Birdy - Beautiful Lies
erhältlich ab
25.03.2016
Genre
  • Rock/Pop
  • Pop/ Indie-Folk
Label
Jasmine van den Bogaerde
Vertrieb
Warner Music
Laufzeit
Redaktion
Eure Bewertung

Vogel, falsch abgebogen

Das Album "Birdy", veröffentlicht im November 2011, war ein atemberaubendes Debüt. Zwar war das Konzept - ein blutjunges Mädchen singt mit engelsgleicher Stimme zu sparsamen Piano-Gänsehaut-Arrangements tolle Lieder anderer Leute - etwas durchschaubar. Dennoch war die Geschmackssicherheit in Sachen Songauswahl und Arrangements geradezu steinerweichend schön. Wer dieses Album doof fand hat wahrscheinlich noch nie im Leben einen Liebesbrief verfasst oder, was noch schlimmer ist, kann sich zumindest nicht mehr daran erinnern. Vier Jahre später muss man leider zugeben: Birdy ist mit ihren Powerballaden mittlerweile ein Mainstream-Radio-Act wie viele andere. Aus fast jedem Ton ihres neuen Albums "Beautiful Lies" tropft emotionales Kalkül.

Wahrscheinlich haben ohnehin nur kühne Optimisten und Dauerromantiker daran geglaubt, dass Jasmine van den Bogaerde, besser bekannt als Birdy, noch mal solche Gänsehautmomente wie "I'll Never Forget You", "Shelter", "Skinny Love" oder "People Help The People" zustande bringen würde. Alles eben geniale Songs anderer Songwriter, aber immerhin großartig und anders als im Original in Szene gesetzt. Eine bärenstarke Leistung der Künstlerin und des Produzententeams hinter der scheu abgelichteten Sanges-Lolita am Klavier.

Beim Nachfolgealbum "Fire Within'" (2013) wurde allerdings deutlich: Die eigenen Kompositionen des Projektes Birdy sollten zwar ebenfalls als groß gedachte, seelenvolle Balladen funktionieren, aber leider eben mit "herkömmlichen" Mitteln: Kompositionen von der Stange, Arrangements, die das Gefühl mit altgedienten Tricks evozieren und steigern - es war eine trotz aller Professionalität leider ziemlich durchschaubare Platte.

Selbige Ernüchterung gilt es nun auch mit dem dritten Album auszuhalten. Kurzzeitig gewinnt man mit den beiden Auftakt-Stücken "Growing Pains" und "Shadow" den Eindruck, Birdy orientiere sich mit ihrer Hochton-Akrobatik zu asiatisch angehauchten Tonleitern an der jungen Kate Bush, doch spätestens mit der Single "Keeping Your Head Up" ist man wieder bei der klassischen Power-Ballade angekommen: Chöre, Geigen und säuselnde Keyboardmeere zu tief wabernden Bässen. Natürlich ist Birdys Stimme immer noch die alte und man bleibt bei der Aussage: dieses Mädchen hat etwas ganz Besonderes in der Stimme.

Dennoch gewinnt der anspruchsvolle Hörer über die 18 Kompositionen (fast 74 Minuten!) dieser schwermütig-erhabenen Pop-Walze den Eindruck, jeden Track so oder so ähnlich schon mal beim Autofahren im Popradio gehört zu haben. Es klingt bitter, ist aber wohl wahr: Den Zauber ihrer auf den emotionalen Kern reduzierten tollen Songs von 2011 wird man wohl nie wieder hören. Manchmal passiert das Beste einfach verdammt früh im Leben.

Eric Leimann
teleschau | der mediendienst

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