Wenn auf dem Geburtstags-Erdbeerkuchen kein Platz mehr für Erdbeeren ist, wird man nachdenklich.
Der meiner Meinung nach sehr weise Buchautor Wiglaf Droste hat sich einmal öffentlich gefragt, warum wir unseren Geburtstag feiern, wo doch mit jedem verflossenen Jahr eigentlich unser Todestag näher rückt. Im Grunde genommen wären diese Tage also ein prima Grund, um Trübsal zu blasen, schwarze Klamotten zu tragen und einer ergreifenden Rede eines Pfarrers zu lauschen.
Blöd ist bloß, dass die Gesellschaft erwartet, der Jubilar hopse fröhlich singend durch die Gegend wie eine Nachtigall auf Koks. Den einzig wahren Geburtstag seines Lebens erlebt Homo Sapiens - das sollte man sich gelegentlich vor Augen führen - am Tag seiner Geburt. Deshalb heißt es Geburtstag. Bereits hier zeigt sich, dass Geburtstage ziemliche Scheißtage sind. Oder kann mir mal jemand erklären, warum fast alle Säuglinge plärren, sobald sie gemerkt haben, in welch einen Schlamassel sie da reingeraten sind?
Der Zwerg kriegt zusätzlich kräftig was auf den Arsch. Angeblich, damit die Lunge frei wird. Das ist natürlich völliger Unfug. In Wirklichkeit sind die brutalen Schläge eine erste Strafe dafür, dass sich der blöde zukünftige Hosenkacker nicht benimmt, wie es sich anlässlich eines so freudigen Ereignisses gehört. Lachen hätte er müssen.
Falls Sie Geburtstagshasser sein sollten: Fragen Sie mal ihre Eltern, ob Sie als frisch gebackener Wonneproppen im Kreissaal misshandelt wurden. Ich bin sicher, Ihre Vorfahren müssen bestätigen, dass mindestens eine neunschwänzige Katze im Spiel war. Dann wissen Sie wenigstens, warum Sie Geburtstagen so viel abgewinnen wie dem Aroma eines Bernhardiner-Darmwindes. Und Vergangenheitsbewältigung ist der erste Schritt in ein schöneres Leben.
Je jünger Sie sind, desto angenehmer sind Geburtstage noch. Na ja, genau genommen scheinen sie angenehm. In Wirklichkeit ist das natürlich nicht der Fall. Beispiele gefällig?
Nun, an Ihrem sechsten Geburtstag haben sie sich wahrscheinlich gefreut, bald in die Schule gehen zu dürfen. Und was hatten sie davon? Die ersten Stresssituationen Ihres Lebens und vielleicht das Können, die Wurzel aus 7 zu ziehen und ein Gedicht zu interpretieren. Wozu Sie letztere Fähigkeiten brauchen, hat Ihnen natürlich keine Sau verraten. Wenigstens machten Topfklopfen, Würstchenschnappen und das Ausblasen der Kerzen auf der Torte noch Spaß. Mit 50 können Sie das nicht mehr, weil Ihnen als Halb-Greis für so viele Kerzen die Luft fehlt. Sollten Sie sich gut gehalten haben und es doch schaffen, holen Sie sich wegen des entstehenden Qualms eine Rauchvergiftung.
An Ihrem 18. Geburtstag durften Sie endlich Auto fahren. Angesichts der Unfallzahlen, querschnittgelähmten Jugendlichen, vielen Toten und zuvorderst wegen der Sonntagsfahrer entpuppt sich die neu gewonnene Freiheit als eher zweifelhaftes Vergnügen. Wenigstens machten Flaschendrehen, Ringelpiez mit Anfassen und natürlich auch die Blaserei noch Spaß.
Ich weiß nicht, ob das nur in Baden Wuerttemberg ein Brauch ist und andere Landstriche davon verschont bleiben (wenn, dann wäre ich neidisch!), aber bei uns ist es Sitte, an seinem Geburtstag "einen auszugeben". "Einen ausgeben" bedeutet leider nicht, was die Redewendung besagt. Sie müssen nicht einen Schnaps oder so ausgeben, sondern gleich den ganzen Laden verköstigen.
Die 27 Mitschüler einer mittelgroßen Klasse würden Sie wahrscheinlich kreuzigen, wenn Sie nur ein Gläschen Korn für alle bereitstellen, wo jeder mal dran nippen oder riechen darf. Obwohl eine schmerzfreie Überfahrt über den Jordan an einem Geburtstag erstrebenswert erscheint - wirklich wollen tut dies natürlich niemand. Deshalb beisst die arme Sau lieber in den sauren Apfel und lässt ein Mittagessen für 300 Euro liefern. Trotzdem müssen Sie kleinere Stänkereien der Mitschüler aushalten.
