Marteria - Roswell
erhältlich ab
26.05.2017
Genre
  • Hip Hop/Rap
  • Rap
Label
Green Berlin / Four Music
Vertrieb
Sony
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Angriff oder Verbrüderung?

Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist auch nicht Superman. Dort aus den Wolken fällt Rapper Marteria auf uns hinab. Allerdings: So weit von einem menschlichen Superhelden ist der Rostocker, der auf den Namen Marten Laciny hört, nun wirklich nicht entfernt. Nachdem er auf dem Sprung zum Profifußballer war und eine Zeitlang gemodelt hatte, gehört er mittlerweile zu den beliebtesten Musikern Deutschlands. Nun also die Verwandlung zum Alien für sein neues Album "Roswell". Aber meint er es gut mit uns oder kommt das vierte Marteria-Album etwa mit feindlichen Absichten?

Erst einmal beginnt alles mit einem düstereren Auftritt mit mystischen Synthesizern und knackenden Drums, die draußen in der Nacht lauern. Fast ein bisschen bedrohlich wirkt der gute Marteria da, doch dann nähert er sich uns an. Die erste Skepsis weicht der ersten Hitsingle "Aliens" mit Teutilla alias Arnim von Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks. Ein Song, der beiden gut steht, und den man nach dem zweiten Mal hören schon mitsingen kann, ohne dass er flach wirkt. Wenn ein erster Kontakt so klingt, können wir mit den kosmischen Besuchern gleich eine Runde kicken gehen. Doch dann das erste Missverständnis: Was konzepttreu als "Scotty beam mich hoch" um die Ecke kommt, geht im Refrain ordentlich auf die Nerven. Eine Melodie wie aus einem Kinderlied und eine Aneinanderreihung banaler Reime sind der unangenehme Höhepunkt von "Roswell". Aber Marteria wehrt sich.

In "El Presidente" gibt es antithetisch aufgebaute Sozialkritik und auch das Produzententeam The Krauts wagt hier ein Experiment, das nach Rum aus Havanna riecht. Ansonsten gibt es musikalisch keine großen Wagnisse; zurückgelehnte Beats treffen auf melodische Refrains. Spätestens jetzt ist alles geerdet, und so wird das Konzept über den Rest des Albums weniger dogmatisch ernst genommen. Da wird Geld zum Fenster rausgeschmissen, weil es um das gute Leben geht, da wird der Ausweg aus dem Rampenlicht gesucht, ohne sich zu quengelig zu beschweren, und in "Cadillac" klingt Marteria beinahe so wie auf dem unterschätzten 2006er-Debüt "Base Ventura".

Zum Ende hin ist von einem Alienabsturz schon gar nichts mehr zu spüren. Ganz menschlich sind die Erinnerungen von Marten Laciny in "Große Brüder". Über Zäune klettern und seine Grenzen kennenlernen - warme Gefühle aufsteigen lassen, aus den Füßen, über die Brust in den Kopf: In dieser Disziplin ist Marteria ungeschlagen. Wer ein großes Konzeptalbum erwartet hat, der wird sich über die voranschreitende Assimilation des Fremdlings auf Albumlänge wundern. Wer Hits wollte, der wird nach "Aliens" nichts Größeres mehr finden. Wer aber ein weiteres solides Marteria-Album im Sinn hatte, das einen die warmen Sommertage über begleitet, kann "Roswell" mit einer freundlichen Umarmung begrüßen. Die neue Platte ist das Gegenteil eines Fremden und kommt in guter Absicht.

Arne Lehrke
teleschau | der mediendienst

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