SOHN - Rennen
erhältlich ab
13.01.2017
Genre
  • House/Techno
  • Electronica
Label
4AD
Vertrieb
Rough Trade
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Zieleinlauf ohne Jubel

Christopher Taylor, der sich als Künstler das Pseudonym Sohn verpasste, gilt als musikalischer Nachkomme von Post-Dubstep-Poeten wie James Blake und Indie-Minimalisten wie Bon Iver. Und natürlich ist er einer der Soundcloud-Söhne, die durch Electronica-Remixe auf sich aufmerksam machten, nur, um kurze Zeit später Weltruhm zu erlangen. Auffallen mag er auch mit einem weiterreichenden künstlerischen Konzept: Sein zweites Album "Rennen" etwa soll den Zustand nach einer harten Lauftrainingseinheit umreißen. Und tatsächlich: Völlige körperliche und psychische Erschöpfung ertönt darauf.

Natürlich beschäftigt sich Sohn inhaltlich nicht wirklich mit seinen sportlichen Ambitionen. Und manchmal ist bei all der Langsamkeit die Musik auf "Rennen" auch mal so tosend wie ein kurzer, auslaugender Sprint. Verantwortlich dafür sind die wenigen UK-Bass-Elemente, die der Ex-Londoner einstreut und die sich House annähern. Sie bleiben Einzelgänger unter den immer mit Electronica unterlegten Tracks, die nicht nach elektronischer Verzerrung klingen wollen. Denn das Album wirkt durch und durch organisch. Obwohl die Klänge mit Computersoftware eingespielt und verfremdet wurden, strahlen sie Natürlichkeit aus.

Sohns Gedanken äußern sich wirr in dieser Scheinnatur. Die Beats wirken dann abgehackt, erinnern mal an Ambientstücke, bestehen später nur aus einem einzelnen verlorenen Piano-Loop, der unter Sohns Stimme erstickt. Entrücktes Rumpeln, verrücktes Rauschen: "Rennen" ist auch der Soundtrack einer Anderswelt, in die sich jeder flüchten kann, der mit der Realität nicht zurechtkommt. Vor allem aber scheint es ein Fluchtort für Sohn selbst zu sein.

Die klaren Momente, die Verlust und die das Verlassen des aktuellen Systems thematisieren, sind immer dann auszumachen, wenn Sohn singt - mal tief, verhangen, mal mit unschlagbarer Falsett-Stimme wie auf dem Titelfrack "Rennen". Und irgendwann transzendiert alles zu einem melancholischen Fiebertraum. Für "Proof" sampelte Sohn seine eigene Stimme und sogar seinen Atem, der einem Röcheln gleichkommt, und drängt das Ganze mit seinem Gesang in den Hintergrund. Ein Kampf gegen die eigenen Ängste, dem jeder beiwohnen kann.

Aus den Instrumentals von "Rennen" spricht Paranoia, während der Gesang Mut und Angst vereint. Sohn gibt sich nahbar, und das macht ihn so interessant. Sein Album ist so uneingeschränkt ehrlich, dass Mitgefühl provoziert wird. Obwohl nicht alles naheliegend ist auf diesem traurigen Stück Musik, das es so gut schafft, sich dem peinlichen Pathos der pubertären Pseudo-Melancholie zu entziehen.

Johann Voigt
teleschau | der mediendienst

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