Der eine: "Ich mag keinen Kuchen, gratulieren tu ich dir trotzdem."
Danke für dein Verständnis, Depp. Friss Scheiße.
Ein anderer: "Als ich ankam, war alles schon weg."
Tut mir leid, aber ich kann keine Selbstschussanlagen anbringen, die verhindern, dass bestimmte Klassen-Hyänen mehr als nur ein Stück Kuchen nehmen.
Ein Dritter spielt scherzhaft auf das Alter an (18. Geburtstag): "Willkommen im Club der fast 20-jährigen."
Lustiger Witz. Arschloch.
Der Vierte bemüht sich wenigstens, Mitleid zu heucheln: "Ja, 18 ist echt scheiße. Hab' das selbst erst erleben müssen. Ab 20 geht's bergab."
Behalte deine Lebensweisheiten für dich, Klugscheißer.
Noch ein anderer: "Ich bin Vegetarier und es war keine fleischlose Pizza dabei."
Das allerdings ist tragisch. Jetzt habe ich das Gefühl,
a) jemanden persönlich beleidigt zu haben und
b) indirekt ein hundsgemeiner Tiermörder zu sein.
Sie sehen, Geburtstage sind fast so deprimierend wie die Weihnachtsfeiertage. Wer zudem die Kosten für die erhaltenen Geschenke (die ohnehin grundsätzlich unbrauchbar sind) mit den Ausgaben verrechnet, die für die Anderen draufgingen sind, wird ein dickes Minus auf dem Konto bemerken. Da fragt sich der Geburtstagshasser schon, wer denn eigentlich Geburtstag hat. Er oder die Aasgeier?
Glücklich schätzen können sich nur Menschen mit einem großen Verwandtschafts- und Bekanntenkreis. In diesem Fall rechnet sich ein Geburtstag. Vorausgesetzt, Sie werden den Geschenk-Krempel per Kleinanzeige tatsächlich los. Sie dürfen den Typen aber natürlich keinesfalls - im Gegenzug - ebenfalls etwas schenken. Sonst wäre Ihr finanzieller Vorteil ja sofort dahin!
Besonders nervig an Geburtstagen ist bekanntlich eine Frage: "Na, wie alt bist du denn geworden?" Sie ist deshalb nervig, weil das Gegenüber in Wahrheit gar nicht wissen will, wie alt man geworden ist. "Na, wie alt bist du denn geworden?" ist eine billige Masche, um so genannten Small Talk zu betreiben. Wir kennen ähnliche Phänomene bei Todesfällen ("Herzliches Beileid"), männlichen Bagger-Attacken ("Kennen wir uns nicht von irgendwo?") oder peinlichen Gesprächspausen, die es zu überbrücken gilt ("Das Wetter ist heute wieder mal schlecht, oder?").
Am besten Sie hängen sich am Tag Ihres Geburtstages ein Schild um mit der Aufschrift "18. Danke. Ich gebe in der Schulcafeteria einen aus." Damit ist alles gesagt.
Damit Sie nicht wegen zu hoher Geldausgaben irgendwas verkaufen müssen, kann ich Ihnen nur empfehlen, nicht auch noch auf die dumme Idee zu kommen, eine Party schmeißen zu müssen. Derlei kollektive Saufgelage zeichnen sich nämlich durch weitere Nachteile aus. Glauben Sie bloß nicht, diese Zusammenkünfte nutzen zu können, um endlich ein Mal mit den vielen Freunde zu plaudern, die Sie seit rund eineinhalb Milliarden Jahren nicht mehr gesehen haben.
Anfangs kommt der Gastgeber gar nicht dazu, weil er die anwesenden Freunde-Parasiten, die vor der Feier absichtlich eine Wochen nichts gegessen haben, bewirten muss. Und später sind alle besoffen oder zugekifft oder beides. Das Ergebnis ist dasselbe.
Die wenigen Minuten zwischen Kellnerjob und Koma-Betreuung bieten eine Gesprächszeit von zirka 30 Sekunden pro Person. Das ist
a) etwas oberflächlich. Und
b) sind alle sauer, weil das Geburtstagskind so arrogant geworden ist.
