Marius Müller-Westernhagen - Alphatier
erhältlich ab
25.04.2014
Genre
  • Rock/Pop
  • Rock
Label
Kunstflug
Vertrieb
Sony
Laufzeit
00:55:12
Redaktion
Eure Bewertung

Das Leben, ein sinkendes Schiff

Nein, der aus dem Dunkel starrende, reifere Herr auf dem Cover ist nicht "Heisenberg", jenes böse Alter Ego des krebskranken Chemielehrers Walter White aus der US-Serie "Breaking Bad". Und doch könnte der breitkrempige Hut zum finsteren Blick diese Assoziation keimen lassen. Marius Müller-Westernhagen, der Typ auf dem Bild, hat sein 19. Studioalbum aufgenommen. Tatsächlich transportiert es eine gute Portion "Heisenberg" in seinen zwölf Liedern. Mit 65 voll auf Aggro - könnte man meinen, hätte man nur die ersten beiden Songs "Hereinspaziert, Hereinspaziert" und "Alphatier" gehört. Da shoutet, kehlt und rotzt der dünne Stadionrocker zu Klängen, die an das Frühwerk von Black Sabbath erinnern. Tief im Strudel des Rock liegen Zeilen wie "Gehirn ist nicht von Nöten, ich liebe deine flache Stirn". Von Altersmilde keine Spur.

Man muss sich schon konzentrieren, um in den bleischweren, wunderbar altmodischen Rock-Arragements die Worte des Sängers überhaupt verstehen zu können. Aber es funktioniert für den, der sich bemüht. Und ein wenig Mühe, die setzt der Mann, der sich nichts mehr beweisen muss und will, auf "Alphatier" einfach mal voraus.

Die Aufregung über sämtliche Flachwasser unserer Zeit setzt sich fort mit der Machostudie im Titelsong. Ein Bluesrock-Walk, der mit einer der besten deutschen Songzeilen des Jahres eröffnet: "Das Leben ist schwer - schwer, wie ein sinkendes Schiff." Nicht nur diese Textzeile macht klar: "Alphatier" ist ein Album der heulenden und schleppenden Gitarren und altersätzenden Botschaften. Und das steht ihm ausgesprochen gut.

Doch es gibt auch noch Westernhagen, den Klarsprecher. Der in prägnanten, künstlerisch kaum verklausulierten Zeilen universelle Botschaften verbreitet. Allein schon den Songtitel "Liebe (um der Freiheit Willen)" verbieten eigentliche sämtliche Coolness-Codes. Doch Westernhagen darf singen: "Brüder, Schwestern, verbrennt das ewige Gestern / Freiheit für alle Rassen, für alle Kulturen / Für die Medien, für die Kunst / Für die Junkies, für die Huren / Für die Lesben, für die Schwulen / Für die Frauen, für unsere Kinder."

Trotz oder gerade wegen solch größenwahnsinniger thematischer Bögen wurde Westernhagen in den 80-ern und 90-ern zum Dompteur der Massen. Man musste kein Intellektueller sein, um seine Texte zu verstehen. Doch gerade durch die theatralische Größe des Vortrags auf "Alphatier" erhalten seine Texte eine seltsame Wucht. Jene erklärt sich aber vielleicht auch damit, dass er das Album wie bereits den Vorgänger "Williamsburg" mit seiner aus exzellenten amerikanischen Studiomusikern bestehenden Band in New York live aufnahm. Musikalisch variiert das Album Rockriffs der späten 60-er und frühen 70-er. In den psychedelischen Momenten denkt man an "Sympathy For The Devil" ("Keine Macht"), mehr Boogie gibt es auf keinem Album außerhalb des Gesamtwerkes von Status Quo zu hören ("Clown", "Verzeih", "Was ich will bist du").

Daneben stehen schwere Liebes- und Introspektions-Elegien in eher verlangsamten Blues-Schemata wie "Liebeslied", "Herr" oder das hit- und Springsteen-verdächtige "Halt mich noch einmal". Dass Marius Müller-Westernhagen mit einer nahe am Schlager balancierenden Ballade "Wahre Liebe" schließt, ist nach dem beinharten Auftakt zwar irritierend, passt aber zur Devise eines reifen Mannes ohne Selbstbeschränkung.

Vor Kurzem gab Marius Müller-Westernhagen die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau Romney bekannt. Der 65-Jährige ist nun mit der 30 Jahre jüngeren Sängerin Lindiwe Suttle zusammen. Auch wenn man diese Boulevard-Meldung nicht näher beleuchten will - die ebenso euphorische wie schuldbeladene Energie eines Neuanfangs steckt ganz sicher drin in dieser vielleicht stärksten Westernhagen-Platte seit vielen, vielen Jahren.

Eric Leimann
teleschau | der mediendienst

Tracklist

Disc 1
Titel Unsere Songtexte
1 Hereinspaziert, hereinspaziert Hereinspaziert, hereinspaziert
2 Alphatier Alphatier
3 Liebe (um der Freiheit willen) Liebe (um der Freiheit willen)
4 Oh, Herr Oh, Herr
5 Clown Clown
6 Engel, ich weiss Engel, ich weiss
7 Verzeih' Verzeih'
8 Was ich will bist du Was ich will bist du
9 Liebeslied Liebeslied
10 Keine Macht Keine Macht
11 Halt mich noch einmal Halt mich noch einmal
12 Wahre Liebe Wahre Liebe

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