat Alin Coen die Bühne. Ganz allein, ohne ihre Band spielte sie ein sinnliches Konzert. Es fühlte sich derart intim an, als gäbe Alin ihre Lieder im abgeschiedenen Kämmerlein zum Besten, quasi Face2Face und niemand hört mit. Das ist eine Fähigkeit, die wohl nur wenigen Künstlern eigen ist. Alin stand auf der Bühne und vergaß die Welt um sich herum während die Fans einfach an ihren Lippen hingen. Die meisten der Stücke, die sie mitgebracht hatte, streichelten die Seele und glänzen durch sehr einfühlsame Texte. Es geht in Alins Liedern immer wieder um Liebe und die Beziehung zwischen Menschen. Ruhig und manchmal auch ein bisschen verspielt sang sie Stücke wie "Ich war hier", "Wolken" oder "Einer will immer mehr". Weil Alin Coen aber erst im Juni mit ihrer Band das neue Album "We're Not The Ones We Thought We Were" veröffentlichte, gab sie zusätzlich von dieser Platte die Songs "All It Takes" und "High Expectations" zum Besten. Die Anwesenden schmolzen aber auch bei "Kein Weg zurück" oder dem Schlusslied "Das letzte Lied" wie Schokolade in der Sonne. Viel zu schnell war der Zauber vorbei und die pralle Wirklichkeit kehrte zurück. Alin Coen an einem warmen Sommerabend an der Spree zu lauschen - gibt es etwas Schöneres?



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