Dafür hat der Hausherr zu später Stunde eine Menge Spaß mit den Bullen, die von den Nachbarn wegen des Lärms gerufen werden. Der Tag danach ist aber erst richtig klasse. Nachdem Sie das Paar, das irgendwann nachts in Ihrem Bett wild zu poppen begonnen hatte, aus demselben entfernt haben, dürfen Sie sich an den Kotzlachen im Bad, den Brandlöchern im Wohnzimmerteppich und den Rotweinflecken auf der weißen Couch erfreuen und das ganze Desaster auch noch irgendwie in den Griff kriegen. Herzlichen Glückwunsch, das neue Lebensjahr beginnt genauso toll, wie das alte endete.
Wer glaubt, dem Geburtstagshorror entkommen zu können, indem er sich einen Tag frei nimmt und zu Hause einsperrt, hat die Rechnung ohne seine Umwelt gemacht. Diverse Anrufer werden den Flüchtigen daran erinnern, dass heute nicht sein Tag ist. Besonders und häufig, wenn er sich gerade ein bisschen aufs Ohr gehauen hat. Selbst der Klassenlehrer und die Verantwortlichen des Sportvereins entblöden sich nicht, ihre computergenerierten Segenswünsche auszusenden.
Für einen Single ist der Geburtstag ohnehin das zweitschlimmste Ereignis nach dem Valentinstag, weil sich alle Verflossenen geballt per Postkarte melden - was den Alleinlebenden an sein schreckliches Schicksal erinnert. Am Valentinstag melden sich die Verflossenen natürlich nicht, dafür aber der Valentinstag an sich. Er ist dabei fast so penetrant wie Weihnachten.
"Denken Sie daran: Morgen ist Valentinstag", sagt der Fernseher.
"Mann, morgen ist Valentinstag, was soll ich meiner Schnitte bloß schenken?" fragt der Kumpel.
"Denken Sie daran: Morgen ist Valentinstag", sagt das Radio.
"Denken Sie daran: Morgen ist Valentinstag", sagt das Schild am Blumenladen.
Ja meine Güte, der Single denkt an nichts anderes als an den Valentinstag. Doch das nur am Rande. Denn eigentlich wollen Sie ja wissen, wie Sie um Ihren Geburtstag herumkommen.
Nun, ein Heilmittel kenne ich nicht. Ich kann Ihnen nur einen Trick verraten, wie Sie das Problem etwas mindern. Geben Sie überall an, ja überall, am 29. Februar Geburtstag zu haben. Ihren Freunden gegenüber, beim Lehrer, im Anmeldeformular des Sportvereins, beim Antrag für den Personalausweis und sagen Sie's auch Ihrer Mutter, immer und immer wieder, bis sie's glaubt.
Üben Sie vor dem Spiegel: "Ich habe am 29. Februar Geburtstag". Damit Sie's selbst auch glauben. Es geht dabei nicht um den alten Witz, dass Sie nur in einem Schaltjahr alle vier Jahre um zwölf Monate altern, obwohl der Gedanke natürlich etwas hat. Der Sinn an der Sache ist, dass Leute, die am 29. Februar geboren wurden, häufig vergessen werden. Die Betroffenen flennen deshalb rum, in Wahrheit sind sie außergewöhnlich glückliche Geschöpfe. Selbst der Geburtstagscomputer der Schule kriegt den fehlenden 29. nicht mit und übergeht das potenzielle Opfer. Na wenn das jetzt mal kein genialer Tipp war.
Ein letzter Gedanke sei mir zum Abschluss noch erlaubt: Ich glaube, ich habe den von der Menschheit so innig gesuchten Brunnen der ewigen Jugend entdeckt! Urplötzlich und ohne Vorwarnung. Beim Forenlesen. Diese Erkenntnis will ich Ihnen logischerweise nicht vorenthalten. Folgenden Thread hatte ich gefunden, in meinem Lieblingsforum, dem Radio-Orange Internforum: "Kriminelle werden immer jünger", hieß es dort. Die haben's gut, die Kriminellen, hab' ich mir da gedacht. Ich würde auch gern jünger werden. Für einen Moment dachte ich drüber nach, die Kreissparkasse zu überfallen. Allerdings nur ganz kurz, ehrlich.
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Kommentare
Sun, 24 Jun 2007 13:21:33 GMTHHHAAAAAAAAAAAHAAAAAAAA
von
stylaprincess91
ich liebe dein texte die sind so geil geschrieben *daumenhoch* jaaaah