Elbow - Little Fictions
erhältlich ab
03.02.2017
Genre
  • Rock/Pop
  • Indie/Alternative-Pop
Label
Polydor
Vertrieb
Polydor
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Hoch die Tassen!

Elbow gründeten sich 1990. Die Mitglieder der Alternative-Rock-Band aus Manchester spielen bereits seit Schulzeiten zusammen. Warum das erwähnenswert ist? Vor den Aufnahmen zu ihrem neuen Album "Little Fictions" verließ Schlagzeuger Richard Jupp die Band, in aller Freundschaft, um sich "anderen kreativen Projekten" zu widmen. Ein Einschnitt. Denn was geschieht mit einer eingespielten Gruppe von langjährigen Freunden, wenn ihr plötzlich das rhythmische Rückgrat, der Taktgeber fehlt? Wie ändert sich - in jeder Hinsicht - die Dynamik? Nun, Elbow begreifen und ergreifen die Chance, die in Jupps Ausstieg liegt, wie sich jetzt auf ihrem siebten Album zeigt.

Natürlich wirft die zum Quartett geschrumpfte Band musikalisch nun nicht alles über den Haufen - Anlass zu einer grundlegenden Neuausrichtung gibt es auch nicht. Mit ihrem letzten Longplayer "The Take Off And Landing Of Everything" (2014) toppten sie erstmals die britischen Charts; schon seit ihrem Debüt "Asleep In The Back" (2001) gelten Elbow als Kritikerlieblinge. Immer wieder begeisterten sie mit komplex arrangierten Rocksongs, schafften es (die eigene) Zerbrechlichkeit, Sentimentalität und Melancholie in mit- und hinreißende Hymnen zu packen. Was sie dabei von - oft in einem Atemzug genannten - Bands wie Coldplay und Radiohead unterschied: Sänger Guy Garvey und seine Mannen strahlten immer eine kumpelige Herzenswärme aus. Sie waren immer eine Band, mit der man sich im Pub um die Ecke betrinken wollte (und es wahrscheinlich auch konnte).

Um im Bild zu bleiben: Das Glas wäre dabei immer eher halb voll - und ist auf "Little Fictions" sogar noch gefüllter. Bei aller sanften Wehmut und unterschwelliger Wut (etwa wie in "K2" über den "Brexit") klingen Elbow lebensbejahender als je zuvor. Die Songs sind sparsamer, teilweise fast spartanisch arrangiert, der Sound einfacher und direkter als auf ihren letzten Alben. Wo die Band in der Vergangenheit - oder genauer seit ihrem größten Hit, dem von pathetischen Streichern begleiteten "One Day Like This" (2008) - manchmal haarscharf am Kitsch vorbeischrammte, setzt sie nun diese und ähnliche Gefühlsgeschmacksverstärker wohldosierter ein, wie etwa im Opener "Magnificent (She Says)".

Doch schon im zweiten Song des Albums, "Gentle Storm", zeigt sich die neue Dynamik der Band. Denn nach dem Weggang von Schlagzeuger Jupp setzten Elbow verstärkt auf Samples und Loops. In diesem Fall verleiht eine stoisch geschlagene Kuhglocke der eigentlich schlichten Pianoballade einen ungewöhnlichen Drive. Beim psychedelisch angehauchten "All Disco", das ein wenig an "Turn! Turn! Turn!" von den Byrds erinnert, geschieht eher das Gegenteil: Der einfach gehaltene, schleppende Beat verhindert, dass sich der Song zur allzu emotionalen Hymne aufschwingt; für das große Gefühl sorgt hier ein Chor schon zur Genüge.

Höhepunkt des Albums ist der achtminütige Titelsong: Hier lassen Elbow ihrer rhythmischen und klanglichen Experimentierfreude völlig freien Lauf. Am Ende steht Garveys Erkenntnis: "Love is the original miracle". Klingt kitschig? Vielleicht. Aber vielleicht es ist genau auch diese Naivität, das stets erneute Wundern über die Magie von Liebe und Freundschaft, die Elbow zusammenhält. Hoffentlich noch viele Jahre lang.

Stefan Weber
teleschau | der mediendienst

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