Fritz Kalkbrenner: Bremer Pier2 mutierte zur Großraumdisco

Mon, 15 Apr 2013 12:14:00 GMT von

Am vergangenen Freitagabend stattete der Berliner Musikproduzent und Sänger Fritz Kalkbrenner der Hansestadt Bremen einen Besuch ab. Verschwitzte Körper und glückliche Gesichter waren das Endergebnis einer langen Performance.

Fritz Kalkbrenner kann man durchaus attestieren, dass er sich mittlerweile aus dem Schatten seines älteren und lange Zeit wohl berühmteren Bruders, Paul, herausgearbeitet hat. Spätestens seit seinem aktuellen Album "Sick Travellin'" ist klar, dass wir es mit einem ernstzunehmenden Soundakrobaten zu tun haben. Der 12. April wurde dennoch nicht mit Stücken dieses Werkes gestaltet. Fritz Kalkbrenner konzentrierte sich während seines zweieinhalb stündigen Auftritts beinahe ausschließlich auf dessen Vorgängeralbum "Here Tody Gone Tomorrow" aus dem Jahr 2010.

Überpünktlicher Beginn

Ursprünglich hieß es in den Ankündigungen zum Konzert, dass der Beginn um 20.30 Uhr sei, welcher dann kurzfristig um 15 Minuten vorgezogen wurde. Soweit die Theorie: denn in der Realität legte der Supportact in Form von Chopstick & Johnjon bereits um wenige Minuten nach Zwanzig Uhr die erste Platte auf den Teller. Als Musikredakteurin kümmert man sich natürlich rechtzeitig um einen guten Platz am Veranstaltungsort, lange bevor die Show beginnen soll.

Wenn wir euch zu den Eindrücken eines solchen Abends nicht nur etwas schreiben, sondern auch Fotos davon zeigen wollen, brauchen wir einen passenden Standort und den bekommt man am leichtesten, wenn man frühzeitig erscheint. Während unseren Fotografen noch einige organisatorische Aufgaben beschäftigten, wartete ich samt Kamera direkt vor der Bühne auf seine Rückkehr, als das DJ-Duo schon seine Tätigkeit aufnahm. Somit fing ich gleich die allerersten Bilder ein.

Duo im Einklang

Chopstick & Johnjon starteten also wie erwähnt überpünktlich mit ihrer Abendgestaltung und gaben sich gegenseitig Raum für Interpretationen. Das Pier2 war zu diesem Zeitpunkt noch eher mäßig gefüllt, obgleich klar war, dass das Konzert ausverkauft war. Ursprünglich hätte die Sick Travellin' Tour von Fritz Kalkbrenner im Modernes stattfinden sollen, doch erwies sich dieses bald als zu klein dafür. Auch das Pier2 konnte die Tickets schnell unters Volk bringen, denn wann hat man als Bremer schon die Gelegenheit zu den Rhythmen eines derart populären DJs zu tanzen.

John Muder und Chi-Thien Nguyen, besser bekannt als Chopstick & Johnjon, sind ebenfalls nicht mehr ganz unbekannt und verstanden sich prächtig am Mischpult. Während immer mehr Tanzwillige in Richtung Hafen pilgerten und sich die Aufnahmekapazität des Pier2 von mehr als 2500 Plätzen zu Nutze machten, legte das deutsch-vietnamesisch-kanadische Duo flotte Musik auf. Die Beiden schien nicht zu interessieren, was sich vor der Bühnenkante abspielte. Sie sprachen miteinander, vermutlich darüber was sie als nächstes auflegen wollten, nahmen aber die Menschen, die dem Ergebnis lauschten, nicht wirklich wahr. Schließlich beendeten sie mit einigen Dankesworten nach drei gerauchten Zigaretten und einem Bier ihren Auftritt, um dem Hauptact das Feld zu überlassen.

Der Puppenspieler

Um kurz nach 21:00 war es dann endlich soweit und der Meister der Beats betrat die Bühne. Inzwischen hatte sich das Pier2 sichtlich gefüllt und Platz für akrobatisches Tanzvergnügen wurde zur Mangelware. Als Fritz Kalkbrenner sich hinter sein Mischpult begab, war die Stimmung bereits gut angeheizt, dennoch ging nun die Party erst richtig los. Angefangen mit "Was Right Been Wrong", einem Stück vom Album "Here Today Gone Tomorrow", zeigte der Berliner schnell was ihm vorschwebte. Die Fans vor der Bühne ließen sich nicht lange bitten. Von den lockenden Klängen befeuert, blieb niemand mehr still stehen. Selbst unser Fotograf und meine Wenigkeit konnten sich der Wirkung dieser Musik nicht entziehen. Von jetzt ab sollte das Motto "Let's dance" die Masse in Bewegung halten.

