Brixtonboogie: Deep Vibrations auf der Spitzenbühne des Elbjazz

Thu, 30 May 2013 12:18:00 GMT von

Vergangenes Wochenende fand in Hamburg das dritte Elbjazz-Festival statt. Unsere Redaktion nahm dies zum Anlass sich eine Liveshow des Bandprojekts Brixtonboogie zu gönnen.

Freitag und Samstag (24. und 25. Mai 2013) stand die Hamburger Hafencity, das Werftgelände von Blohm & Voss, sowie der Museumshafen Hamburg im Zeichen der Musik. An insgesamt zwölf verschiedenen Lokationen gaben mehr als 60 internationale Künstler und Bands Konzerte. Für die Besucher des Festivals galt die Devise:Einmal Eintritt zahlen und dann ein Wochenende lang in Tönen schwelgen. Das Bandprojekt Brixtonboogie war für uns Grund genug, den Weg von Bremen nach St. Pauli zu wagen.

Petrus steht nicht auf Musik

Konnten sich 2012 noch rund 20.000 Menschen bei strahlendem Sonnenschein auf dem Elbjazz-Festival beschallen lassen, so gehörten in diesem Jahr Friesennerz, Regenschirm und Gummistiefel zur Grundausstattung. Petrus gönnte den Besuchern 2013 kaum eine trockene Minute während der Veranstaltung. Zum Glück ist der Hamburger, sowie der Norddeutsche im allgemeinen nasskalte Witterung gewohnt und vermag sich anzupassen. Was jedoch den von uns besuchten Auftritt von Brixtonboogie betraf, so schien der Groove dieser Formation selbst dem Wettergott zu gefallen. Pünktlich zum Konzertende der Vorgängerband Toned, stellte Petrus das Wasser ab und beließ es dabei bis kurz nach der letzten Zugabe von Krisz Kreuzer und seinen Mitstreitern.

Magnetismus

Die im Grunde als niedlich zu bezeichnende Spitzenbühne auf dem Gelände von Blohm & Voss, zog trotz mieser Wetterprognosen etwa 250 bis 300 Fans magisch an. Von der Hafencity aus blieb den Besuchern die Wahl mit einer Shuttlebarkasse oder zu Fuß durch den alten Elbtunnel an das gegenüberliegende Ufer zu gelangen. Beide Varianten fanden regen Zuspruch, was bedeutete, dass ordentlich was los war vor Ort. Bis zum Intro von Brixtonboogie hatten sich auf diese Weise eine Menge Interessierter, darunter auch Schauspielerin Nina Petri, eingefunden. Offenbar ist auch sie ein Fan von Deltamusik.

Ohne große Worte

Das Konzert groovte von der ersten Note beim Song „Heaven“ und alle waren sich einig, dass man sich durch Kälte und Feuchtigkeit nicht die Stimmung verderben lassen würde. Diese positive Haltung im Publikum wirkte sich auf die Band durchaus motivierend aus. Sieben Männer plus eine Frau füllten mit ihren Instrumenten und einer phänomenalen Präsenz die Bühne.

Rollenverteilung

Kopf und Zündfunke der Hamburger Formation ist Krisz Kreuzer. Ohne ihn würde es Brixtonboogie gar nicht geben. Seine Rolle am Samstagabend war die des Direktors und Gastgebers. Wenn er nicht gerade ein paar technische Details erklärte oder historische Hintergründe zu einer Coverversionen erläuterte, verlor er sich völlig in seiner Musik. Innerlich komplett abgetaucht, die Vibrationen in sich aufnehmend, begleitete er seine Bandmitglieder auf der Mundharmonika oder der Leadguitar.

Der Possenreißer

Wayne Martin, das mit 70 Lenzen älteste Mitglied bei Brixtonboogie, verfügte nicht nur über ein fabelhaftes Gesangsorgan, ihm saß auch der Schalk im Nacken. Der Anblick eines schicken älteren Gentleman mit Hut und lässig um den Hals geschlungenen Schal, täuschte gewaltig. Dieser Urblueser hatte es faustdick hinter den Ohren, er schnitt unablässig Grimassen und riss saukomische Possen. Anekdoten aus seinem langen Leben mussten immer wieder zum Besten gegeben werden. Er berichtete, dass er sehr vieles erlebt habe, die Hippie-Zeit natürlich auch, aber der größte Sklaventreiber, der ihm in all den Jahren untergekommen sei, wäre sein aktueller Boss: Kriz Kreuzer. Da Mr. Martin dies mit einem Zwinkern sagte, ist klar wie ernst er es meinte.

