Herbert Grönemeyer - Live in Bochum
erhältlich ab
25.11.2016
Genre
  • Rock/Pop
  • Deutschrock / Pop
Label
Grönland / Vertigo
Vertrieb
Universal
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Konsens und mehr

"Kennt ihr jemanden, der besser und klarer singt als ich?", fragt Herbert Grönemeyer sein Publikum - sein Bochumer Publikum, wohlgemerkt. Zwar mischen sich zwischen die Nein-Rufe durchaus auch ein paar Lacher. In der Heimatstadt des größten deutschen Sängers - und das freilich losgelöst von irgendwelchen messbaren Gesangskünsten - ist man sich trotzdem sicher: Besser ist keiner!

Für die im April 60 gewordene deutschsprachige Kulturinstitution dürfte der Auftritt "tief im Westen" ein Leichtes gewesen sein. Auf die leichte Schulter nahm er das Konzert im Juni 2015 deshalb aber nicht. "Live in Bochum" dokumentiert ein einwandfreies Live-Erlebnis mit einem engagierten, ehrlich begeisterten Herbert Grönemeyer, der wie immer auch mehr Themen parat hält als nur "Alkohol" und "Männer".

"Wunderschön", "Klasse" und natürlich immer wieder "Dankeschön" - Grönemeyer wird manchmal kaum fertig damit, seine Fans und Freunde halb brüllend, halb gurgelnd zu herzen. Diese werden sich auch von der Setlist umarmt gefühlt haben: Auch wenn die Tournee mit dem letzten Albumtitel "Dauernd Jetzt" überschrieben ist - ohne die Klassiker kommt sie natürlich nicht aus. "Bochum" wird gar zweimal angestimmt, beim ersten Mal mit gehörigem "Steigerlied"-Pathos als Einstimmung, das zweite Mal in einer gekürzten Klavier/Schifferklavier-Reprise-Version. "Flugzeuge im Bauch" überrascht musikalisch mit einem Zupf-Bass aus dem verrauchten Jazzclub und einem latino-angehauchten Gitarrensolo. Ein echter Hinhörer - begleitet natürlich vom Chor Tausender im prallgefüllten Revirpower-Stadion des heimischen Vereins für Leibesübungen.

Obwohl so manch jüngerer Liedtext Grönemeyers durchaus den Anspruch auf Tiefe besitzt, gilt seine Musik allein ob der Verkaufszahlen als Konsens. Das hält ihn noch lange nicht davon ab, ungemütliche Themen anzusprechen; Themen, die bei einem solchen Konzert unweigerlich ebenso auf Ohren treffen, die für die Meinung eines "Gutmenschen" wie Grönemeyer dieser Tage sonst keinen Empfang haben. So gedenkt er beim auf selbiger Tour in Berlin aufgenommenen Bonustrack "Roter Mond" den Menschen in den Flüchtlingsbooten: "Diese Menschen werden in den nächsten 20, 30, 40 Jahren noch unsere Hilfe brauchen. Das kann man nicht einfach abschließen und dann ist es vorbei", monologisiert er mit deutlicher Überzeugung in der Stimme.

Kurios bis beklemmend zu hören ist auch, dass Grönemeyer im Juni 2015 "die letzten zwei Jahre" beklagte, in denen "wir" immer weiter auseinanderdrifteten, immer verrückter wurden. 2016 und dessen Turbulenzen waren da noch lange nicht absehbar. Herbert Grönemeyer warnte - ein Heiland ist er deshalb natürlich (leider) noch lange nicht. Trotzdem: "Live in Bochum" erneuert nicht nur durch seine Ansprachen, sondern auch durch die Zwischentöne die Ansicht, dass Deutschlands erfolgreichster Popmusiker eine vereinende Kraft haben kann. Sein Wort hat Gewicht. Da ist es egal, wie wohlklingend und klar die dazugehörige Stimme ist.

Max Trompeter
teleschau | der mediendienst

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