Silbermond - Leichtes Gepäck
erhältlich ab
27.11.2015
Genre
  • Rock/Pop
  • Deutschrock
Label
Verschwende deine Zeit/Sony Music Domestic
Vertrieb
Sony
Laufzeit
00:47:53
Redaktion
Eure Bewertung

Ein halber Neuanfang

"Das Eis ist dünn, ich geh' aufs Eis" singt Stefanie Kloß, das "girl next door" im deutschen Popzirkus. Es ist eine starke und programmatische Zeile, die "Leichtes Gepäck" eröffnet. 2004 brachten Silbermond ihr erstes Album "Verschwende deine Zeit" heraus. Danach hat die ehemalige Schülerband ein deutsches Popmärchen geschrieben. Trotzdem, das erzählen Silbermond in Interviews, hätte man sich zuletzt fast getrennt. Weil Gemeinsamkeiten und musikalisches Feuer zwischenzeitlich erloschen schienen. Mit dem fünften Werk versucht man nun einen Neuanfang. Vom langjährigen Produzenten trennte man sich, experimentierte mit neuen Stilen und fand vor allem in Sachen Text zu einer erstaunlichen Tiefe. Dass man diese nach den ersten drei, sehr starken Liedern wieder verloren hat, ist ziemlich schade. "Leichtes Gepäck" hätte ansonsten ein Meisterwerk des deutschen Mainstream-Pop werden können.

In den ersten elf Minuten dieses Albums hat Stefanie Kloß eine ganze Menge zu sagen. Beispielsweise im Opener "Intro (Die Mutigen)" über die eigentlich alternativlose Strategie des Muts im Leben. Es wird schnell klar, auf diesem Album geht es um Aufbrüche. Und die gelingen mit "Leichtem Gepäck" - Song zwei und einer der besten deutschen Radiohits seit langem - nun mal besser als mit einem schweren Rucksack: "Es ist wenig was du wirklich brauchst / Also nimmst du den Ballast / und schmeißt ihn weg / Denn es lebt sich besser / so viel besser / mit leichtem Gepäck". Kluge Lyrik in runder Metrik, das Ganze hinter treibenden Gitarrenwänden und schönen Pop-Chören: das klingt wirklich erhebend und ist einfach stark. Fast wähnt man sich in der Kunstklasse eines Bruce Springsteen, der in einer perfekten Synthese aus Wortkunst, klarer Ansprache und enervierendem Rock die Charts der 70-er und 80-er Jahre rockte - zumindest in den USA.

Und wenn als dritter Song "B 96" folgt, ein wunderschön melancholischer Heimatsong, der mit zum Stärksten gehört, was man aus dem Munde der "Voice of Germany"-Jurorin Stefanie Kloß bislang hörte, scheint man sich auf etwas unerwartet Großes freuen zu dürfen. Leider verwelkt der Traum vom Seele berührenden Mainstream-Meisterwerk nach diesen drei Highlights mit jedem Track ein bisschen mehr. Es folgt: "Indigo", ein recht platter Powerrocker mit viel "Oh-Oh-Oh". "Das Leichteste der Welt" ist eine nette Ballade aus dem Munde einer Liebesenttäuschten, die das Gefälle zwischen dem inzwischen wieder glücklichen Ex-Partner und der eigenen Depression beklagt. Ein Scheißgefühl zweifelsohne und mindestens tausend Tränen tief, aber eben in dieser Ausführung ohne musikalische Finesse oder überlebensgroße Textbilder.

In "Heute hab ich Zeit" bewegt sich Kloß auf dem für sie ungewohnten Feld des Sprechgesangs. In der kitschangstfreien Ausführung und ambitionierten Zeitgeistlyrik (Entschleunigung jetzt!) erinnert der Song an alte Thomas-D.-Werke. Es folgen eins, zwei Werke mit introspektivem Hymnenrock ("Lass Mal", "Tief in die Nacht") und es kommen natürlich noch klassische Balladen ("Allzu menschlich"). Die konnten Silbermond schon immer gut. Mit "Zeit zu tanzen", einer im alten U2-Stil produzierten Power-Ballade mit flirrenden Hypnosegitarren endet "Leichtes Gepäck" nach 48 Minuten noch einmal auf erhöhtem Niveau. Der Emo-Pop der Bautzener hat sich in der Tat ein Stück weit neu erfunden, er ist stilistischer vielseitiger geworden, spielt mehr als früher mit musikalischen Formen und Sprache.

Silbermond, mittlerweile ist man Anfang 30, sind reifer und anspruchsvoller geworden. Dass es zum Quantensprung, den die ersten Songs versprechen, auf Strecke nicht ganz reicht, ist bedauerlich. Doch man sollte diese durchaus begabte Band nicht aufgeben. So viele Ohrwürmer wie das sächsische Quartett muss man erst mal schreiben. Mit dem neuen, leichten Gepäck könnte die phantastische Erfolgsstory von Silbermond durchaus noch lange weitergehen.

Eric Leimann
teleschau | der mediendienst

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