Gekonnt, aber das ist immerhin auch sein Beruf, mixte Kalkbrenner seine Tracks und Snippets. Beinahe ohne Unterbrechung bahnten sich die Stücke ihren Weg in Ohren und Gliedmaßen aller Anwesenden. Fritz Kalkbrenner sprach sein Publikum einige Male persönlich an. Er begrüßte die Bremer, und lobte sie dafür, dass bei ihnen mehr los sei, als mitunter auf der Reeperbahn. Das hörte man gerne und feierte umso begeisterter weiter.

Perfekte Lightshow

Mal abgesehen von den eher spartanisch wirkenden Bühnenaufbauten, glänzte die Show durch fantastische Lichteffekte. An der Bühnenrückwand hatten Techniker zuvor einige Projektionsflächen installiert, auf die passend zu den einzelnen Stücken Farb- und Bilddarstellungen projiziert wurden. Manchmal streng grafisch und manchmal verspielt und opulent, aber immer sehr gut abgestimmt auf den jeweiligen Track, sorgten diese für staunende Gesichter. Besser kann auch die professionellste Großraumdisco eine Tanznacht nicht untermalen.

Lichtdome, Stroboskopeffekte und Nebelschwaden zählten dabei eher zum Standard, machten mit den übrigen Gimmicks das Bild aber erst perfekt. Egal ob man "Last Call", "Kings In Exile", "Layer Cake" oder "Right In The Dark" zu hören bekam, die Faszination lag in der Art wie Kalkbrenner diese Stücke ineinander verwob. Bedenkt man, dass alleine sein Showteil mehr als zweieinhalb Stunden dauerte, blieb noch die Frage der nötigen Kondition auf beiden Seiten zu klären. Irgendwie ging jedoch niemandem die Puste aus, was größtenteils an der ausgefeilten Choreografie des DJs gelegen haben dürfte.

Perpetuum Mobile

Einmal angestoßen, geriet die Menschenmasse am Freitagabend nicht eher ins Stocken, bis die finale Note von der Bühne erklang. Darin mag ein Großteil des Könnens von Fritz Kalkbrenner liegen, dass er seine Musik sowohl mit Höhen und Tiefen, als auch mit Druck oder Gelassenheit ausstattet. Der Grundrhythmus blieb relativ konstant und erzeugte dadurch ein Gefühl davon in Trance geraten zu sein. Die Musik lebte auf einer anderen Ebene verschiedene Stadien aus. Mitunter schwebte sie, dann trieben die Bässe tief aus dem Untergrund kommend, neu an, bis der Beat so richtig stampfte und ein erneuter Ruck durch sämtliche Körper ging. Immer und immer wieder funktionierte dieser Trick am Freitagabend und zapfte die Energiereserven der Fans an.

Reichlich Zugabe

Kurz vor 23:00 Uhr kündigte der Mann an den Reglern das Finale an und verabschiedete sich kurz, bevor er für eine Zugabe erneut hinter das Pult zurück kehrte. Während bei anderen Künstlern, nach wenigen Minuten endgültig der Vorhang fällt, bedeutete die Zugabe bei Fritz Kalkbrenner fast ein zweites Mini-Konzert. Insgesamt bestand dies aus drei Stücken: nämlich "Sideways And Avenues", "Collage“ und  dem bekannten "Sky And Sand", welches er mit seinem Bruder Paul Kalkbrenner 2009 gemeinsam geschrieben hatte.

Eine gute halbe Stunde später war endgültig Schluss mit der Party und das allerletzte "Dankeschön" ging an die Zuschauer. In dieser Nacht dürften Bremens Wasservorräte noch ordentlich reduziert worden sein. Wohin das Auge blickte, gab es verschwitzte, aber glückliche Gesichter. Nach so vielen Tanzstunden war auch das letzte T-Shirt nass und eine erfrischende Dusche vor dem Zubettgehen dürfte für viele sicher ein Grundbedürfnis gewesen sein. Sollte Fritz Kalkbrenner irgendwann wieder in unsere Norddeutsche Tiefebene kommen wollen, das Pier2 wird bestimmt wieder genauso schnell ausverkauft sein.

 



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