Locas in Love - Kalender
erhältlich ab
20.11.2015
Genre
  • Rock/Pop
  • Folk-Pop
Label
Staatsakt
Vertrieb
Universal Music
Laufzeit
00:48:18
Redaktion
Eure Bewertung

Doppelalben als Geburtshelfer

Streng genommen ist "Kalender" schon die dritte Platte, die das Kölner Quartett Locas In Love in diesem Jahr veröffentlicht. Gut, das Doppelalbum "Use Your Illusion 3&4", gerade mal vor einem dreiviertel Jahr erschienen, hatte einen langen, verkopften und finanziell ruinösen Produktionsweg hinter sich zu bringen. Am Ende erblickte es als Zwilling mit einer regulären und einer instrumentalen Seite das Licht der Welt. Aber schon während dieser langen Entstehungsphase hat die Platte selbst neue Songs erweckt, die nun auf diesem frischen Album ihren Platz gefunden haben. "Kalender" kommt mit zwölf Stücken (eines für jeden Monat) daher und enthält tatsächlich auch einen passenden Kalender mit dreizehn Motiven, entworfen von Bassistin und Sängerin Stefanie Schrank - im LP-, beziehungsweise CD-Format.

Musikalisch änderte sich in den wenigen Monaten nicht viel. Souverän pendeln die Kölner um Björn Sonnenberg und Jan Niklas Jansen zwischen unkonventionellen Pop-Entwürfen mit charmanten Texten und ausgearbeiteten Klangflächen, die sich Spoken-Word-artig eindeutig hinter dem Text positionieren, wie etwa bei "All meine Großeltern". Gerade aus dieser Mischung von spontanem Klangexperiment und dem souveränen Wissen über die Mechanismen der Popmusik formt die Band detailliert ausgearbeitete wie dezent-provokante Songperlen.

"Ultraweiß" fällt da als fröhlich-harmlose Gitarrenschrammel-Ballade in ein weiches Bett aus besten US-Indie-Zitaten der 1990-er, während "Gebet" am anderen Ende des Interessenhorizonts bei Tocotronic aneckt. Dazu liefern die Locas auch noch ganz unzweideutige Popsongs wie "Alphabet" oder "Ich werde ein Lied für alle schreiben", deren vermeintliche Naivität wohl nicht der Ignoranz, sondern viel eher der kalkulierten Versöhnlichkeit zuzuschreiben ist.

Und genau in diesem Spiel zwischen den Extremen, mit all den unfertigen und naiven, detailversessenen wie träumerischen Eingebungen, die die Songs von Locas In Love prägen, liegt die Einzigartigkeit dieser Band. Mit dem nunmehr siebten Studioalbum sind die Locas erwachsen geworden. Die raue Kante an der ein oder anderen Strophe, die gelegentliche Disharmonie im Chorgesang ist nicht auf Unvermögen, sondern auf künstlerische Notwendigkeit zurückzuführen.

Es sind zwölf Songs geworden, die den Status Quo der deutschen Poplandschaft abbilden und distanziert karikieren, gleichzeitig mit vertrauten wie neuen Inhalten am Puls der Zeit hängen, um danach wieder völlig unprätentiös private Beobachtungen auszuplaudern. Hinter der vermeintlichen Leichtigkeit, dem Unfertigen, steckt viel Arbeit und ein großer Anspruch, der das Ziel der perfekten Pop-Platte schon längst weit hinter sich gelassen hat.

Klaas Tigchelaar
teleschau | der mediendienst

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