Johannes Oerding - Kreise
erhältlich ab
05.05.2017
Genre
  • Rock/Pop
  • Pop / Singer/Songwriter
Label
Columbia
Vertrieb
Sony
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Pro Frieden und gegen Tinder

Ja, Johannes Oerding gehört auch zu diesen "neuen deutschen Pop-Poeten", die Jan Böhmermann vor wenigen Wochen in die Mangel nahm. Verändert hat sich seit dem Rundumschlag gegen die deutsche Plattenindustrie freilich nichts. Böhmermann bespielt als Satiriker weiter ein Spartenpublikum, Oerding als "Singer/Songwriter" die großen Bühnen der Republik. Die Aufregung ist verpufft. Dabei hilft auch die Zerstreuungskraft von "Kreise", dem fünften Album des Ina-Müller-Lebensgefährten. Doch würde er sich gegen den ZDFneo-Mahner denn verteidigen wollen, hält Oerdings Platte tatsächlich ein paar Argumente parat.

Laut Böhmermann gehört zur aktuellen "Schlagerisierung" des deutschen Pop nämlich, dass Künstler wie Oerding "schön unpolitisch und abwaschbar" bleiben. Der Platinsänger hält dagegen: Mit "Weiße Tauben" packt er erstmals einen, wie er es selbst nennt, "politischen Song" auf einen seiner Langspieler. "Alles total normal, der Terror, Tod und die Tragik, wir wissen fast alles, doch haben nix kapiert / Haben wir vergessen, wer wir sind? Wo sind die weißen Tauben hin?" singt er. Natürlich positioniert sich der 35-Jährige damit nicht in tagespolitischen Diskussionen, bleibt mit seinem Anti-Kriegsethos breitenwirksam, gibt niemandem direkt die Schuld an der besungenen Misere. Doch immerhin.

Mit "Love Me Tinder" befindet sich auf der Platte zudem ein vom Bossa Nova angehauchtes Stück, das sich mit der titelgebenden Dating-App befasst. Zwar wird darin die medial längst durchgekaute Bindungsangst der Millenials als Grund für solcherlei "Verfehlungen" ausgemacht, auch fehlt es selbstredend nicht an einer tröstlichen Pointe am Ende. Doch vom immer gleichen, möglichst weltumspannenden und unkritischen Formatradio-Gesäusel kann auch hier nicht die Rede sein.

Allerdings hat Oerding durchaus einige Lieder eingesungen, auf die Böhmermanns Kritik ohne Vertun zutrifft. Allen voran arbeitet der Titeltrack, nicht von ungefähr die erste Single des Albums, genau nach den im "Neo Magazin Royale" vorgeführten Regeln. Sogar am obligatorischen "Hi-Yeah-Yeah-Yeah"-Ausruf im Refrain fehlt es nicht, und die besungenen Bilder funktionieren ohne viel Eigenarbeit im stressigen Berufsverkehr.

Wer sich aber über die Plattform Feierabendradio für Johannes Oerdings weiche und vielseitige Stimme begeistern kann, bekommt mit dem Album-Kauf beziehungsweise -Stream ein kleines bisschen mehr als bei so manch anderem: ein wenig Kneipenromantik, mit "So schön" ein ehrliches, weil direkt auf Ina Müller übertragbares Liebeslied und mit "Zieh dich aus" sogar mutigen Funk gegen deutschpoppigen Einheitsbrei.

Max Trompeter
teleschau | der mediendienst

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