Gänsehaut

Die einzige Frau auf der Bühne war Sängerin Mascha. Wenn sie sang, passierten die erstaunlichsten Dinge, vor allem aber verursachte ihre tiefe, satte Stimme herrliche Gänsehaut. Bandchef Krisz bedauerte sehr, dass er seine Blousonärmel nicht hochkrempeln konnte, um dem Publikum das Flimmern seiner Härchen zu demonstrieren. Hoch und runter, kreuz und quer vibrierten die Haare auf der Haut, sobald Mascha wie im Song „Love Ain't Just A Word“, loslegte.

Rappender Womanizer

Das jüngste Mitglied der Truppe zählt gerade mal 22 Jahre und hört auf den Namen AJay. Dieser Typ sieht nicht nur verdammt gut aus, er weiß auch ganz genau wie man Optik und musikalisches Talent gewinnbringend einsetzen kann. AJay brachte ordentlich Schwung auf die Spitzenbühne und ließ dazu den ein oder anderen flotten Spruch zwischen den Songs ab. Er war es, der sich besonders bei den Hamburgern für ihr Erscheinen trotz Mistwetter mit einem „Moin Moin“ bedankte, weil sich der Auftritt für den Rapper durch sie wie ein Heimspiel anfühlte.

Crossing Borders

Erst am 29. April veröffentlichte Brixtonboogie das neue Album „Crossing Borders“ und lenkte auf selbiges beim Auftritt am Samstagabend den Fokus. Auf der Setlist fehlte nur ein einziger Song daraus. Lediglich sechs, aller inklusive Zugabe gesungenen Stücke, stammten vom Vorgängeralbum „Urban Blues“. Zusätzlich performte AJay nachdem er sich vom Publikum bestätigen ließ, dass es Bock darauf habe, den Titel „One Time“. Einzig vom Keyboarder begleitet, sang er dieses Stück während alle wie gebannt an seinen Lippen hingen.

Gute Unterhaltung

Neben den einzelnen Liedern gab es immer wieder ein paar Anekdoten oder Erklärungen. Dabei wechselten sich Krisz, Mascha, Wayne und AJay ab. Der einzige, der ausschließlich in seiner englischen Muttersprache parlierte, war „elder statesman“ Wayne Martin. So witzig und unterhaltsam wie er es tat, hat das aber niemanden irritiert. Ganz im Gegenteil: Die Pointen saßen super und verursachten von breitem Grinsen bis zum lauten Lacher alle möglichen Regungen im Zuschauerraum. Eines fand Wayne jedoch selber gar nicht komisch und beklagte sich darüber auch mehrfach: Dieses „fuckin' cold weather“ regte den Mann aus New Orleans schlicht auf. Möglicherweise trug seine, nicht mehr ganz so ausgeprägt vorhandene, jugendliche Hitze daran Mitschuld.

Sonnenbrille gegen Regen

Eine Methode sich gegen das herrschende Tiefdruckgebiet zu wehren, war absolute Ignoranz desselben. Das zumindest wäre eine Erklärung dafür, dass Sängerin Mascha Litterscheid die komplette Zeit über eine Sonnenrille trug. Mit ein wenig Fantasie fühlt sich Scheinwerferlicht allerdings wie Sonnenschein an und schon macht eine entsprechende Beschattung der Augen durchaus Sinn. AJay, der sich zu Konzertbeginn noch den Temperaturen gemäß, mit warmer Jacke und dickem Schal präsentierte, zog sich später sogar bis auf das T-Shirt aus. Die Vermutung lag nahe, dass die Beleuchtung als Wärmequelle für ihn ausreichte und ihn nichts weiter davon abhielt der Damenwelt seine muskulösen Oberarme zu zeigen.

Good Vibrations

Ob nun mit „Nobody But You“, bei dem Wayne bereits alle Register im Schneiden von Grimassen zog, oder seinem tief unter die Haut gehenden „Way Down In The Hole“, bis zu „U Gotta Move“, begeisterte der erfahrene Bluesmusiker das Publikum. Der passende Ausdruck für das, was sich der Zuschauer bemächtigte, ist wohl Ergriffenheit. Da stand ein herausgeputzter alternder Kauz am Mikrofon und spielte mit den Menschen vor der Bühne wie ein Puppenspieler. Ohne Wayne Martin wäre Brixtonboogie um vieles ärmer. Was andererseits so für alle Mitglieder der Formation gilt. Jeder Einzelne von ihnen steht für eine tongebende Besonderheit, aber vor allem in der Gemeinschaft liefert Band ihr einzigartig rundes Bild ab. Diesen Effekt hört man schon Daheim auf CD, aber live wurde das am Samstag noch deutlicher.

