Wyclef Jean - J'ouvert
erhältlich ab
03.02.2017
Genre
  • Hip Hop/Rap
  • Rap / Reggae / Soul
Label
Eone
Vertrieb
Membran
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Radikaler Optimismus

Wyclef Jean, das war mal einer der einflussreichsten Musiker des US-amerikanischen Pop und einer der Modernisierer des HipHop. Mit der Band Fugees (zusammen mit Lauryn Hill und Pras Michael) veröffentlichte er Mitte der 90-er zwei legendäre Rapalben voller Harmonie. Dann war Schluss. Jean arbeitete daraufhin als Produzent und Songwriter für die größten Stars der Stunde, für Destiny's Child, Shakira und Mick Jagger und veröffentlichte solo zwei Platinplatten - Grammy-Nominierungen inklusive. Wyclef Jean war ein Weltstar, vielleicht ist er das im Bewusstsein vieler sogar noch immer. Aber ein neues Release, so viel ist sicher, hat dieser Tage kaum jemand erwartet. Nach sieben Jahren Stille (ein Mixtape-Schnellschuss von 2013 nicht mit eingerechnet) veröffentlicht Wyclef Jean jetzt das Kurzalbum "J'ouvert".

Dass Jean bei der jüngeren Generation aus Unwissenheit nicht sonderlich hoch im Kurs steht, wurde kürzlich erst offensichtlich: Ein erneuter Hype um ihn entwickelte sich nicht etwa durch seine neue Single, sondern durch einen nach dem Musiker benannten Track von Young Thug. Das ist einer der wirrsten aktuellen US-Rapper, der seiner Kehle die unglaublichsten Krächzlaute entlockt, sie dann mit Auto-Tune ins Absurde verzerrt und dazu gerne mal in Frauenkleidern auftritt. Er ist die totale Antithese zu vermeintlichen HipHop-Klischees.

Eine solche Antithese war Jean auch schon immer. Sein Ansatz, und das ist auch auf "J'ouvert" deutlich zu hören, ist seit jeher von Melodie geprägt. Dunkles, aggressives Umstürzlertum und bellende Beleidigungen als Antwort auf Ausgrenzung, die gibt es im Jean-Kosmos selten. Er formuliert seine Thesen optimistischer, will nicht zerstören, um voranzukommen, sondern vermitteln. Denn: "Macht kaputt, was euch kaputt macht", das hat selten funktioniert. 2010 wollte er sogar Präsident seines Heimatlandes Haiti werden.

Jean scheiterte damals bereits an Bewerbungsformalien für das Amt. Hört man nun jedoch "J'ouvert", entsteht durchaus das Gefühl, er hätte den Krisenstaat wirklich voranbringen können. Denn auch wenn derzeit angeblich keiner mehr Utopien entwickelt, Wyclef Jean hat sie gepachtet. Sein Ansatz: Diplomatie und Gleichberechtigung. Und auf "Lady Haiti" beschwört er dann sogar furchtbar kitschig, aber gerade deswegen so schön seine Liebe zur Heimat herauf.

Ohnehin ist Jean ein sinnlicher Mensch. Die Liebe steht im Vordergrund, der Optimismus dominiert. Während Kendrick Lamar und A Tribe Called Quest ihre Statements gegen Rassismus und für schwarze Selbstermächtigung zuletzt radikal formulierten, fordert Jean auf "Life Matters" schlicht Gleichheit für alle. "J'ouvert" will Brücken bauen, so viel ist sicher. Die entstehen auch durch friedfertige Dancehall-Riddims und die leisen Zitate aus dem aktuell äußerst schlagkräftigen Afro-Pop um Leute wie Wizkid und Davido. Diese Referenzen verdichten sich zu einem melodiösen Sirup, süßlich wie klebrige Bonbons und knallbunt gefärbt, ohne allerdings exzentrisch zu wirken.

Diese absolute Zugänglichkeit, die ausproduzierten Pop-Tunes und die rosarote Brille: All das wirkt bei Wyclef Jean nicht abstoßend, sondern authentisch. "J'ouvert" ist tatsächlich eine Platte von jemandem, der an das Gute glaubt, ohne sich den Missständen zu entziehen. Jean bringt Antipessimismus, das ist wichtig. Und am Ende kommt sogar Young Thug als Gast vorbei. Es gibt keinen Neid auf dessen Erfolg. Es gibt Frieden.

Johann Voigt
teleschau | der mediendienst

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