R.E.M. - Green - 25th Anniversary Deluxe Edition
erhältlich ab
17.05.2013
Genre
  • Rock/Pop
  • Rock
Label
Rhino
Vertrieb
Warner
Laufzeit
02:00:23
Redaktion
Eure Bewertung

Nicht wegweisend

Grün wie Dollarscheine. Eine unbedachte Äußerung von R.E.M.-Bassist Mike Mills? Oder doch ein ironischer Kommentar zu den damals kursierenden Ausverkaufsvorwürfen? Das Quartett aus Athens, Georgia, hatte gerade einen neuen Plattenvertrag unterzeichnet, legte mit "Green" 1988 sein erstes Album beim Majorlabel Warner vor. Die Befürchtungen, dass die unangepassten, kultisch verehrten Underground-Ikonen R.E.M. fortan für ihren Erfolg den Weg des geringsten Widerstands gehen würden, wurden aber schnell zerstreut. "Green", das nun in einer "25th Anniversary Deluxe Edition" als Doppel-CD erscheint, ist vielleicht das irritierendste R.E.M.-Album überhaupt.

Wobei: Der Label-Wechsel machte sich durchaus bezahlt. "Green" wurde zum bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreichsten Album der Band und markierte R.E.M.s kommerziellen Durchbruch in Europa. Mit "Stand", der ersten Singleauskopplung, landete das Quartett seinen zweiten US-Top-Ten-Hit. Einen so - fast schon unverschämt - eingängigen Jangle-Pop-Song hatte man von R.E.M. zuvor noch nie gehört. Und machte sich Michael Stipe mit Textzeilen wie "If you are confused / Check with the sun / Carry a compass / To help you along" vielleicht sogar ein wenig über die ihm vielfach zugedachte Rolle als moralischer Wegweiser, als Sprachrohr eines eher linksliberalen Underground-Milieus lustig?

An R.E.M.s Meinungsstärke und ihren politischen Motiven musste jedoch niemand ernsthaft zweifeln. So erschien "Green" einen Tag vor den US-Wahlen, mit der "grünen", konsum- und regierungskritischen Botschaft des Albums wollte man eine Präsidentschaft von George Bush senior verhindern. Auch wenn dieses Vorhaben bekanntlich scheiterte: Mit "Green" spielten R.E.M. sich frei - von den Heilserwartungen einiger Fans, aber auch von selbst auferlegten Zwängen. Die Band experimentierte, tauschte erstmals Instrumente (bei "Hairshirt" etwa ist nicht Gitarrist Peter Buck, sondern Drummer Bill Berry an der Mandoline zu hören) und integrierte mit Akkordeon, Mandoline, Lapsteel-Gitarre und Cello neue Klangfarben in ihren Sound. Vor den Aufnahmen hatte Sänger Michael Stipe angeblich die Losung ausgegeben, dass man "keine typischen R.E.M.-Songs" schreiben solle.

Folglich irritierte die musikalische Bandbreite auf "Green": R.E.M. präsentierten verwirrend leichtfüßige Pop-Nummern wie "Pop Song 89" und "Get Up", aber mit "Orange Crush" auch einen düster rockenden Anti-Kriegssong. Der zuvor oft enigmatisch textende Stipe ließ im selbstzweifelnden "World Leader Pretend" (zudem der erste R.E.M.-Song, dessen Text im Booklet abgedruckt wurde) zu Piano und twangenden Gitarren tief in sein Seelenleben blicken. Mit der anrührenden Mandolinen-Ballade "You Are The Everything" schrieb der Sänger zudem das wohl erste zutiefst ehrliche Liebeslied der Bandgeschichte. Aufgefüllt wurde "Green" mit Folk-Seltsamkeiten wie "The Wrong Child" oder "Hairshirt".

So bietet "Green" bis heute ein etwas zwiespältiges Bild. Es ist sicher nicht R.E.M.s bestes Album, aber eines, das die Eigenwilligkeit und Standhaftigkeit der Band aufs Schönste verdeutlicht. In der schön aufgemachten Neuauflage gibt's einen unveröffentlichten Audio-Live-Mitschnitt der 1989er-Welttournee auf einer zweiten CD obendrauf, dazu enthält die Pappbox Fotos und ein Poster sowie ein Booklet mit erklärenden Liner Notes von "Uncut"-Redakteur Allan Jones. Ob dieses Zusatzmaterial es wert ist, für "Green" (erneut) einige Scheine hinzulegen, muss jeder selbst entscheiden.

Stefan Weber
teleschau | der mediendienst

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