Wut und Melancholie

AJay bot hauptsächlich das Bild eines Strahlemannes, aber mitunter sah es wohl in seinem Inneren anders aus. Der Sänger erklärte dies in seiner Ansage zum Lied „Trouble Me No“. Er habe Wut im Bauch, teilte er mit. Er habe gedacht, dass er dafür verantwortlich sei, dass es Rückkopplungen an dem Boxenturm neben ihm gebe. Nach einem kleinen Check-Up stellte sich jedoch heraus, dass dem nicht so war. Darüber ärgerte sich AJay. Also nicht über die Tatsache, dass der Defekt nicht an ihm gelegen hat, sondern, dass er geglaubt habe, es sei so. Dieser komplizierte Umstand wiederum rief Selbsthass in ihm hervor, weil er sich geärgert hatte. Ganz schön umständlich dieser Typ, aber singen und rappen konnte er wie ein junger Gott. Nun war Mascha an der Reihe eine Überleitung zu den melancholischen Songs von Brixtonboogie zu finden. Sie nutzte einfach das vorherrschende Wetter als Opener für den Song „Early In October“, indem sie ihn als passendes Lied zum derzeitigen Herbstwetter ankündigte. Die traurige Variante des Blues kam auch noch bei „My Heartbeats Drummin'“ zum tragen, dass sich beinahe nahtlos anschloss.

John The Relevator

Eines der schönsten Stücke dieses Konzerts war das, ebenfalls auf „Crossing Borders“ verewigte „John The Relevator“. Vorgetragen vom Meister der bluesigen Töne Mr. Wayne Martin himself. Nachdem Bandchef Kriz Kreuzer von der eventuell nahenden Apokalypse erzählte, das wisse man aber nie so genau, übernahm Wayne das Ruder und gab den Anwesenden motivierende Worte mit auf den Weg. Kurzgefasst erklärte er, dass was immer man sich für das eigene Leben vorstelle, man sich nicht davon abbringen lassen solle. Ganz wichtig zu betonen war ihm: "Wenn du etwas wirklich willst, dann zieh das durch. Gib niemals auf!

Gospelklänge

Die Zuschauer gingen wirklich mit und tanzten, aber die Band lieferte auch Gründe mitzusingen. Einer davon war der Song „Fisherman's Chant“, der mit seinem Gospelklang unglaublich einladend wirkte. Aber auch „Blood & Fire“ oder „Lightnin' & Thunder“ boten Raum für Unterstützung aus der Fankurve.

Soloparts

Gegen Ende ihres Auftritts stellte der Chef seinen Mitarbeiterstab vor. Immerhin besteht Brixtonboogie nicht nur aus den vier bislang erwähnten Mitgliedern. Es gehört eine Band dazu, die den groovigen Sound erzeugt. Jetzt bekam jeder Musiker die Gelegenheit sein Können innerhalb eines kurzen Solos zu demonstrieren. Mit von der Partie in Hamburg waren DJ Suro, der „white lion“ Drummer Michi Palin, am Bass Oliver Schmitt und die Keys bediente Mosch Schröder.

Letzte Zugabe

Am Ende stand ein Mann ganz allein auf der Bühne: Wayne Martin. Komplett ohne Begleitung sang er „Wayfaring Stranger“. Eine glanzvolle Leistung, bei der jede Note sitzen musste, damit die Gänsehaut nochmals den Körper eines jeden Zuschauers überziehen konnte. Danach war endgültig Schluss mit HipHop Grooves, Downbeats und Deltamusik im Allgemeinen. Ein schlichtes „Aufwiedersehen“ aus dem Munde des bezauberndsten älteren Herren der nördlichen Erdhalbkugel, setzte den Punkt hinter ein, Dank Petrus' Einsehen, trockenes Konzerterlebnis. Wer nicht vor Ort war, hat gute 90 Minuten emotionale Höhepunkte verpasst und sollte sich unbedingt die nächsten Livetermine von Brixtonboogie im Kalender vormerken: 13. Juni, Hamburg - „Mojo Club“ und 21. Juli, Dreeich – Blues-Festival.



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