Jason Collett - Reckon
erhältlich ab
02.11.2012
Genre
  • Rock/Pop
  • Singer/Songwriter
Label
Arts & Crafts
Vertrieb
Rough Trade
Laufzeit
01:22:22
Redaktion
Eure Bewertung

Bewegen, aber nicht besetzen

Prall gefüllt und doch unglaublich schlank: Songwriter Jason Collett präsentiert mit seiner nunmehr achten Solo-Veröffentlichung "Reckon" auch gleich die Bonus-CD "Essential Cuts", die sein bisheriges Schaffen umreißen soll. Die anklingende Zwischenbilanz wird auch auf dem Neuling vollzogen. Darauf subsumiert Torontos Lokalmatador Collett aber nicht sich, sondern die weltpolitische Finanzlage. Dabei schreitet er selbst sparsam voran.

Selten war sein Songwriting so auf den Punkt und sich selbst Aussage genug, gänzlich ohne prominent platzierte Unterstützung von Weggefährten wie Feist oder Mitgliedern seiner Supergroup Broken Social Scene. "Reckon" ist ein Heimspiel für Jason Colletts Stärken. Nach dem Vorgänger "Rat A Tat Tat" (2010) kehrt er von der Ideensammlung klassischer Rocksongs zurück auf seine traditionelleren Pfade des Singer-Songwritertums. Die sind nach wie vor von Bob Dylan inspiriert - Jason Collett, der Storyteller von Liebe und Leid. Zum deutlichen Takt wird immer wieder eine zarte Saite hinzugefügt und sehr auf die richtige Balance geachtet. Keine Gastsänger, keine kanonisierten Zeilen, nicht einmal die Refrains brauchen Wiederheit. Die Schlichtheit und das Selbstbewusstsein stehen ihm ausgesprochen gut. So weit, so gekonnt.

Neben dem erzählerischen Erbe Bob Dylans versucht Jason Collett sich aber auch an politischen Inhalten. Während die Aufnahmen zu "Reckon" begannen, erreichte in der New Yorker Wall Street eine andere Bewegung ihren Siedepunkt: Occupy. Jason Collett ist der Geist dieser Strömung alles andere als fremd. Auch sein Label "Arts & Crafts" folgt einer der statuierten Tugenden: Selber machen und an dem Prozess teilhaben, statt mit abstrakten Gütern zu handeln und dessen Wert aus den Augen zu verlieren. Die Protagonisten, in deren Rollen Jason Collett auf "Reckon" schlüpft, könnten eben aus dem Lager der Protestierenden stammen. Und trotzdem bilden sie ein sehr viel breiteres Spektrum ab, von tatkräftig und eigenmächtig ("I Wanna Rob A Bank") bis hin zu suizidal und ohnmächtig ("Talk Radio").

Die erzählerisch verschiedenen Blickwinkel klingen dabei immer nach dem einen Jason Collett - und Jähzorn gehört nicht zu dessen Repertoire. Sogar das mit Selbstjustiz liebäugelnde "I Wanna Rob A Bank" ist ironisch-beschwingt unterlegt, ein gewollt krasser Kontrast zum Text. Der zynische Umgang bewirkt aber eine Distanz zu den realen politischen Geschehnissen, die nicht ihm passen mag. Will der Kanadier den Bezug zu Occupy doch nicht oder nicht ganz oder nur wenig? Nirgendwo auf "Reckon" wird es laut, echte Wut bleibt aus und so der Zugang zu der realen Inspiration versperrt. Schade, denn wenn Jason Collett der Ausbruch gelänge, könnte er ein Sprachrohr sein, das weit über die noch immer sehr präsenten Themen von Herz und Schmerz hinaus funktioniert.

Katja Engelhardt
teleschau | der mediendienst

Tracklist

Disc 1
Titel Unsere Songtexte
1 Pacific Blue
2 Jasper Johns' Flag
3 King James Rag
4 Sailor Boy
5 Ask No Questions
6 You're Not the One and Only Lonely One
7 Miss Canada
8 Talk Radio
9 I Wanna Rob a Bank
10 Where Things Go Wrong
11 Song of the Silver-Haired Hippie
12 Black Diamond Girl
13 My Daddy Was a Rocknroller
14 Don't let the Truth Get to You
15 When the War Came Home
Disc 2
Titel Unsere Songtexte
1 Bitter Beauty
2 Blue Sky
3 We All Lose One Another
4 Hangover Days
5 I'll Be Bring the Sun
6 No Redemption Song
7 Charlyn, Angel of Kensington
8 Brother
9 Long May You Love
10 Love Is a Dirty Word
11 Every Night

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