Lucinda Williams - The Ghosts Of Highway 20
erhältlich ab
22.01.2016
Genre
  • Rock/Pop
  • Americana / Folk
Label
Highway 20 Records
Vertrieb
Alive
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Staubgedanken

Lucinda Williams' letztes, im Herbst 2014 erschienenes Doppelalbum "Down Where The Spirit Meets The Bone" war ihr erstes beim eigenen Label Highway 20 Records. Damals verriet die Songwriter- und Dark-Country-Legende, die für ihre Plattenfirma namensgebende Straße führe durch all jene Orte im Süden der USA, in denen sie aufgewachsen sei: Jackson, Vicksburg und Macon. Jenen Geist des alten Südens spürt man auch auf dem Nachfolgewerk. Williams, die erst Ende der 90-er mit Mitte 40 den Durchbruch schaffte und damit sicherlich ein Unikum in der Musikbranche darstellt, ist längst eine Art Säulenheilige der Country- und Roots-Rock-Szene. Kritiker beinahe aller amerikanischen Medien knien förmlich vor der zierlichen Blondine mit dem gebrochenen Herzen nieder. Kein Wunder: Auch ihr zwölftes Album "The Ghosts Of Highway 20" zeigt, dass keine so verzweifelt düstere Leidens- und Liebesgeschichten schreiben und singen kann wie die mehrfache Grammy-Gewinnerin.

Auch das zwölfte Williams-Werk enthält wieder eine Menge in Musik übersetzten Leidensdruck, den man entweder mitfühlen und teilen möchte oder von dem man ziemlich genervt sein kann. Im letzteren Fall wird man aber wohl mit dem gesamten Williams-Kosmos wenig anfangen können.

Die vielleicht einprägsamste Zeile dieses Albums findet sich gleich in "Dust", dem Eröffnungssong von "The Ghosts of Highway 20". "Even Your Thoughts Are Dust" erzählt von einem Menschen, so getroffen, dass weder Tränen noch Trauer möglich sind. Über sechs Minuten und 20 Sekunden geht dieses Lamento und setzt die Stimmung für das gesamte Album.

"The Ghosts of Highway 20" ist ein Konzeptwerk. In zwölf der 14 Songs erzählt Williams Geschichten, die sie mit der Straße ihrer jungen Jahre verbindet. 2.470 Kilometer führt sie parallel zur Golfküste von Kent nach Florence durch die amerikanischen Südstaaten. Der Schwerpunkt ihrer Retroreise, sagt Williams, liege aber auf der Region Georgia und Texas.

Natürlich gibt es auf einem Williams-Album schöne Balladen wie "House Of Earth", "Place In My Heart" oder das fast schon sediert friedliche "Louisiana Story". Ein Schwergewicht liegt diesmal aber auf dem Genre des "Torch Songs". Lieder also, bei denen das Leid der Geschichte im Vortrag spürbar wird. Method Acting in der Musik sozusagen. "Death Came" ist so eine Geschichte, das fast 13 Minuten lange Abschlussstück "Faith & Grace" sowieso. Und auch das Bruce-Springsteen-Cover "Factory" reiht sich in diese Linie ein.

Eine große Stärke von Williams' neuen alten Highway-Geschichten sind die wunderschön klingenden Gitarren. Gespielt werden diese von Greg Leisz, bei der Jackson-Browne-Tour 2015 herausragend auf der Bühne, und dem immer noch magische Dinge an seinem Instrument vollführenden Bill Frisell. Val McCallum (Jackson Browne, Sheryl Crow) ist auf zwei Stücken als Gast zu hören.

"The Ghosts Of Highway 20" ist kein Album, mit dem sich Lucinda Williams neu erfindet. Es ist aber in jedem Fall ein starkes Werk für Freunde von edlen Südstaaten-Gitarrenlicks und dem immer aktuell bleibenden Blues-Kreuzweg der menschlichen Natur.

Eric Leimann
teleschau | der mediendienst

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