Alligatoah - Musik ist keine Lösung
erhältlich ab
27.11.2015
Genre
  • Rock/Pop
  • Singer/Songwriter / Rap
Label
Trailerpark
Vertrieb
Groove Attack
Laufzeit
00:47:44
Redaktion
Eure Bewertung

Schauspiel-Rap trifft Billo-Rock

Ob man mit Alligatoah nun Drogen nehmen wolle oder nicht: An dieser Frage kam man im letzten Jahr schwer vorbei. Sein Hit "Willst du" lief ständig und überall und wurde schließlich von EDM-Jungchen Robin Schulz neu aufgelegt. Alligatoahs neues Album "Musik ist keine Lösung" wirft jetzt die komplizierteren Fragen auf. Etwa: Was läuft eigentlich schief in unserer Gesellschaft?

Seit neun Jahren macht der introvertierte Wahlberliner, der nur in seiner Kunst so richtig aufzutauen scheint, Musik. Dabei ist die Karriere des Rappers schon immer von einer selbst herbeigerufenen Schizophrenie geprägt: Unter seinem Namen vereint er den rappenden Kaliba69 und sein Produzenten-Alter-Ego DJ Deagle. Früher sang er über Terror und versteckte sich hinter Sturmhauben, heute verliert er sich in schauspielerischen Inszenierungen, die seine Musik und alles Drumherum an eine Theatershow erinnern lassen. Viel Klamauk ist dabei. Mit doppeltem Boden allerdings. Unter dem Parkett trifft man die dunklen Seiten der Persona Alligatoah und die dunklen Seiten der Gesellschaft. Er lächelt sie mit ironischer Überspitzung weg. Doch flaue Gefühle bleiben. Auch auf seinem vierten Album "Musik ist keine Lösung".

Eigentlich war Alligatoah immer ein Rapprojekt. Ursprünglich geprägt vom Berliner Battlerap der frühen Nullerjahre. Davon ist auf dem neuen Album wenig zu spüren. Alligatoah verzichtet immer mehr auf seine Ursprungsstärke und lässt jauligen, mehrstimmigen Gesang zur treibenden Kraft werden, der ein wenig nach einer abgehalfterten Version von Die Ärzte klingt. Dazu erinnern die Tracks mehr an lahme Rockstücke zum Mitklatschen, auf denen die Gitarren lieblos eingespielt wurden und die Drums lasch durchs Bild humpeln. Und irgendwann dann nerviger Sirenenrock, ironischerweise auf "Comeback des Jahres". Musik ist auf "Musik ist keine Lösung" definitiv nicht die Lösung aller Probleme. Dafür aber die Texte.

Es ist schade, dass sich Alligatoah auf instrumentaler Ebene so beliebig gibt, denn seine subtil verpackte Gesellschaftskritik spielt sich auf höchstem Niveau ab. Da wird auf "Lass liegen" in starken Bildern die Wegwerfmentalität der Wohlstandsgesellschaft kritisiert, die im Überschuss lebt und vor allem verschwendet und vermüllt. Der sich zusammenrottende Mob mit den wutverzerrten Gesichtern und den wirren Wahrheitstheorien wird dann mit einem Satz in seine kläglichen Ursprünge zerlegt, wenn Alligatoah auf "Hab ich recht" sagt: "Seitdem meine Frau mich verließ, ist mir klar, die Politik hat versagt". Zurück von der Demonstration gegen die "wahren" Probleme, verfallen sie im Privatversehen der Botox-B-Prominenz, die es noch mal wissen will. Auch in die kann sich Alligatoah hineinversetzen, wie kein anderer und beweist, dass die Bezeichnung Schauspiel-Rapper nicht von ungefähr kommt.

Wäre "Musik ist keine Lösung" nicht so unangenehm anstrengend, dann hätte es eines der besten musikalischen Spiegelbilder der aktuellen Gesellschaftslage werden können. So ist es leider der angenehmere Weg, sich an den Texten im Booklet zu erfreuen und die Musik einfach wegzulassen.

Johann Voigt
teleschau | der mediendienst

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