Saltatio Mortis - Zirkus Zeitgeist
erhältlich ab
14.08.2015
Genre
  • Rock/Pop
  • Mittelalter-Rock
Label
We Love Music
Vertrieb
Universal
Laufzeit
00:54:17
Redaktion
Eure Bewertung

Spielmänner ohne Scheu

Die mittelalterlich gefärbte Musikszene besteht schon lange nicht mehr nur aus ein paar Freaks, die sich lustige Namen geben. Die Abende damit verbringen, sich Kleidung und Instrumente zu basteln und per Mittelaltermarkt regelmäßig der Realität den Rücken kehren. Der Schulterschluss mit der modernen Rockmusik ist mittlerweile längst Standard. Auch "Zirkus Zeitgeist" lebt im 21. Jahrhundert. Und bringt Saltatio Mortis ein weiteres Stückchen vorwärts.

Sie machen dort weiter, wo der Hitparaden-Spitzenreiter "Das schwarze IXI" (2013) endete. Aus dem kleinen Einmaleins wird eine Rechnung mit wenigen Unbekannten. Und all die Menschen, für die kommerzieller Erfolg einer Streichung aus der Liste der vertrauenswürdigen Bands gleichkommt, können direkt zu "Geradeaus" springen. Zu punkigem Mittelalterrock heißt es da: "Die Wurzeln haben wir vergessen, und sind schrecklich arrogant / Und um tatsächlich gut zu sein, sind wir leider zu bekannt." Angriff ist die beste Verteidigung.

Das Augenzwinkern weicht jedoch oft dem wirklich harten Tobak: Ein "Trinklied" wandelt sich trotz seines bierseligen Refrains in einen Abschiedssong vom Dämon Alkohol. "Augen zu" reiht Beispiele des alltäglichen Wegsehens aneinander: Mit einer gewagten, aber geschickt integrierten Anspielung auf das Horst-Wessel-Lied ("Die Augen zu, die Lider fest geschlossen / Weiter so, mit dummdreist festem Schritt.") wird die Truppe um Anführer Alea der Bescheidene für Aufruhr sorgen. Wenn darüber hinaus mit Konsumkritik ("Willkommen in der Weihnachtszeit") und WM-Vaterlandsfragen ("Wir sind Papst") Themen in die Manege stürmen, die im Hochsommer 2015 Welten entfernt scheinen, dann wirkt das gesellschaftliche Spiegelzelt im "Zirkus Zeitgeist" sehr groß aufgezogen.

Umso wichtiger, dass es einen "Rattenfänger" gibt, der sich für Ska begeistern kann. Oder "Erinnerung", schlicht eine wunderschöne Rockballade. Überhaupt: Das Mittelalter ist wenig mehr als ein Schonbezug über dem ledernen Rocksessel. Pittoreske Bilder und positive "Abschaltgedanken" geraten in den Hintergrund. Im Zirkus wird gegen die Haltung der Kirche, gegen kompromisslosen Kommerz und Kriege gewettert. Und der Clown? Wird gesucht, im ersten Song, übrigens einem der besten der Platte. "Wo sind die Clowns? Wo sind die Narren? Wer hat das Lachen abgestellt?" Berechtigte Fragen, die Saltatio Mortis als altgediente Spielleute bei aller Hochachtung nie aus den Augen verlieren sollten.

Alexander Diehl
teleschau | der mediendienst

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