Antilopen Gang - Anarchie und Alltag
erhältlich ab
20.01.2017
Genre
  • Hip Hop/Rap
  • Rap / Punk
Label
JKP
Vertrieb
Warner
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Deutschland weg, Pizza her

Die Antilopen Gang ist ein Phänomen, wie es nur die alles vereinnahmende Kulturindustrie hervorbringen kann: Typen, die eigentlich aus linken Punk-Zusammenhängen stammen, tun sich zusammen, rappen gegen Deutschland und Kapitalismus, werden als Re-Politisierung des gescholtenen Deutschraps gehypt und finden sich plötzlich in den Charts wieder. Mitgröl-Hymnen wie "Fick die Uni" (2009) trugen dazu ebenso bei wie der tragische Suizid von Bandmitglied NMZS vor vier Jahren und dessen mediale Ausschlachtung. Folgerichtig widmet sich das Trio aus NRW auf dem dritten regulären Langspieler "Anarchie und Alltag" gewohnt selbstreflektiert und ironisch dem eigenen Erfolg. Die linke Inszenierung hat nach wie vor weniger mit HipHop, dafür umso mehr mit Politik und Party, mit Pop und Punk zu tun. Das beweist auch das eigentliche Highlight - ein zeitgleich erscheinendes Bonusalbum.

"Scheiße wird zu Gold / Wir können machen was wir möchten / Denn wir gelten für die Medien als moralisches Gewissen": Gleich im ersten Song "Trojanisches Pferd", zugleich einer der besten Tracks des Albums, lassen die Antilopen ihren überwältigenden Aufstieg der letzten Jahre süffisant Revue passieren. Radikale Linke im Zentrum der Bestie - so sehen sich Danger Dan, Koljah und Panik Panzer gern. Aber wie schon auf den Vorgängeralben wissen die Kids aus gutem Hause um ihren Status: Weiße antideutsche Studis, die vom Untergrund reden und der "Tagesschau" Interviews geben? Diese Ambivalenz kann man nur ironisch brechen: "Ein dummer Trick: Erst machst du auf Hundeblick, dann forderst du die Abschaffung der Bundesrepublik".

So geht es auch weiter auf der fetten Über-Party-Hymne "Pizza": "Jeder Revolutionär braucht nur Pizza und Gewehr" - jetzt schon ein Mitsing-Klassiker und unglaublich albern - genau wie auch das überaus langweilige "RAF-Rentner". Derlei Qualitätsunterschiede prägen auch die ernsteren Stücke: Da kontrastieren sich Zeilen wie "Du gilst als gesund, wenn du nicht daran verzweifelst" im klugen Anti-Psychiatrie-Hammer "Patientenkollektiv" mit lahmer Küchenpsychologie à la "Auf ein Tief folgt ein Hoch, aber umgekehrt auch".

Dass die Antilopen Gang abseits des Mainstream-Hypes im deutschen Rap von vielen Seiten nicht sehr wohl gelitten ist, mag nicht nur am geneideten Erfolg liegen; nicht nur am radikalen politischen Gestus, der sich explizit gegen Männlichkeitswahn, Gangsta-Krampf, Kapitalisierung und sonstigen Unsinn der hiesigen Szene richtet. Sondern auch an der nicht zu verleugnenden Tatsache, dass die Antilopen in Sachen Rap-Style und -Flow anderen Künstlern fraglos unterlegen sind. Zu hölzern wirken die Rap-Parts, zu gestellt die Arrangements auch auf "Anarchie und Alltag" - eine Reminizenz natürlich an die Punk-Legenden Fehlfarben ("Monarchie und Alltag", 1980).

Denn denen stehen die Antilopen ohnehin näher. Das so genannte Rap-Game und all die überkommenen HipHop-Ideale werden von den Jungs mit Verachtung gestraft. Die Antilopen, so kann man sagen, machen politischen Punk-Pop für Party-People - vergleichbar eher mit Egotronic und Frittenbude als als mit Prinz Pi und Haftbefehl. Daher ist es nur konsequent, wenn die Punks Punks bleiben - zu Ende gedacht wird das nicht nur politisch, sondern auch musikalisch im Song "Baggersee", in dem sie standesgemäß eine "Atombombe auf Deutschland" fordern.

Jenes wohl beste Stück der Platte ist jedoch nur ein Vorgeschmack auf das gleichnamige Punkrock-Bonusalbum, mit dem die Antilopen ihr Release begleiten. Die Klassiker der Band werden darauf in herrlich scheppernden drei Akkorden neu interpretiert. Wer gemein sein will, denkt dabei leise: Macht doch damit weiter!

Maximilian Haase
teleschau | der mediendienst

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