Erasure - Snow Globe
erhältlich ab
08.11.2013
Genre
  • Rock/Pop
  • Weihnachts-Pop
Label
Mute
Vertrieb
GoodToGo
Laufzeit
00:44:47
Redaktion
Eure Bewertung

Ein anderes Weihnachten

Andy Bell, Schwulen-Ikone und extrovertierter Sänger der Synthie-Pop-Legenden Erasure, erinnert das Weihnachtsalbum des Duos an Kate Bushs "50 Words For Snow". Das ist erstaunlich. Wo der vor zwei Jahren erschienene, moderne Winterklassiker der englischen Musikzauberin auf fast schon fühlbare Art organisch ist - mit seinen verwehten Stimmen, Pianotupfern und hörbar gemachten Schneeflocken - sucht man derlei Soundscapes bei Bell und Synthie-Purist Vince Clarke vergeblich. Clarke, seit 1985 für das Klangbild von Erasure verantwortlich, schreibt seine Lieder zwar auf akustischen Instrumenten, ihre Umsetzung erfolgt jedoch unter dem strengen Diktat von Synthesizern und Sequenzern. Dass zu perlender Elektronik trotzdem ein Gefühl der Ruhe und spartanischen Besinnlichkeit aufkommen kann, erschließt sich während des Hörens von "Snow Globe" erst spät.

Bis zu "The Christmas Song", immerhin schon Track sieben, dauert es, bis man eine Idee davon erhält, was Andy Bell meint, wenn er sagt: "Unsere Arrangements waren schon immer sehr spartanisch. Die Melodie spielt immer die Hauptrolle. Ihr hat sich alles unterzuordnen. Auch das ist bei einem guten Weihnachtslied nicht anders." Tatsächlich entkleiden Clarke und Bell "The Christmas Song" bis auf ein dürres Gerippe aus langsam perlenden Synthie-Kaskaden, während sie für "White Christmas" (der vorletzte von 13 Tracks) einen fast durchgängigen Drone-Sound als Basis für den durchgenudelten Klassiker fanden. Da kommt dann tatsächlich so etwas wie Atmosphäre auf. Auch weil Andy Bells Fernsprecherstimme auf diesem wohl gelungensten Stück des Albums nach herrlich spooky klingt.

Abseits dieser kurzen Momente seltsamer Weihnachts-Subtilität klingen Erasure so oberflächenorientiert und diesseitig, wie es Kate Bush wohl auch nach stationärer Gehirnwäsche und einem Besuch der "European Business School" niemals schaffen würde. Für diesen Umstand sollte man Erasure, die auf diesem Album etwa zur Hälfte eigene weihnachtlich-winterliche Kompositionen versammelt haben, keineswegs kritisieren. Erasure sind so sehr archaischer Synthie-Pop und Schwulen-Disko wie Status Quo dem ewigen Boogie frönen. Ihren persönlichen Auftrag zur Genese von kristallklaren Ohrwürmern haben Clarke und Bell seit ihrem Gründungsjahr 1985 übererfüllt, das müssen andere erst einmal nachmachen.

Auch auf "Snow Globe" gibt es diese leicht klebrige Catchyness, etwa auf dem Opener "Bells Of Love" oder beim Synthie-Soul von "Make It Wonderful". Es sind eben typische Erasure-Songs - wenig Lieder, die weihnachtliche Gefühle ausdrücken. Und am Ende feiert natürlich jeder sein eigenes Fest - mit seinem eigenen Sound. Sollte "Snow Globe" abseits von Erasure-Fankreisen zum modernen Weihnachtsklassiker aufsteigen, wäre dies dennoch eine Überraschung.

Eric Leimann
teleschau | der mediendienst

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